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 > "Ich bin ein Suchtmensch"

Salon
Regisseur Hans Neuenfels

"Ich bin ein Suchtmensch"

Interview mit Hans Neuenfels 11. Januar 2012
picture alliance
Hans Neuenfels, Theater, Bühne, Regisseur
„Ich werde abtreten, wenn mein Blutdruck mir wichtiger ist als ein Vers von Kleist"

Ein Gespräch mit dem Opern- und Theaterregisseur Hans Neuenfels. Übers Trinken, über Sexualität und das Fremdgehen in einer Theaterehe, über Klaus Maria Brandauer, Probenarbeit und Verbitterung

Seite 1 von 6

Herr Neuenfels, 1950 schrieben Sie in Ihr Tagebuch: „Ich bin neun und neugierig und heiße Neuenfels.“ Warum führt ein neunjähriger Junge Tagebuch?
Ich habe früh eine Grundverstörung gespürt. Meine Familie war sehr katholisch, und obwohl ich Messdiener war, verschwand bei mir die Intensität des Glaubens. Ich litt unter unerklärlichen Angstzuständen und heftigsten Stimmungswechseln, die von vollständiger Lähmung bis zu höchster Nervosität reichten. Schon mit sieben Jahren hatte ich angefangen zu monologisieren. Da ich kein eigenes Zimmer hatte, verschwand ich im Keller und blieb dort sehr lange auf der Toilette sitzen. Da hatte ich endlich Ruhe, und die Akustik war gut. Ich sprach Stunden vor mich her. Manchmal schrieb ich auf der Toilette auch kleine Statements oder Erzählungen.

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Peter Handke meint, seine Akne habe ihn zum Schriftsteller gemacht. John Updike nennt als Grund seine Schuppenflechte. Auch Sie hatten ein Hautproblem.
Meine ersten Gedichte waren von der Akne im wahrsten Sinne des Wortes gezeichnet. Die hatten Titel wie „Schorf der Gesichte“ oder „Der Eiter“. Es war quälend, und ich fühlte mich aussätzig, ausgesetzt. Wenn ich Eigenblutspritzen gegen die Akne bekam, ging das immer schief, und es kam ein komisches Kribbeln im Körper. Ich nannte meine Hautgeschichte nicht Akne juvenilis, sondern Akne vulgaris.

Statt mit pubertärer Wut gegen ihre Eltern anzurennen, haben Sie oft über sie weinen müssen. Warum?
Sie waren überfordert mit mir. Ich wusste, dass ihre ratlosen Bemühungen, mich auf den rechten Weg zu bringen, mein Abgrund sein würden und war deshalb trotzig bis zur Ignoranz. Unsere sonntäglichen Mittagsgespräche endeten meist in einem großen Chaos. Wenn mein Vater nicht mehr konnte vor Wut, nahm er ganz überlegt die wenigen Kartoffeln aus der Schüssel und warf sie nach mir. Meine Mutter musste dann die ganze Matsche wieder aufkehren. Als die beiden Schleierschwänze, die ich in einer Salatschüssel hielt, sich gegenseitig die Flossen abbissen, öffnete er eine zweite Flasche Bier und murmelte in die Richtung meiner Mutter: „Selbst die Tiere werden bei ihm zu Selbstmördern.“

„Die Sexualität“, schreiben Sie in Ihrer Autobiografie, „warf sich als eine schuldbeladene Plane über mich bis zum Würgen.“
Es herrschte der morastige Katholizismus des Niederrheins, für den alles unterhalb der Gürtellinie ein Igittphänomen war. Die Mädchen, die wir kannten, taten mit uns nicht, was wir so gerne wollten. Man kam nicht ran. In Krefeld gab es eine schlimme Straße, Mühlenstraße hieß die. Da habe ich mich einmal mit einer jungen Prostituierten vergnügt. So weit musste man schon gehen. Es war ein unerhörtes Erlebnis für mich, an Kläglichkeit und an Befreiung gleichzeitig. Eigentlich war es ein Verzweiflungsakt. Aber dass es überhaupt stattfand, hat mir etwas gebracht, auch mit der katholischen Reue im Nacken.

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