Veggie-Day und Unisex-Toiletten

Aufmarsch der Hyperkorrekten

Veggie-Day, Unisex-Toiletten, gleiche Rechte für gleichgeschlechtliche Paare - überhaupt für alle Menschen und Menschinnen. Wer es wagt, leise Zweifel an der neuen politischen Korrektheit anzumelden, der wird in Bann und Acht gesteckt. Aus dem Archiv

Es gibt offenbar Myriaden von Menschen, die sich keinem Geschlecht zugehörig fühlen können oder wollen.
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Unser Autor

Alexander Kissler ist Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam“ und „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“.

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Die Säkularisierung des Westens mag noch so stracks fortschreiten, ganz ohne Religion kommt der Mensch offenbar nicht aus. Ist’s kein Gott, so müssen viele Götzen her, denn das Gewissen schlummert nie. Es soll uns gemahnen, unerbittlich: Spare dir das Fleisch, denke das Richtige, meide die falschen Worte. Die Hyperkorrekten sind unter uns, sie verstehen keinen Spaß. Sie machen sich das abgründige Motto aus der „Zauberflöte“ drakonisch zu Eigen. „Wen solche Lehren nicht erfreu‘n, / Verdient es nicht, ein Mensch zu sein.“

Natürlich hat es noch keinem geschadet, den Fleischkonsum auf ein moderates Maß einzuschränken. Verdrießlich aber stimmt die Verbissenheit, mit der die Hohenpriester der Hyperkorrektheit sich an die Umerziehung des Menschen machen. Wer raucht, muss sich schon lange rechtfertigen, obwohl es wahrlich riskantere Laster gibt und obwohl die Freiheit des Menschen immer auch eine Freiheit zum Laster ist.

Nun soll es den Fleischessern an den Kragen gehen. Der Tag scheint  nicht mehr fern, da der momentan heiß diskutierte „Veggie-Day“ von einem Angebot zur staatsbürgerlichen Pflicht wird: Beweise, dass du dich beherrschen kann, sonst kürzen wir dir Lohn, Gehalt oder Rente. Ein schlimmer Puritanismus im Gewand der Fürsorge greift um sich. Letztlich verbirgt sich dahinter die pure Misanthropie, der Mensch als Störfall der Schöpfung.

Von Hyperkorrektheiten ist auch der Streit um die „Homo-Ehe“ geprägt. Sich für diese einzusetzen, hat selbstverständlich jeder und jede alles Recht dieser Welt. Wer es aber wagt, leise Zweifel anzumelden, zum Beispiel, ob vielleicht Homosexuelle doch nicht die besseren Eltern sind, der wird in Bann und Acht gesteckt, vergleichbar dem mittelalterlichen Spießrutenlauf.

Wo bleibt die Freiheit, wenn es nicht eine Freiheit ist zum Widerspruch, zur Absage, zur Minderheit? Was ist eine Toleranz, was eine Gleichberechtigung wert, wenn in deren Namen ganz intolerant Denkverbote ausgesprochen und Platzverweise erteilt werden?

Schließlich – so vermerkte kühl das „Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie“ – könnte das Bundesverfassungsgericht mit seinem Urteil zur Adoption sich die eigene Grube gegraben haben. Nach dem Karlsruher Entscheid stelle sich die „elementare Frage der Gleichbehandlung und Gerechtigkeit“ ganz neu: „Warum sollen zum Beispiel zusammenlebende Geschwister oder andere Wohngemeinschaften nicht auch in den Genuss der Vorteile der eingetragenen Lebenspartnerschaft kommen? Warum werden nur sexuell gleichgeschlechtlich orientierte Lebenspartnerschaften privilegiert? Mit dieser Frage werden sich die Richter vermutlich auch einmal auseinanderzusetzen haben.“ Durchaus konsequent fordert bereits die „Grüne Jugend“, „dass ein Kind von mehr als nur zwei Menschen adoptiert werden kann.“ Nichts muss, alles kann.

Zum Hochsicherheitstrakt des Hyperkorrekten wird zunehmend das alltägliche Gespräch. Dass es neben „Bürgern“ selbstredend „Bürgerinnen“ gibt, ist Allgemeingut geworden und führt bei vielen Politikern zur phonetischen Stolperfalle; sie begrüßen launig „alle Bürgerinnen und Bürgerinnen.“ Vor „Mensch“ und „Menschin“ werden wir vermutlich noch eine Weile bewahrt, heute aber schon soll es keine „Arbeitslosen“, keine „Alleinerziehenden“, nicht einmal „Personen mit Migrationshintergrund“ geben. Diese und 20 weitere Begriffe, belehrte uns jüngst die „Nationale Armutskonferenz“, seien „soziale Unwörter“. Hinfort mit ihnen.

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Kaum ein Tag vergeht, an dem der Hyperkorrektheitswahn keine neue Liste gebiert, keine neue Verordnung, keine neue Bauvorschrift. Werden die Unisex-Toiletten, wie sie der Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg zum 1. Juni einführen will, Schule machen? Es gibt offenbar Myriaden von Menschen, die sich keinem Geschlecht zugehörig fühlen können oder wollen. Ihnen wollen die Berliner Bezirksabgeordneten nun die Möglichkeit eröffnen, ihr Geschäft an geschlechtsneutraler Stätte zu verrichten – auf dem trans- und intersexuellen Örtchen.

Eines Tages wird alles Reden unter gesellschaftlichem Verdikt stehen, weil eigentlich jedes Wort eine diskriminierende Schlagseite hat. Man wird alle Laster verbieten mit einer Freude, wie sie Robespierre nie aufbringen konnte, denn jedes menschliche Laster schadet dem Planeten Erde. Man wird die Liebe verbieten, weil sie sich nicht regeln lässt, wie man zuvor den Rausch und das Fleisch und den Abfall verbot. Dann werden wir alle schweigend durch die Straßen huschen und möglichst wenig dabei atmen. Denn er stört, der Mensch.

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