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 > Hermann Hesses romantisches Außenseitertum

Salon

Ein Guru auf LSD?Hermann Hesses romantisches Außenseitertum

Von Jutta Person20. Juni 2012
Gret Widmann
Hermann Hesse,Stufen,Steffenwolf,Siddharta,Unterm Rad,Suhrkamp
Hermann Hesse: Der Anwalt der Einzelnen
Schrift:

Östliche Weisheitslehren, Naturverehrung und Ablehnung des bürgerlichen Establishments: Die Hippies erkoren Hermann Hesse zum Guru, danach beseelte er die Umweltbewegung – bis heute werden seine Bücher begeistert gelesen

Seite 1 von 4

Timothy Leary war begeistert – und doch auch irritiert: «Erreichte Hesse diesen visionären Zustand selbst? Durch Meditation? Spontan? Benutzte H. H., der Dichter selbst, den chemischen Pfad zur Erleuchtung?» In seinem Essay in der Psychedelic Review von 1963 empfiehlt der LSD-Prophet, sich nicht von literarischen Schnörkeleien ablenken zu lassen, sondern sich der Bewusstseinserweiterung und Innenschau zu öffnen, die das Werk des schwäbischen Literaturnobelpreisträgers bereithalte. «Vor deiner LSD-Sitzung solltest du ‹Siddhartha› und ‹Steppenwolf› lesen.» Ob Hesse tatsächlich Meskalin genommen hatte, konnte Leary nicht klären, aber letztlich sei das auch egal, vermerkt er generös. Entscheidend sei, dass Hesse zu jenen «Illuminati» gehörte, die quer durch alle Zeiten das große Ganze, die Einheit aller Gegensätze, erfasst hätten.

Dass Hermann Hesse in den sechziger und frühen siebziger Jahren zum unverzichtbaren Bestandteil der amerikanischen Hippiekultur avancierte, lag natürlich nicht nur an Timothy Leary. Schon in den fünfziger Jahren hatte der Schriftsteller Colin Wilson den Dichterrebell in seine große Untersuchung «The Outsider» aufgenommen und ihn damit in den USA bekannt gemacht. Ende der Sechziger röhrte dann die Band «Steppenwolf» – benannt nach Hesses Roman – im Chopper-Movie «Easy Rider» eine Ode an eine fast schon wieder versinkende Bewegung: «Like a true nature’s child / we were born to be wild / we can climb so high / I never wanna die».

Dazwischen lag ein Jahrzehnt, das man statt «wild» vielleicht besser «mild» genannt hätte, denn hier hatte sich tatsächlich eine Umwertung aller Werte vollzogen, trotz Rassenauseinandersetzungen und Vietnamkrieg. Das Harte sollte weich werden, das Kantige fließend. Vor allem nämlich durch den esoterisch-individualistischen Komplex der Hippies kam eine weltanschauliche Gemengelage zustande, die das Glück zu einer Waffe machte: Happiness is a warm gun.  

Bildergalerie: LITERATUREN – Die besten Romane für den Sommer

Östliche Weisheitslehren, Naturverehrung, romantisches Außenseitertum, die Ablehnung des Vietnamkriegs und des bürgerlichen Establishments überhaupt – die ganze Palette des Flower Power-Programms ließ sich mit geradezu phantastischer Passgenauigkeit aus Hesses Büchern herauslesen. Oder war es umgekehrt? Bot das Vokabular der Selbstwerdung und Selbstfindung, das die Romane vom «Demian» bis zum «Glasperlenspiel» durchzieht, einfach nur genügend Spielraum für eine Lesart, die gar nicht am toten Buchstaben, sondern an Sinn- und Seelensuche interessiert war? Den «Werde, der du bist»-Dramen Hesses haftet ohne Zweifel ein Zug ins Sendungsbewusste an, der Literatur zum Vehikel einer lebensrettenden Botschaft macht. Über «Siddhartha», die indische Dichtung von 1922, schrieb Henry Miller 1973 in einem Brief an den Hesse-Herausgeber Volker Michels, das Buch sei für ihn «eine wirksamere Medizin als das Neue Testament».

Genau diese Art von Heilsversprechen war der Literaturkritik und einigen – möglicherweise neidischen – Schriftstellerkollegen ein Dorn im Auge: Hesses Werke seien gar keine Dichtung, sondern Bekenntnis, was der Dichter selbst schon 1926 bestätigt hatte. Gottfried Benn meldete einen typisch deutschen «Innerlichkeitsromancier», was selbstverständlich abwertend gemeint war.

Die jugendlich-inbrünstigen Fans kümmerte das wenig; in den Sechzigern allerdings, als der Boom in den USA zu Millionen-Auflagen führte, gab es in Deutschland gerade einen Absatz-Knick. Das Romantische stand zeitweilig unter Generalverdacht, und die jüngere Leserschaft, «nun an Grass-Johnson-Walser-Weiss-Prosa orientiert», wolle «von den Lebenssinnsucher-Epen Hesses nichts mehr wissen», bemerkte der «Spiegel» 1968 mit leicht hämischem Unterton. Zehn Jahre zuvor war dort schon die ziemlich süffisante Titelgeschichte «Im Gemüsegarten» erschienen, die den Nobelpreisträger als schrulligen, unpolitischen und weltabgewandten Blumenonkel porträtierte.

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Wilfried Kretschman zitierte in seiner Antrittsrede, im Landtag von Baden-Württemberg, Hermann Hesse mit den Worten: “Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne”.

Man darf die Wirkung dieser in Jugendjahren erfahrenen "Erleuchtungen" nicht unterschätzen. Eine ganze Generation wurde davon geprägt und wird noch heute davon geleitet.

Ich hatte das schon vor einem Jahr mal thematisiert:
http://www.science-skeptical.de/blog/die-religion-der-okologisten/004846/

  • Antworten
Quentin Quencher20.06.2012 | 17:52 Uhr

Die Begeisterung

über Hesse konnte ich noch nie teilen. Was ich gelesen habe, gehört für mich in die Rubrik Kitsch. Aber die Geschmäcker sind ja verschieden - und das ist gut so.

  • Antworten
Katharina K.24.06.2012 | 19:32 Uhr

hesse

Mißverständnis

das in allen Dingen liegt, als gegenteilige Verstrebung der in sich verfließenden Wahrheiten, bezüglich einer Perspektive (Nietzsche), die das Seltene als Ereignis sein lässt.und somit der Geschichtlichkeit der Ereignung
zukommen läßt; „amor fati“... ergibt die Liebe zu seltenen Entscheidungszeiträumen in der Unbestimmbarkeit
der „viel zu vielen“ Personen.
Hermann Hesse ist keine Person der Öffentlichkeit, wenn wir hier vom Wesentlichen der Ereignung sprechen;
zumal Lysergsäurediethylamid ( A. Hoffmann) induziert zu sein scheint, und dann möglicherweise inaugurierte „Erfahrung“ gebiert.

In dieser Hinsicht gibt es keinen Unterschied zwischen Ernst Jünger und Hermann Hesse, was die eindeutige
„Erfahrung“ des Da- Seins (M. H.) betrifft.

Da dies im „demokratischen Vollzug“ nicht verstanden werden kann, sprich nicht kommunizierbar ist ( vor
allem im Sinne der „Diskursethik“ von J. Habermas, sollte der „kritische“, „reflektierte“ „Intellektuelle“ in
sein Biedermeierhäuschen gehen und möglicherweise im Prenzlauer Berg die leise Katastrophe des ESM freudig
begrüßen.

Die „permanente Revolte“ fand nur bei Wenigen und im Gehirn statt.
Und so schließt sich ein Kreis in den Kreislauf der Natur, in der sich nun langsam abzeichnenden Katastrophe.

siehe: SCHICHTENKURZSCHLUSS.
Der Quantensprung findet immer
statt,–bei Einzelnen, Seltenen: Die platonische Urerfahrung
(Broch), der Schichtenkurzschluß im Gehirn (Kloss), René Char,
Ernst Jünger etc. Was soll ein Mensch schon machen, wenn er diese Erfahrung gemacht hat.
Heiligt euch selbst

  • Antworten
petervonkloss02.07.2012 | 16:51 Uhr

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