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Gewitter

Von Cees Nooteboom19. Dezember 2008
Schrift:
Jeder Krise wohnt eine Katharsis inne – das jedenfalls glauben Optimisten. In seiner Erzählung „Gewitter“ schildert der Schriftsteller Cees Nooteboom ein Gewitter als existenzielle Erfahrung, die das Leben verändern wird
Lesen Sie auch: Interview mit Cees Nooteboom: "Meine Götter sind sterblich" Ich bin selbst ein Barometer, hatte er zu ihr gesagt, als sie vor dem Barometer standen. Ich spüre es bis ins Skelett. Ein anderer hätte gesagt: bis in die Knochen, doch Rudolf sagte Skelett, weil er wußte, daß es Rosita ärgerte. Er wußte auch, warum es sie ärgerte, das machte es noch schlimmer. Sie hatte einen wortgetreuen Geist und sah daher ein Skelett, was ihr nicht angenehm war. Die Zeit der Vanitasbilder ist vorbei, erwiderte sie, du stellst dir doch auch keinen Totenkopf mehr auf den Arbeitstisch. Hättest du das vor einer Stunde gesagt, dann hätte ich nicht mit dir gebumst. Keine Lust, ein Skelett auf mir liegen zu haben. Sie sah es vor sich, klappernde Rippen, ineinanderbeißende Kiefer. Du bist manchmal ein richtiges Arschloch. Nur weil sich das Wetter ändert. Darauf entgegnete er nichts, denn es stimmte, sowohl das eine wie das andere. Plötzlich war der Sommer vorbei. Graue Wolkenschlösser, das Weiß der spanischen Häuser mit einemmal fahl und in Kürze der Garten unter Wasser, denn wenn es kam, dann richtig, wie aus Kübeln. Und die damit einhergehende Melancholie. Türen, die den ganzen Sommer offen gewesen waren, mußten geschlossen werden, die großen Spaziergänge entlang der Küste vorverlegt, zwischen der Zeit, da es dunkel wurde, und der Zeit, da man in Spanien essen gehen konnte, klaffte plötzlich ein finsteres Loch. Das bedeutete, früher zu trinken, in einer Bar, oder in dem auf einmal nicht mehr so angenehmen Haus neben einem elektrischen Heizöfchen leicht verfroren zu lesen. Unerträglich, daß sie nicht darunter litt. Sie litt, wenn er es sich recht überlegte, eigentlich nie unter irgend etwas. Nicht unter Schlaflosigkeit, nicht unter Langeweile. Sie verschwand einfach in ihr Arbeitszimmer und war dort offenbar glücklich. Wie jemand glücklich sein konnte, der sich schon seit Jahren mit der Geschichte der niederländischen Arbeiterbewegung befaßte, war ihm ein Rätsel. Alles, was sie darüber erzählte, von Ferdinand Domela Nieuwenhuis bis hin zu Henriëtte Roland Holst, erfüllte ihn mit tiefem Argwohn. Sämtlich Leute, die einen Doppelnamen trugen und es mit der ausgebeuteten Klasse gut gemeint hatten. Jetzt, ein Jahrhundert später, stand die zu erhebende Klasse von einst tätowiert wie ein Maori mit laut brüllendem Radio auf einer Leiter und strich das Nebenhaus. Gedudel und Gestampfe, fette Stimmen von populären DJs, und im Fernsehen primitiv daherredende neue Berühmtheiten, die eine Saison lang die Helden in irgendeiner Soap waren. Die müßten mal wiederkommen, sagte er dann, die Gorters und die van Eedens. Das kalte Grausen würde sie packen. Endlich verwirklicht, die Diktatur des Proletariats, Kunst fürs Volk. Ich sehe die Arbeiter tanzen/silbrige Reigen am Rande des Ozeans. Gorter. Auch das ist verwirklicht, in der Disco in Torremolinos. Die Antwort darauf war meist ein leises Summen, von dem er nie so recht wußte, ob es nicht der Ausdruck von Verachtung oder tiefem Mitleid war. Ein leichtes, hohes Summen, eine Art Vogelgemurmel, als sei sie schon drauf und dran, von ihm wegzufliegen. Doch das hatte sie nicht vor. Ich habe dich mitsamt deinem Genörgel gekauft, sagte sie bei einem seiner seltenen Anfälle von Reue. Sie hatte sich in einen Mann verliebt, der kleine Figuren aus Holz schnitzte, ein Barometer war und unter Sonnenfinsternis litt. Sobald die Sonne verschwand, mußten geheime Reservoire angezapft und Strategien ersonnen werden, um eine alles umfassende Düsterkeit abzuwehren. Nacht und Winter waren seine natürlichen Feinde. Dann lag das Holz unangerührt in seinem Studio, entstanden keine geschnitzten Traumwesen und erhielten Galerien keine Antwort. Er wurde dann zu einem Schiff, das ohne Kurs durch die Dunkelheit fuhr, sie spürte, daß ihr eigener Gleichmut ihn störte, wußte aber auch, daß ihre Unempfindlichkeit gegenüber dem, was er seine Schwarzgalligkeit nannte, ihn aufrecht hielt, bis er sich wieder an den Wechsel der Jahreszeit und die dazugehörige Dunkelheit gewöhnt hatte. Die beste Strategie war, ihn entschieden auf Kurs zu bringen. Wollen wir nach San Hilario fahren? Er zuckte mit den Achseln. San Hilario lag dreißig Kilometer entfernt. Man fuhr durch eine ziemlich wilde Landschaft. Es war eine kleine Bucht mit einem Strand, den sie noch in jungfräulichem Zustand gekannt hatten, wo aber ein Projektentwickler ein Hotel hingepflanzt hatte. Nicht weit davon, oberhalb des Strands, lag ein altes Lokal, in dem man etwas essen konnte, so eines, das die Spanier chiringuito nennen. Drinnen alles weiß getüncht, Plastiktische, eine große Steinterrasse, Aluminiumstühle, die ein hohes, scharrendes Geräusch von sich gaben, wenn man sie verrückte. Bei diesem dunklen Wetter würden die Neonlampen bereits brennen. Neon half, das hielt sie für experimentell bewiesen, ohne ihm das zu sagen. Eine lange weiße, kalte Sonnenattrappe als Placebo, das wirkte. Foto: Picture Alliance
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