Nur die Phantasielosen, meinte einst Arno Schmidt, flüchten in die Realität. Und nur die Oberflächlichen, so möchte man hinzufügen, interessieren sich für den Sinn des Lebens. Sinn, Glück, Erfüllung und Lebenskunst – all das, so scheint es, ist kaum mehr als die Unterhaltungsmusik der Philosophie, der Stoff, aus dem die Ratgeber sind, die billigen Weisheiten im Taschenbuchformat, die Hausiererware der Zeitgeist-Surfer, das philosophische Seemannsgarn der fliegenden Händler. Zumal: Erzählen sie nicht seit Jahrzehnten, wenn nicht seit Jahrhunderten das Gleiche? Mit sich selbst soll man befreundet sein, die kleinen Freuden soll man genießen, die Zeit auskosten wie einen guten Wein, das Geben soll man seliger betreiben als das Nehmen, flexibel soll man bleiben, wach und rege, und Freunde, mitunter auch Kinder, um sich scharen. Doch trifft das Fazit auch angesichts der modernen Hochschulphilosophie zu, die das Glück und die Lebenskunst kaum jemals ins Vorlesungsverzeichnis aufnimmt? Ist es legitim, «das Ganze für unsinnig zu halten, weil es zu vielfältig und in sich widersprüchlich erscheint»? Mathias Schreibers Projekt ist die Rehabilitierung des Glücks gegen die neuzeitliche Philosophie ebenso wie gegen den Deutungs-Missbrauch durch allzu wohlfeile Ratgeber. Bedroht scheint das Glück an beiden Fronten: von der Marginalisierung durch den Hochmut der Ernsthaften ebenso wie von der Banalisierung im unernsten Geplauder. Die Bestseller von Rousseau und Adam Smith Der Befund scheint so selbstverständlich, dass das Erstaunliche daran kaum mehr auffällt. Denn waren das Glück und die Lebenskunst, es zu erlangen, nicht einst der Ausgangspunkt des philosophischen Denkens im Abendland? Adornos Stoßseufzer, gleich zu Beginn seiner «Minima Moralia», dass die Philosophie doch eigentlich die Frage nach dem «rechten Leben» hatte sein sollen, lässt diese Verlusterfahrung nachhallen. Philosophen als Lebenskünstler sind seit dem Ende der Aufklärung in unserem Kulturkreis nur noch Exoten. Schopenhauers nihilistische Lebensweisheiten, Nietzsches Werbefeldzug fürs sogenannte Dionysische, Rudolf Steiners handgewebter Eskapismus, die Existenziale Jean Paul Sartres und Karl Jaspers’, auch Erich Fromms marxistisch-buddhistische Kalendersprüche haben die Höhenkamm-Philosophie nur mit ihren Böen gestreift. Ihren Kurs beeinflusst haben sie nicht.
Wer so lebt, ein «rosa-sämiges» Leben also, wie Arno Schmidt in der Typenlehre seiner «Berechnungen» in den fünfziger Jahren festlegte, dem gewinnt der tiefgründige Geist wenig Respekt ab. «Scharfkantig, schwarz, melancholisch» ist zumindest der deutsche Intellektuelle in seinem Gemüt, ein einsamer Wolf, seinem Geist mehr verpflichtet als der Freude, seinem Denken mehr als seiner Frau. Die «geistige Reifeprüfung eines deutschen Intellektuellen» zeigt sich an dessen Fähigkeit zur Melancholie – so resümiert kritisch der «Spiegel»-Journalist Mathias Schreiber in seinem lesenswerten Buch «Das Gold in der Seele» über «Die Lehren vom Glück».
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Von Glück reden
Gefieder der Seele
von 23. Oktober 2009
Richard David Precht
Foto: picture-alliance, dpa
Gefieder der Seele
Wie lässt sich Glück einfangen? Wie die Kunst zu leben lernen? Und wie kam es, dass die Philosophie diese Fragen aus den Augen verlor? Von Richard David Precht.
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