Bester Hörfunk ist manchmal ganz einfach. Man nehme zwei kompetente Gesprächspartner, dazu einen genauen, zurückhaltenden Moderator, und lasse sie diskutieren. Zum Beispiel über Richard Wagner. Hier Peter Wapnewski, dessen Emphase geläutert ist durch ein immenses Wissen. Da Imre Kertész, der ungarische Jude, in dessen Leben unter dem Stalinismus Wagner regelrecht einbricht.
Bester Hörfunk ist manchmal ganz einfach. Man nehme zwei kompetente Gesprächspartner, dazu einen genauen, zurückhaltenden Moderator, und lasse sie diskutieren. Zum Beispiel über Richard Wagner. Hier Peter Wapnewski, dessen Emphase geläutert ist durch ein immenses Wissen. Da Imre Kertész, der ungarische Jude, in dessen Leben unter dem Stalinismus Wagner regelrecht einbricht. Eine inwendige Rezeption, poetisch berührt: Wo Wagners Antisemitismus am schlimmsten ist, weigert sich Kertész einfach, ihn zur Kenntnis zu nehmen. Wapnewski ist ein deutscher Professor, wie er angelsächsischer nicht sein kann. Keine Pointe wird ausgelassen, eitel ist er auch, aber die Freihändigkeit, mit der er in seinem Bildungskosmos herumturnt, macht ihm mindestens so viel Vergnügen wie uns auch. In der Diskussion um die Kulturwellen des Hörfunks wird häufig so getan, als ginge es bloß darum, dass vom Forellenquintett nur noch gespielt wird, was alle mitsummen können. Aber es geht auch darum, dass kenntnisreiches Reden über Kunst einen Platz im Radio behält: anspruchsvolles, dabei mündliches und alltägliches Reden, spontan assoziierend und subtil einordnend. Die besten Radioerzähler konnten das. Und Wapnewski ist einer der besten. Man höre etwa seine kommentierenden Lesungen des «Parsifal» oder des «Tristan». Da erlebt man einen schlanken mündlichen Stil – erstauntes Lesen, als hätte Wapnewski den Text eben erst ganz für sich entdeckt. Wer die Wagner-Diskussion vertiefen will, sollte sich dieser Führung durch «Tristan und Isolde» anvertrauen. Hier wird man auch die schöne Stelle wiederfinden, an der Wapnewski im Gespräch mit Kertész die Gesanglichkeit der Wagnerschen Sprache erläutert («Herr Tristan trete nah») – direkt an Furtwänglers Einspielung. Etwas Leichteres zum Schluss? Bitte sehr: Tommy Jauds «Vollidiot», ein oberflächliches, süffiges Stück Männerliteratur. Aber mit schön komischen Effekten und Kontrasten. Als ich dies testosteronhaltige Stück Literatur auf den Ohren hatte (gelesen, nein brilliert von Christoph Maria Herbst), in einem abendlich mit Geschäftsleuten gefüllten ICE, wurde durch mein haltloses Lachen die einzige Frau im Großraumwagen, gegenüber auf dem Gangplatz, auf mich aufmerksam. Leider war da schon Hannover. Der Fall Wagner. Imre Kertész im Gespräch mit Peter Wapnewski Peter Wapnewski Tommy Jaud
Moderation Albrecht Thiemann.
Hg. Brandenburgisches Literaturkontor.
Vacat, Potsdam 2004. 53 Min., 12 €
Tristan & Isolde
Vollständige Einspielung mit Kommentar (Wilhelm Furtwängler, London Philharmonic 1952).
Hörverlag, München 2003. 6 CDs, 368 Min., 63,95 €
Vollidiot
Gelesen von Christoph Maria Herbst.
Patmos, Düsseldorf 2005. 3 CDs, 239 Min., 19,95 €









