Die Bibliothek des Berliner Kunsthistorikers Horst Bredekamp ist so umfangreich und außergewöhnlich, dass die Steuerbehörde ihm eines Tages einen Besuch abstattete, um zu überprüfen, ob er auch kein Antiquariat betreibe.
Alles war bereit, die Wohnung renoviert, der Umzug bestellt, da kamen Horst Bredekamp ernste Zweifel, ob das, was er vorhatte, auch moralisch vertretbar sei. Er ging von einem leeren Zimmer ins andere und fragte sich: Das ist doch unanständig, 160 Quadratmeter nur für einen allein? Damals beruhigte ihn ein Freund – in Berlin lebe man nun mal auf großem Fuß. Und das Ganze hatte ja auch seine Vorteile: „Es war fantastisch, zum ersten Mal konnte ich alle meine Bücher um mich haben.“
Die Sophienstraße in Mitte ist bestes Berliner Pflaster. Zentral gelegen, ruhig, hübsch saniert. Zur Museumsinsel sind es fünf Minuten zu Fuß, zur Humboldt-Uni zehn. Dort lebt Horst Bredekamp seit 15 Jahren, doch anfangs war es alles andere als friedlich. „Hier herrscht Krieg“, klärte ihn der Hausmeister auf. „Krieg zwischen Ost und West.“ Inzwischen sind die beiden längst Freunde – das Eis brach, als der eine beim anderen in der neuen Küche einen Kühlschrank „aus Ostproduktion“ entdeckte. „Und dann schlossen wir einen Vertrag“, erinnert sich Bredekamp. „Wir vereinbarten, keine Himmelsrichtungen mehr zu gebrauchen.“
Horst Bredekamp, geboren 1947, ist einer der bekanntesten deutschen Kunsthistoriker. Studium in Kiel, München, Berlin und Marburg. 1974 Promotion ebenda mit einer Arbeit über die „Kunst als Medium sozialer Konflikte. Bilderkämpfe von der Spätantike bis zur Hussitenrevolution“. Anschließend absolvierte er ein Volontariat am Liebieghaus in Frankfurt, ging danach als wissenschaftlicher Assistent an die Uni Hamburg, die ihn 1982 zum Professor ans kunstgeschichtliche Institut berief. Seit 1993 ist er in gleicher Position an der HU in Berlin tätig.
Als Arbeitsschwerpunkte verzeichnet seine Institutswebsite „Bildersturm, Skulptur der Romanik, Kunst der Renaissance und des Manierismus, Politische Ikonografie, Kunst und Technik, Neue Medien“ – also eine Zeitspanne von rund tausend Jahren. Die Liste seiner ehemaligen und aktuellen Ämter und Mitgliedschaften umfasst eine eng beschriebene DIN-A4-Seite – Getty Center, deutscher Wissenschaftsrat, Volkswagenstiftung, um nur einige zu nennen. Erwähnenswert wäre noch sein Sitz im Beirat der Bibliotheca Hertziana in Rom und des Kunsthistorischen Instituts von Florenz, für Kunstgeschichtler eine Art Olymp. Wenige seiner Kollegen sind so gut vernetzt und zugleich fachlich so außerordentlich versiert. „Ich führe ein Managerleben“, sagt der 64-Jährige fast entschuldigend, als er erklären soll, warum die Zeit nicht mehr fürs Marathontraining reicht. Sondern nur noch für zweimal die Woche Fußball.
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