#Icebucketchallenge - Kübelweise Schwachsinn

Cicero Online schaut zurück auf ein Jahr voller interessanter, bewegender, nachdenklicher oder einfach schöner Texte. Zum Jahreswechsel präsentieren wir Ihnen die meistgelesenen Artikel aus 2014. Platz 10: Bill Gates hat es getan. George W. Bush und Helene Fischer auch. Sie alle haben sich vom Sammeln für die Krankheit ALS freigekübelt

Bill Gates nahm die Ice Bucket Challenge an
Screenshot: Youtube

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Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins Cicero.

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Vor ein paar Wochen ist mir dieser Kübel das erste Mal begegnet. Was für ein Schwachsinn, habe ich gedacht. Seither erlebe ich, wie viele vernunftbegabte Menschen sich vor laufender Handy-Kamera mit Eiswasser übergießen. Bill Gates, Bastian Schweinsteiger, selbst Kermit der Frosch. Auch der Vize-Kanzler Sigmar Gabriel hat angekündigt, die Herausforderung anzunehmen. Im Eisbärenkostüm! Ist Papst Franziskus eigentlich schon nominiert? Bestimmt.

Manchmal, und insbesondere bei diesem Kübelquatsch, überkommt mich der Gedanke, ob Wladimir Putin bei all seinen Untaten nicht doch ein bisschen recht hat damit, dass sich die westliche Welt in ihrem Spaßwahn einem Zustand delirierender Dekadenz nähert. Seit der Kuba-Krise und dem Fall der Mauer gab es keine so heikle Weltlage mehr wie derzeit. Und die Leute gießen sich fröhlich einen Eimer Wasser über den Kopf. Hoffentlich ist er wenigstens hinterher klarer.

Ja, ja, ich weiß schon. Guter Zweck. Deshalb muss man wohl diesen unbekannten Marketingmenschen der ALS-Hilfsorganisation bewundern und verteufeln zugleich. Jedenfalls hat er den Zusammenhang zwischen den viralen Möglichkeiten des Netzes und dem Spiel- und Herdentrieb des Menschen sowie dessen Exhibitionismus brillant erkannt und sich zunutze gemacht. Glückwunsch. Und Millionen sind infantil genug, darauf reinzufallen. Doppelter Glückwunsch. Viral ist übrigens ein sehr treffender Begriff in diesem Zusammenhang. Denn Dummheit ist, wie man sieht, über das Netz extrem ansteckend, und gegen dieses Virus und diesen Ansteckungsweg hilft keine Medizin.

So. Und jetzt bin ich selbst am Wochenende nominiert worden für die Herausforderung. Gleich zweimal. (Ein herzlicher Dank an dieser Stelle den beiden lieben Kollegen...). Auch der Speicher meines Handys wurde herausgefordert - unzählige SMS dokumentieren den Irrsinn: Machst du's? Machst du's? Machst du's?

Ich stehe also vor der Frage: Coole Sau oder Spaßbremse. Aus den bisherigen Zeilen ist eventuell eine Tendenz abzulesen. Hirnlose Massenphänomene konnte ich noch nie leiden, und Kettenbriefe habe ich auch dann immer weggeworfen, wenn sie einem tatsächlich oder vermeintlich guten Zweck dienten.

Also, sorry, lieber Michael, lieber Matthias, kein Eimer. Stattdessen eine Spende über 100 Euro für die Obdachlosenambulanz am Bahnhof Zoo (mit der unverbindlichen und challengefreien Bitte um Nachahmung, hier der Link), und 100 Euro für ein Kinderhospiz (mit der unverbindlichen und challengefreien Bitte um Nachahmung, hier der Link).

Die unverbindliche Bitte ergeht insbesondere an die beiden lieben Kollegen Michael Bröcker und Matthias Matussek, die das Geld erübrigen können sollten. Schließlich haben sie sich beim Sammeln für ALS ja persönlich freigekübelt.

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