Hunter S. Thompson im Comic - Die Klapperschlange im Streichelzoo

Angst und Schrecken und Sprechblasen: Die Comic-Biografie des legendären amerikanischen Reporters Hunter S. Thompson

Die Freak-Version des rasenden Reporters
„Gonzo”-Cover (Haffmans und Tolkemitt)

Autoreninfo

Christophe Braun hat Philosophie in Mainz und St Andrews studiert.

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Gute Rezensionen beginnen mit einem Geständnis. Meines geht so: Neulich sah ich im Schaufenster einer Buchhandlung den Comic „Gonzo – Die grafische Biografie des Hunter S. Thompson“ von Will Bingley und Anthony Hope-Smith. Ich hätte ihn gerne gekauft. Aber es war Sonntag, und der Laden hatte zu. Leise fluchend ging ich nach Hause.

In den nächsten Tagen bildete ich mir ein, den Comic an allen möglichen Orten zu sehen: in der U-Bahn, beim Libanesen, im Tiergarten, beim Späti, auf dem Tempelhofer Feld, zwischen meinen Socken, unter der Spüle, im Joghurt. Als er mir auch noch im Traum erschien, war klar: Etwas musste unternommen werden.

Ich ging wieder zur Buchhandlung. Diesmal war sie geöffnet. Der Comic war weg. Was die Sache mit dem Leben und dem Zuspätkommen angeht, hat Gorbatschow völlig recht.

Was tun? Und plötzlich war da diese Stimme. Flüsternd, verführerisch:

„Bestell ein Rezensionsexemplar!“

„Unmöglich!!“, kreischte mein Gewissen: „Der Comic ist bereits VOR ZWEI JAHREN erschienen! Wie soll er da eine Rezension rechtfertigen?“

„Sag, dass Du etwas über politischen Journalismus schreiben möchtest ...“, flötete die Stimme der Verführung.

Was soll ich sagen? Ich schickte mein Gewissen zum Blümchenpflücken in den Wald und bestellte den Comic.

So, jetzt ist es raus. Ich fühle mich besser. Kommen wir zur Rezension.

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Hunter S. Thompson war ein journalistischer Berserker. In einem Raum mit anderen Reportern wäre er so unauffällig gewesen wie eine Klapperschlange im Streichelzoo: Er war der Gottseibeiuns jedes Journalistik-Dozenten, die heilige Kuh aller kiffenden Schreiber und schreibenden Kiffer (von den Trinkern ganz zu schweigen), ein Menschen- und Staatsfeind, der mit seinen furiosen Reportagen in den Sechzigern und Siebzigern maßgeblich zum Ruf des Rolling Stone beitrug. Seine Herangehensweise war radikal subjektiv, häufig boshaft und einseitig. In seinen besten Texten taumelt er ständig auf dem schmalen Grad zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Aber auf seine Art war dieser Reporter immer näher dran an der Wahrheit, diesem glitschigen Biest, als seine stocknüchternen Kollegen, die wahrscheinlich sogar ihre Liebesbriefe in komatöser Meldegehorsamstprosa verfassten.

Kann man einem solchen Menschen gerecht werden, in einem Comic? Natürlich nicht. Bingley und Hope-Smith wissen das – und versuchen es darum auch gar nicht erst.

Stattdessen konzentrieren sie sich in einer Handvoll lose verknüpfter Episoden auf Wendepunkte: im Leben des Reporters und in der Geschichte der USA in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ihr besonderes Augenmerk gilt dabei den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren – jener Zeit, in der Thompsons wichtigste Reportagen „Hell’s Angels“ (1967) und „Fear and Loathing in Las Vegas“ (1971) und „Fear and Loathing on the Campaign Trail ‘72“ (1972) entstanden. Hope-Smith fängt die Handlung in groben, kontrastreichen Bildern ein, die mal ruhig und klar, mal verzerrt und surreal daherkommen. Darüber legt Will Bingley knappe, häufig auf Originalzitaten basierende Texte.

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Mein Gewissen kam übrigens nach einigen Tagen mit einem spektakulären Blümchenstrauß aus dem Wald zurück.

„Ach“, machte es und schaute auf den zerfledderten Comic auf meinem Nachttisch, „ein neuer Comic – hübsch!“

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