Unser Genuss-Gen ist defekt, enthüllt eine neue Studie. Gleichzeitig machen Günter Wallraffs Beobachtungen aus der Arbeitswelt der Paketpacker Furore und lassen erahnen, warum sich die Deutschen keinen Müßiggang mehr erlauben
Jetzt ist er da, der Sommer. Er soll schön sein, er soll warm sein, wir wollen in der Sonne sitzen, baden, abends einen Weißwein im Straßencafé, morgens das Frühstück mit frischen Erdbeeren. Am besten in den Urlaub fahren. Wer arbeiten muss, der nutzt die freien Stunden. Gefälligst. Denn ehe wir uns versehen, ist der Sommer dahin. Vielleicht verspricht der Herbst noch ein paar schöne Tage, goldgelb mit bunten Blättern. Aber dann kommt wieder der lange Winter. Und? Haben wir den Sommer effektiv genossen? Haben wir ihn – Achtung – genutzt?
Da geht es schon los mit dem Stress, mit dem Druck des Genießens. Was Loriot („Jetzt sei doch mal gemütlich“) schon vor etlichen Jahren als Problem der Deutschen erkannte, wird heute mehr denn je als Volkskrankheit identifiziert. Die Forschungsgruppe des Instituts Rheingold Salon hat in tiefenpsychologischen Interviews 60 Probanden ausgehorcht. Eine anschließende repräsentative Befragung ergab: Das Genuss-Gen der Deutschen ist defekt. Labsal erlauben sich die Deutschen nur noch, wenn sie vorher etwas geschafft haben, nur ein Prozent könne heute noch „ohne Vorleistung“ genießen, heißt es in der Studie.
Da müssen wir nur aufpassen, dass bei der ganzen Strapaze kein Burnout droht. Und der naht dort, wo nicht aufgepasst wird auf den Körper. Wo keine Rücksicht genommen wird auf etwaige Schwächen und Verluste. Wo etwas benutzt wird, ohne es sorgfältig zu behandeln. Günter Wallraff hat gerade wieder eine solche Stelle aufgedeckt, wo im deutschen Organismus etwas falsch läuft.
Wallraffs Besuch bei den Paketzustellern von GLS hat Furore gemacht. Durch die Veröffentlichung sowohl in der Wochenzeitung Die Zeit als auch bei RTL haben seine Beobachtungen eine breite Masse erreicht.
Wallraff mischte sich in seinem neuesten Coup unter Menschen, deren Arbeitstag um fünf beginnt und nicht vor sieben Uhr abends endet, die ohne Pause körperlich schuften, einladen, ausladen für einen Bruttolohn von 1.200 bis 1.400 Euro. Die mit falschen Versprechungen, Einschüchterungen und Zwang bei der Stange gehalten werden. Die gezwungen sind, als scheinselbständige Subunternehmer zu arbeiten, die das gesamte Risiko tragen, deren Arbeitsweg oft in der Insolvenz endet, deren Familien darunter zerbrechen. „Ein harter Job“ sei das, aber ihre Mitarbeiter „sind dafür geboren“, hieß es dazu lapidar aus der Unternehmensführung.
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