Henry Wallis war ein reicher Mann. Doch sein berühmtestes Gemälde handelt von einem Dichter, der sich aus Verzweiflung über Armut und fehlende Anerkennung das Leben nahm
Für seine besonders feine Malerei soll Henry Wallis (1830-1916) eine kuriose Methode entwickelt haben. Es heißt, er habe erst die Vorzeichnung und die Farbe aufgetragen, die Farbe trocknen lassen und dann mit einem dünnen Haarpinsel die Details eingefügt. Für die Lichthöhungen benetzte er die Oberfläche mit Wasser und berieb dann die betreffenden Stellen mit einem Stück Brot.
Das berühmteste Gemälde des englischen Präraffaeliten ist „Chattertons Tod“ aus dem Jahr 1856. Es war eine Sensation, als es im selben Jahr in der Royal Academy in London ausgestellt wurde und den wortgewaltigen Kunstkritiker John Ruskin zu dem Ausspruch hinriss, es sei „tadellos und wunderbar“. Der blasse Jüngling mit dem langen, feuerroten Haar und der violetten Hose, der da tot auf seinem Bett in einer armseligen Dachkammer liegt, stellt den jungen Dichter Thomas Chatterton dar. Chatterton hatte sich rund hundert Jahre zuvor im Alter von nur 17 Jahren das Leben genommen. Er war als Junge ohne Vater in bescheidenen Verhältnissen in Bristol aufgewachsen und hatte sich als Schreiber in einer Kanzlei verpflichtet, eine mühselige und monotone Beschäftigung, entlohnt nur mit Kleidung, Kost und Logis.
Schließlich kündigte er, um sich der Schriftstellerei zu widmen, und zog nach London. Er hatte sich historische Abenteuer eines jungen Mönchs ausgedacht, die er in altem Englisch auf Pergament bannte und mit Ocker bearbeitete, als hätte der Zahn der Zeit daran genagt. Seine mittelalterlichen Fälschungen führten verschiedene Stadtväter von Bristol aufs Eis, die sich darüber freuten, vermeintliche Dokumente zur Stadtgeschichte gefunden zu haben. Doch weder seine historischen Fälschungen noch seine Gedichte brachten ihm Glück oder stetes Einkommen. An einem Sommerabend im August 1770 vergiftete er sich mit Arsen.
Die Geschichte vom tragischen Tod Thomas Chattertons war im 19. Jahrhundert sehr populär. 1835 wurde in Paris Alfred de Vignys Drama „Chatterton“ uraufgeführt, und 1842 erschien in London die vollständige Ausgabe der Werke des jungen Dichters in zwei Bänden. Seine märtyrerhafte Geschichte konnte auch als Kritik am zeitgenössischen Umgang mit Künstlern verstanden werden. So sind auch auf dem Bild von Wallis in Fetzen gerissene Manuskriptseiten prominent platziert – wie eine Anklage an das Publikum. Wallis scheint zu sagen, dass die Verzweiflung über fehlende Anerkennung den Künstler in den Tod getrieben habe.
Zudem schwelgt der Präraffaelit in den Details: Auf dem Boden ist noch das Giftfläschchen zu sehen, das dem Toten aus der Hand gefallen ist. In der Luft wabert die flüchtige Rauchspur einer erloschenen Kerze, und das Fenster ist geöffnet, als ob die Seele des Jünglings gerade eben erst entflohen ist. So hat sich die jugendliche Verzweiflung in ein schauerlich- schönes Ende verwandelt – ein Bild von kühlem Eros und Todessehnsucht.
Als Modell diente dem Künstler ein befreundeter Romancier, mit dessen Frau er zwei Jahre später durchbrannte. Zwar prangert Wallis die Situation des armen Künstlers an, aber er selbst nagte nicht am Hungertuch. Er war noch keine 30 Jahre alt, als eine Erbschaft ihn zum reichen Mann machte. So konnte er sich aufs Reisen verlegen und sich seinen Interessen widmen, der Archäologie und der Kunst der Renaissance. Malen, um Geld zu verdienen, musste er seitdem nicht mehr. Das ist auch der Grund dafür, dass sein Oeuvre im Wesentlichen auf sein Frühwerk begrenzt ist. Berühmt geworden ist nur ein einziges Bild: „Chattertons Tod“.











