Evolutionsbiologe - „Ich bin ein Mensch, der zu den Affen zählt“

Die Trennung in Mensch und Affe habe aus evolutionsbiologischer Sicht keinen Sinn mehr, sagt der renommierte Primatologe Volker Sommer. Er fordert Grundrechte für Menschenaffen. Interview mit einem Affenmenschen

Munter turnt Bonobo-Baby Kasai im Zoo Leipzig durch sein Gehege
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Timo Stein lebt und schreibt in Berlin. Er war von 2011 bis 2016 Redakteur bei Cicero.

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[[{"fid":"62463","view_mode":"full","type":"media","attributes":{"height":1107,"width":750,"style":"width: 140px; height: 207px; margin: 10px; float: left;","class":"media-element file-full"}}]]Volker Sommer ist Professor für evolutionäre Anthropologie am University College London. Der international führende Primatologe betreibt in Asien und Afrika Feldforschung zur Verhaltensökologie von Affen und Menschenaffen. Einer breiteren Öffentlichkeit ist der engagierte Naturschützer durch Fernsehsendungen sowie Bücher zu evolutionsbiologischen Themen bekannt, etwa „Darwinisch denken“ und „Menschenaffen wie wir”.

Herr Sommer, Sie sagen über sich selbst, Sie seien ein Affenmensch. Wie darf ich denn das verstehen?
Durch dieses Selbstbekenntnis werbe ich für eine bereicherte Weltsicht, die die Erkenntnisse der Evolutionstheorie ernst nimmt. Dazu zählt, dass wir mit allen anderen Lebensformen auf Erden durch eine ununterbrochene Kette von Generationen vereint sind, durch Jahrmilliarden hindurch. Selbst mit Bakterien, Pilzen und Eichen bin ich durch einen Informationsfluss verbunden, der nie abgerissen ist. Weniger lange ist es her, seit ich einen Ahnen mit Austern, Spinnen und Kakerlaken teilte. Und jene vielleicht 60 bis 90 Millionen Jahre, als die ersten Primaten ihren evolutiven Eigenweg einschlugen, sind in erdgeschichtlicher Perspektive ein ziemlich kurzer Zeitraum. Weil wir mit Worten unser Selbstverständnis konstruieren, halte ich es für eine gute Übung, das Faktische auch auszusprechen: Ich bin ein Wirbeltier; ich bin ein Säugetier; ich bin ein Mensch, der zu den Affen zählt.

Ihre These: Aus naturwissenschaftlicher Sicht sei es unhaltbar, überhaupt noch zwischen Menschen und Menschenaffen zu unterscheiden. Warum?
„Affenmensch“ ist eine umgangssprachliche Formulierung; „Menschenaffe“ ist ein zoologischer Begriff. Gemäß der Konvention umschließt er all jene Arten innerhalb dieser taxonomischen Einheit, die einen letzten gemeinsamen Vorfahren teilen. Dazu gehören die „Kleinen Menschenaffen“, also die Gibbons, und die „Großen Menschenaffen“, also Orang-Utans, Gorillas, Schimpansen, Bonobos – zu denen auch wir Menschen zählen. Unser letzter gemeinsamer Vorfahre lebte vor etwa 20 Millionen Jahren. Der lateinische Oberbegriff für diese Formen ist Hominidae, also „Menschenartige“. Genauso inkorrekt wie die Aufteilung in „Menschenaffen und Menschen“ sind übrigens auch Formulierungen wie „Primaten und Menschen“ oder „Affen und Menschen“. Denn wir sind eine Art Primat und innerhalb der Säugetierordnung Primates eine Art Affe.

Sie sagen, der Mythos vom Mensch als einzigem Kulturwesen sei zerbrochen.
Dass uns fließende Übergänge mit anderen Tieren in anatomischer, physiologischer und genetischer Hinsicht verbinden – was nur Ignoranten oder religiöse Dogmatiker leugnen – bereitet uns weniger Unbehagen, als wenn es um die Verwandtschaft bei kognitiven Fähigkeiten und Verhalten geht. Da werden immer wieder „Sonderstellungen“ des Menschen postuliert. Dazu gehört die Behauptung, allein Menschen hätten Kultur. Dabei hängt vieles von der Definition ab; es ist ja noch nicht lange her, dass anderen Menschen „Kultur“ abgesprochen wurde. Denn die war gleichbedeutend mit Zivilisation, und zeichnete sich aus durch Religionspraktiken, soziale Konventionen und Technologien der kolonialen Eroberer und Ausbeuter. In dem Maße, wie unterdrückte Völker zu „Menschen“ wurden, wurden auch deren Sitten und Gebräuche unter dem Begriff „Kultur“ rehabilitiert. Da brauchte man dann andere, die vor der Tür des Kulturklubs bleiben mussten - und wer eignet sich dafür besser als Nicht-Menschen? Aber auch Tiere, je nachdem, wo sie als Mitglieder einer bestimmten Art leben, haben lokale Gebräuche. Das, was wir bei Menschen unter „kultureller Vielfalt“ verstehen, zeichnet also auch Otter, Singvögel, Elefanten oder Makaken aus: Sie folgen ortsspezifischen Traditionen.

Aber gibt es nicht doch fundamentale Unterschiede zwischen Mensch und Tier, bzw. zwischen Mensch und Menschenaffe?
Das kommt auf Ihr Erkenntnisinteresse an. Wenn Sie wollen, sind auch Sie und ich oder Männer und Frauen oder Hunde und Katzen fundamental verschieden. Nach jahrzehntelangem, geduldigem Beobachten von Primaten und anderen Tieren sind mir allerdings die Kriterien für das „Fundamentale“ abhanden gekommen.

Sie sind Primatenforscher und Theologe. Wo ist da die Schnittstelle?
Naja, meine Theologen-Vergangenheit ist zu verstehen unter dem Bonmot: „Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche.“ Gleichwohl, eine Schnittstelle zur Primatologie ist die Frage, woher die schier unausrottbare Neigung kommt, übernatürliche Kräfte und Wesen zu visionieren, samt einem Leben nach dem Tod. Im Unterschied zu Richard Dawkins, der Religion mit maladaptiven Wahnvorstellungen gleichsetzt, halte ich Glauben an Supranaturales für einen gruppenbindenden Mechanismus. Da Konkurrenz unter Gruppen um Ressourcen ein wichtiger Selektionsfaktor ist, waren jene Gemeinschaften im Vorteil, die sich über irrationale Symbole eine Identität gaben, was ihre Mitglieder zusammenschweißte. Dass diese Vorstellungen keinen praktischen Sinn ergeben, darin liegt gerade ihre Stärke. Denn ihre Beliebigkeit und nicht-intuitive Ausgestaltung schützt vor Unterwanderung durch Außenstehende und hilft, Schwarzfahrer zu entlarven. Es braucht nämlich ziemlich lange, bis man genug Gesänge, Rituale und Rezitationen gelernt hat, die einen als Katholiken, Hindu, Mormonen oder Buddhisten auszeichnen.

Womit wir wieder  bei den Unterschieden wären. Besitzen Affen eine Religion?
Die oft gewalttätige Konkurrenz unter Gruppen spielt etwa auch bei Schimpansen eine wichtige Rolle. Deshalb vermute ich, dass die bereits angesprochenen „kulturellen Unterschiede“ auch zu tun haben mit der Kreation eines Zugehörigkeitsgefühls. So unterscheiden sich beispielsweise die Nahrungsspektren von Schimpansengruppen in dem Sinne, dass mancherorts bestimmte Nahrung verschmäht wird, die andernorts als Delikatesse gilt - ganz ähnlich den gemeinschaftsstiftenden Essens-Tabus bei uns Menschen.

Was aber ist beispielsweise mit der Sprache, was ist mit Wesenszügen, die den modernen Menschen ausmachen: Irrationalität und Zweifel? Ich habe nie ein Tier zweifeln sehen.
Es existiert ein ganzer Katalog von angeblichen „Wesenszügen“, die allein uns Menschen auszeichnen. Derlei Trennungen, so zeigt die Geschichte, bleiben nur solange in Mode, bis ein nicht-menschliches Tier entdeckt wird, das genau das kann, was angeblich allein die Krone der Schöpfung auszeichnet. Nehmen wir als Standardbeispiel den berühmten Homo faber. Demnach machte Werkzeugbenutzung das spezifisch Menschliche aus - bis Jane Goodall erstmals beobachtete, wie wilde Schimpansen Zweige zurichteten, um damit Termiten aus ihren Bauten zu fischen. Die Sonderstellungs-Apologeten legen daraufhin einfach die Messlatte höher. Oder die Sprache. Schließt etwa „Sprache“ auch Gebärdensprache ein, dann müssen nicht-menschliche Menschenaffen als sprachfähig gelten. Es sei denn, Sie behaupten, dass die Grammatik ihrer Gebärdensprachen-Sätze zu simpel ist.

OK, nehmen wir Prostitution…
Würde es zählen, wenn Weibchen sich sexuell einem Pavianmännchen anbieten, das eine Antilope erlegt hat, um selbst etwas Fleisch abzubekommen? Da können Sie sagen, dass das nicht mit heutiger Sexarbeit vergleichbar ist. Etc. etc., man kann das Spiel endlos treiben. Wenn es für Sie wichtig ist, zu einer „fundamental anderen Art“ zu gehören, dann werden Sie mit dieser Haltung ruhig glücklich. Mich erfreut ein anderer Zugang, nämlich der des Gefühls der Verbundenheit.

Hinter der Glücksfrage steckt aber auch noch eine politische Dimension: Gerade haben mehrere Initiativen das Thema „Grundrechte für Tiere“ wieder auf die politische Agenda gehoben. Der Philosoph Will Kymlicka fordert sogar die verfassungsrechtliche Anerkennung von Tieren als Staatsbürger. Schießen derartige Forderungen nicht doch übers Ziel hinaus?
Mein eigenes Engagement bezieht sich auf das Great Ape Project, für das seit 2011 die Giordano-Bruno-Stiftung Öffentlichkeitsarbeit macht. Die Initiative setzt sich dafür ein, die community of equals – die Gemeinschaft der Gleichen – zu erweitern. Es würde damit als Unrecht gelten, Große Menschenaffen in medizinischen Experimenten zu schädigen, zu Tode zu richten oder ihren Lebensraum zu zerstören. Menschenaffen sind mit Bewusstsein und menschenähnlicher Leidensfähigkeit ausgestattet und können sich überdies vermutlich in andere Wesen hineinversetzen und in die Zukunft denken. Deshalb sollen Große Menschenaffen nicht mehr wie bisher als 'Eigentum' gelten dürfen (das ausgebeutet, verkauft und getötet werden kann), sondern als Personen. Sollte die Initiative eine Gesetzesänderung erwirken können, würden ihre rechtlichen Belange von Fürsprechern vertreten werden - wie dies der Fall ist für Menschen, die nicht für sich selbst sprechen können, etwa Säuglinge oder Demenzkranke. Schießt die Initiative übers Ziel hinaus? Solche Skepsis kennen wir seit Jahrhunderten. Durchaus nicht unwahrscheinlich, dass unsere Nachfahren in hundert Jahren dem Speziesismus unserer Tage mit der gleichen Fassungslosigkeit begegnen werden, mit der politisch und ethisch progressive Zeitgenossen heute religiösen Fundamentalismus, Rassismus, Nationalismus, Sexismus und Heterosexismus betrachten.

Gut, machen wir das Tier zum Staatsbürger. Und dann? Bei manchen Affenarten, wenn ein Männchen ein anderes vertreibt, bringt es anschließend dessen Nachwuchs um. Das müssten wir ihnen, sollten sie Grundrechte für sich in Anspruch nehmen, dann untersagen. Oder sie vor ein Affengericht stellen…
Eine Gerichtsverhandlung würde wohl nicht in Frage kommen, weil diese nicht-menschlichen Tiere ja als für ihre Taten nicht verantwortlich gelten würden. Genauso übrigens wie Menschenkinder, die, obwohl sie für ihr Handeln keine volle Verantwortung tragen, gleichwohl Rechte haben. Doch in der Tat wird es hier rechtsmäßig schwierig - ähnlich wie bei menschlichen Volksgruppen, die sich auf angeblich uralte Traditionen berufen, die die Steinigung von Ehebrecherinnen erlauben, die genitale Verstümmelung von Knaben oder das Opfern von Kindern. Gemäß der UN sind solche Taten strafbar und sollten unterbunden werden. Bei wild lebenden nicht-menschlichen Primaten wird sich die Kindestötung allerdings kaum verhindern lassen; ich habe das übrigens selbst versucht, als ich mit dem Verhalten bei meinen Forschungen konfrontiert wurde. Werden Menschenaffen hingegen in Gefangenschaft gehalten, würde es zur Sorgfaltspflicht der Wärter gehören, die Artgenossentötung durch Abtrennung unwahrscheinlich zu machen. Das Lebensrecht eines Primatenkindes würde also mehr gelten als das Fortpflanzungsinteresse des Männchens. Was Ihre Frage aber eigentlich beabsichtigt, ist, die Grundrechte-Initiative ad absurdum führen zu wollen. Das ist ein beliebtes Mittel reaktionärer Kräfte, die sich an Details aufhängen. Nur weil man vielleicht nicht auf jede denkbare Situation eine Standardantwort hat, bedeutet das noch lange nicht, dass die gesamte Vision hinfällig wäre.

Wenn aber alles konstruiert ist, es keine Grenzen mehr gibt, dann dürfte man diese streng genommen auch nicht bei Menschenaffen ziehen, sondern müsste sie ganz aufheben…
Jede Grenzziehung ist willkürlich - eben ein politischer, ein philosophischer Akt. Weil aber die Grenze zwischen Kleinen Menschenaffen und Großen Menschenaffen, oder zwischen Menschenaffen und Affen, oder die zwischen Primaten und anderen Säugetieren willkürlich ist, bedeutet das nicht, dass man nicht pragmatisch erstmal das Offensichtliche tun kann. Und sollte. Dass die anderen Großen Menschenaffen Personen sind, steht zumindest für mich außer Frage. Wer sich darüber hinaus für Elefanten und Wale oder Rabenvögel stark machen möchte, soll das tun. Ich selbst habe mit den Menschenaffen erstmal genug zu tun, auch wenn diese Beschränkung in gewisser Weise inkonsequent ist.

Sie setzten sich für Menschenaffen ein, sagen aber gleichzeitig, dass es im Grunde keinen vernünftigen Grund gäbe, das Aussterben von Lebensformen zu bedauern. Wie passt das zusammen?
Wer sich für Naturschutz einsetzt, will ja in gewisser Weise den Status quo erhalten. Was angesichts der Tatsache, dass Evolution Wandel bedeutet, eigentlich paradox ist. Es ist einfach gewiss, dass Gorillas und Gibbons irgendwann aussterben und dass die Sonne sich ausdehnt und die Erde verschlingt. Das ist eine rationale Einsicht, und in dem Sinne gibt es da nichts zu bedauern. Gleichwohl bin ich ein fühlendes Wesen, das zudem an vorderster Front miterlebt, wie biologische Vielfalt vernichtet wird. Das tut ziemlich weh, schon aus ästhetischem Empfinden. So versuche ich, den Verlust an Fauna und Flora zumindest zu verzögern, weil ich mich dann länger daran erfreuen kann. Deshalb setze ich einen Großteil meiner Kraft für den Erhalt von Regenwäldern samt deren Bewohnern ein. Wobei ich, zugegeben, eigentlich gegen das Unabänderliche ankämpfe. Ein wenig wie Sisyphus. Das Trotzdem gibt mir aber, um etwas pathetisch zu werden, Würde. Da hören Sie zumindest ein Echo der Theologie...

Das Interview führte Timo Stein

 

 

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