Das neudeutsche Adjektiv «entspannt» wäre grob fahrlässig. Auch «leger», «locker» oder «ungezwungen» auf der einen, ebenso wie «weltläufig», «elegant» oder «stilbewusst» auf der anderen Seite helfen nicht weiter. «Nonchalant» vielleicht? Auf der Suche nach einem schmückenden Beiwort für Silvia Bovenschen gibt man irgendwann auf – es ist immer zu wenig Form drin oder zu viel. Über dieses formvollendet unverkrampfte Dazwischen in puncto Stil, Habitus oder Tonlage hat sie selbst im-mer wieder geschrieben, in ihren Essays und auch im Bestseller «Älter werden». In ihren beiden Romanen hat sie solche Haltungsfragen – der Welt, sich selbst und den Mit-Lebewesen gegenüber – noch einmal neu und ganz anders gestellt. «Wie geht es Georg Laub?» heißt die gerade erschienene Geschichte eines Schriftstellers, der zu taumeln anfängt. Ein verkrachter Kulturpessimist, der sich ausklinken will aus der öden, blöden Gegenwart. Es geht schlichtweg ums Ganze, um das falsche Leben und die Suche nach dem richtigen, um das Internet, um Kulturkritik und Gesellschaft. Kürzlich ist Silvia Bovenschen 65 geworden, und wie sie jetzt in ihrem Korbsessel sitzt, genüsslich rauchend und milde belustigt den Untergang des klassischen Autorentums beredend – da hat man den Eindruck, einem Gedankenblitzschauspiel beizuwohnen. Noch dazu bringen die limettengrünen Vorhänge die Charlottenburger Parterrewohnung immer stärker zum Leuchten an diesem Nachmittag. Ein Farbton, der sich auf aparte Weise mit dem höhlenhaften Dämmer vermischt. Alles chiaroscuro. An den türkisfarbenen Wänden hängen die Bilder der Malerin Sarah Schumann, der Lebensgefährtin Silvia Bovenschens, und zusammen mit dem einen oder anderen Art-déco-Detail bilden diese Räume die Bühne für etwas, das man als Westberliner Salonkultur in der Bohemienne-Variante bezeichnen könnte. Bekannt wurde Silvia Bovenschen schon Ende der siebziger Jahre mit ihrer Dissertation über «Die imaginierte Weiblichkeit» – einer Analyse der «metaphorischen Ausstattungen des Weiblichen». Während die Betroffenheitsfraktion auf der Suche war nach Echtheit hinter all den männlichen Projektionen, setzte Bovenschen auf das Gegenteil:∈Die «authentische» Frau ist mit ihr nicht zu haben. Als Adorno-Schülerin war ihr jeder Kult des Eigentlichen oder Natürlichen suspekt. Sie gehörte zu einer feministischen Richtung, die man heute vielleicht als akademisch bezeichnen würde, auch wenn das Etikett in die Irre führt – ein tätiges Mitglied im legendären ersten Frankfurter Weiberrat war sie ja trotzdem. Gern erzählt sie die Geschichte, wie argwöhnisch bestimmte Kreise ihre lackierten Fingernägel beäugten. Dogmatismus und eindeutige Zugehörigkeiten waren ihr immer schon fremd, was man nicht nur ihren Essays, sondern auch den fiktionalen Texten anmerkt. «Wie geht es Georg Laub?» kreist um das Verschwinden einer klassischen Form der Intellektualität, um die «Old-School-Schriftlichkeit», wie es eine «Community»-Vertreterin im Roman einmal formuliert. Dennoch steht die Position der Erzählerin nie ganz fest, denn es gibt ein weitgespanntes, geradezu planetarisches Netz an Draufsichten in diesem Roman. Alles beginnt mit dem schönen Wort «Verkargungsprogramm»: Ein solches hat sich Georg Laub auferlegt, nachdem er seine edle Frankfurter Loft-Existenz aufgeben musste. Er zieht in das Berliner Reihenhaus, das er von seiner Tante geerbt hat; an sich ein Spießer-Idyll wie aus dem Bilderbuch, wenn das Haus nicht so verwahrlost wäre. Dort pflegt der Autor, der eine «Liga gegen die Banalisierung der Kultur» gründen wollte, seinen Weltekel. Doch es geschehen seltsame Dinge: Er wird heimgesucht von grotesken Gestalten, die eine Art Wanderbühne betreiben und ihn in ihren Litaneien als «Vernunftidioten» beschimpfen. Und es gibt eine mysteriöse Beobachterperspektive in diesem Roman, ein Zwiegespräch von Gestalten, die sich Sorgen machen um den Mann. Gleichzeitig wird aus Georg Laub ein Facebook-Witz, überall auf der Welt beginnt die Jagd nach dem Phantom. Was hat es auf sich mit dem Taumeln des Autors? Warum hat Silvia Bovenschen ausgerechnet einen männlichen Mittvierziger zur Hauptfigur gemacht? Einen so miesepetrigen wie sympathischen Netzphobiker, der mit «exotischer Verliererrhetorik» um sich schlägt? «Ich habe schon seit vielen Jahren das Gefühl, mich in einer Umbruchzeit zu befinden, einer Zeit großer Verwerfungen. Du siedelst an einer Epochenschwelle, dachte ich oft. Ich dachte das auch schon, als viele noch an die Wohlstands- und Behaglichkeitssteigerungen glaubten.» Auf den ersten Blick kommt das Internet schlecht weg im Roman, aber Silvia Bovenschen macht klar, dass es ihr nicht um das bashing von Netzwelten geht – untergangsseliges Tremolo passt nicht zu ihrer Stimmlage. Nein, sie beobachtet die Lage mit interessierter Gelassenheit, was auch daran liegt, dass die Umbruchzeit eher die mittlere Georg-Generation trifft als ihre eigene. «Jetzt, da es deutlich ernst wird, ist es – diesen Eindruck habe ich – gerade für die Jüngeren schwierig, eine Position zu finden. Die Ereignisse
fordern ein kritisches Urteil, aber man will doch nicht zu spaßfeindlich werden. Das schafft unter anderem auch Tonart-Probleme.»
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Zu Besuch bei Silvia Bovenschen: Mit Adorno im Hausrat fahndet die Autorin nach weltlichen Worten für Gnade, Mitleid und Erbarmen – und ist dabei bester Laune.
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15.12.2011
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