Wann kann man schon mal solche Entdeckungen machen? Die Berliner Galerie Barbara Weiss zeigt eine faszinierende, kleine Werkschau der nahezu unbekannten 85-jährigen rumänischen Konzeptkünstlerin Geta Bratescu, die hinter dem Eisernen Vorhang Arbeiten von Weltklasse schuf.
Echt ist dieses Lächeln nicht. Wie könnte es auch. Das Gesicht der Künstlerin ist komplett mit weißer Theaterschminke bedeckt, die Haare sind unter einem eng anliegenden weißen Tuch verborgen. Auf den passbildgroßen Fotos, die an die Abzüge aus Automaten erinnern, schaut sie unbewegt in die Augen des Betrachters. Vier Fotos, auf denen sich graduell die Gesichtsmuskeln verändern, führen zum titelgebenden Bild der Arbeit „The Smile“, vier Fotos braucht es, um Geta Br?tescu wieder zur Totenmaske erstarren zu lassen. Die Arbeit kommt einem bekannt vor. Cindy Sherman machte Mitte der achtziger Jahren ganz ähnliche Schwarz-Weiß-Serien und läutete damit die Ära der amerikanischen Picture-Generation ein. Bratescus Fotos aber stammen aus dem Jahr 1978.
Die immer noch aktive, 1926 geborene Künstlerin hatte von all den Künstlern, an die ihre Werke erinnern, noch nicht gehört, als sie die Werke schuf, die zurzeit in der Berliner Galerie Barbara Weiss zu sehen sind. Weitgehend isoliert lebte und arbeitete sie in einem kleinen Atelier in Bukarest, tief verborgen in den Weiten hinter dem Eisernen Vorhang. Neben Sherman muss man an Bruce Nauman, an John Baldessari und stellenweise auch an Rosemarie Trockel und Louise Bourgeois denken, wenn man sich die Fotografien, die Zeichnungen, die Collagen, Filme und Textilarbeiten der Künstlerin anschaut. Namen, die im Wesentlichen das konstituieren, was als Tempel der Konzeptkunst gilt. Und in diesen gehört im Grunde auch Bratescu selbst. Kaum jemand hat sich so konsequent, so unabhängig mit Themen wie dem Körper der Künstlerin, dem Alltag und der Freiheit des Kunstschaffens auseinandergesetzt; nur wenige haben so souverän die klassischen Grenzen der Kunst erweitert.
Der Dreh- und Angelpunkt von Bratescus Kunst ist das Atelier, das sie sich in einem Akt von Selbstbefreiung Ende der siebziger Jahre gemietet hat. Hier führte sie, ganz ohne Publikum, Performances auf, die sie fotografisch dokumentierte, schuf temporäre Installationen, hier arbeitete und lebte sie. In ihrer Filmarbeit „The Studio“ von 1978 misst sie den Raum mithilfe ihres eigenen Körpers aus, zeigt sich selbst, wie sie atmet, sitzt, liegt und schläft. Mit Referenz auf Virginia Woolfs epochalen, präfeministischen Essay „A Room of one’s own“ nannte Bratescu ihr Atelier „a Studio of one’s own“.
Wie in den meisten osteuropäischen Ländern gab es auch in Rumänien eine strikte Trennung in der Kunst: Auf der einen Seite stand die offizielle, sozialistisch-realistische Malerei, auf der anderen der Samisdat – die Avantgarde, von der die Öffentlichkeit kaum erfuhr. Nachdem Bratescu aus politischen Gründen gleich zwei Mal der Kunsthochschule verwiesen wurde, verdiente sie ihren Lebensunterhalt für sich und ihre Familie als Illustratorin für eine Monatszeitschrift. Ein historischer Zufall war es, dass Künstler in Rumänien weniger verfolgt wurden als die offen regimekritisch auftretenden Schriftsteller. Aber vielleicht verstand die Securitate auch einfach nichts von Konzeptkunst.
Galerie Barbara Weiss, Kohlfurter Straße 41/43, die Ausstellung läuft noch bis zum 13. August












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