Die «Broca Area» muss es wohl sein. Mitten im menschlichen Hirn sitzt sie, und wenn der Zoologe und Neurophysiologe Gerhard Neuweiler Recht hat, findet sich eben hier der entscheidende Unterschied zwischen Mensch und Affe. Die Broca Area ist es, die aus dem Menschen ein «Manipulations-/ Artikulationstier» macht. Und, so die verblüffende These Neuweilers: ein klavierspielendes Wesen.
Die «Broca Area» muss es wohl sein. Mitten im menschlichen Hirn sitzt sie, und wenn der Zoologe und Neurophysiologe Gerhard Neuweiler Recht hat, findet sich eben hier der entscheidende Unterschied zwischen Mensch und Affe. Die Broca Area ist es, die aus dem Menschen ein «Manipulations-/ Artikulationstier» macht. Und, so die verblüffende These Neuweilers: ein klavierspielendes Wesen. Nichts Geringeres als den «Schlüssel zur Menschwerdung» erkennt er in der Einzigartigkeit jener motorischen Intelligenz, die uns – durch komplexe Steuerungs- und Rückkopplungssysteme zwischen «primärem Motorcortex», Mittel- und Kleinhirn und Rückenmark – im schlichtesten Fall das Gehen, im elaboriertesten das Spielen von György Ligetis komplexen Klavieretüden erlaubt. Rhythm is it: «Es ist diese unbegrenzte Kettenbildung motorischer Anweisungen, die uns von unseren Primatenvorfahren unterscheidet.» Mit allerhand Abbildungen wächst der These vom Homo pianisticus einige Plausibilität zu. Im Nachwort von Herausgeber Meyer-Kalkus liest man später, dass Neuweilers Theorie in der Fachwelt «nicht unumstritten» ist, aber da sind wir Laien schon ganz und gar überzeugt. Was zum einen daran liegt, dass man allzu gern glauben möchte, dass sich gerade im Klavierspielen unsere Spezies am schönsten entfaltet. Es liegt zweitens an der anregenden Komposition dieses Buches, das auf den Fachaufsatz des Zoologen zwei Reden von György Ligeti folgen lässt: über Musik und Sprache, über die «superschnellen Pulsationen» der afrikanischen Musik, über Mikrotonalität und Ligetis Entdeckung der «Mikropolyphonie». Auch über den verschlungenen, dramatischen Lebenslauf eines Ungarn aus jüdischer Familie, der im rumänischen Siebenbürgen aufwuchs – zwischen Nationalsozialismus und Stalinismus – und bei dem das Interesse für Musik nur Teil einer unersättlichen Neugierde war, die sich zunächst auf Naturwissenschaft, Chemie, Mathematik (und die Erfindung einer virtuellen Welt namens «Kylwiria») erstreckte. Eine überragende Intelligenz, die sich komponierend vielleicht nur etwas freier austoben konnte – allerdings mit dem gleichen Anspruch an Präzision und Nachprüfbarkeit. Ein Komponist, der seine Visionen als Versuchsaufbauten entwarf, deren Ergebnisse dann aber – nicht nur in den legendären «Atmosphères» (1961) oder den erwähnten Klavieretüden – von einer geradezu sinnlich einleuchtenden Plausibilität sind. Außerdem muss Ligeti ein bohrender Frager gewesen sein. Gerhard Neuweiler erzählt davon in seinem Nachruf auf den 2006 verstorbenen Freund, der dritten Textsorte, die dieser hirnöffnende Band versammelt. Denn die Hypothese von der motorischen Intelligenz verdanke ihre Entstehung der Nachbarschaft im Berliner Wissenschaftskolleg, wo der Zoologe und der Komponist im Jahr 2000 nebeneinander wohnten, und besonders den gemeinsamen Spaziergängen. Ein Beispiel nicht nur für fruchtbringende «Interdisziplinarität», sondern womöglich auch ein Nebenbeleg für die hier vorgetragene These: Im Gehen denkt es sich besser. György Ligeti, Gerhard Neuweiler
Motorische Intelligenz. Zwischen Musik und Naturwissenschaft
Hg. von Reinhart Meyer-Kalkus.
Wagenbach, Berlin 2007. 110 S., 19,90 €









