„Gedichte über Polen“ von Adam Zagajewski ist ein ironischer und ein beklemmender Text zugleich, findet Joachim Sartorius. Ein ausgewähltes Gedicht des polnischen Lyrikers trifft auf ausgewählte Worte des Leiters der Berliner Festspiele und heraus kommt: Politik und Poesie
Gedichte über Polen
Adam Zagajewski
Ich lese Gedichte über Polen, geschrieben
von fremden Dichtern. Deutsche und Russen
haben nicht nur Gewehre, auch
Tinte, Federn, auch etwas Herz und viel
Phantasie. Das Polen in ihren Gedichten
erinnert an ein verwegenes Einhorn,
das von der Wolle der Gobelins sich nährt, das
schön ist, schwach und unvernünftig. Ich weiß nicht,
worin der Mechanismus der Täuschung besteht,
aber auch mich, den nüchternen Leser,
betört dieses märchenhafte, wehrlose Land,
von dem sich die schwarzen Adler, die hungrigen
Kaiser, das Dritte Reich und das Dritte Rom ernähren.
Aus: Adam Zagajewski: „Die Wiesen von Burgund. Ausgewählte Gedichte“, herausgegeben und aus dem Polnischen übersetzt von Karl Dedecius,
2003 Carl-Hanser-Verlag München
In der Generation, die dem großen polnischen Dichterdreigestirn – Czeslaw Milosz, Zbigniew Herbert und Wislawa Szymborska – folgte, nimmt Adam Zagajewski einen besonderen Rang ein. Heute wird der 1945 in Lemberg geborene Lyriker nach 20 Jahren Emigrantendasein in Paris und nach seiner Rückkehr nach Krakau im Jahre 2002 als einer der bedeutendsten poetischen Realisten gefeiert, als ein in Versen Denkender, dem die so schwierige Verbindung von Rationalität und Gefühl immer wieder gelingt. Karl Dedecius, der Zagajewski übersetzte und in Deutschland mit unermüdlichem Eifer bekannt machte, rühmt seine „offene Sprache“ – sie sei „emotionsgeladen, aber diszipliniert, besonnen“.
Ein politischer Dichter im engeren Sinn war Adam Zagajewski nie. Aber in seinen Anfängen, als Mitglied der „Generation 68“, trat er gegen den „sozialistischen Realismus“ an und geißelte die irreführende „Textgestaltung“ des Staates, der Partei und der ihnen hörigen Medien. Zagajewski und seinen Mitstreitern ging es damals schlicht um die Aufrichtigkeit der Kunst und um die Überwindung der Dichotomie von engagierter und absoluter Poesie.
Unser Gedicht ist in dieser Zeit entstanden, in den frühen siebziger Jahren, als Zagajewski seine Leser zwingen wollte, seine Texte im Kontext der politischen Gegenwart und der damit verbundenen existenziellen Probleme zu lesen. „Gedichte über Polen“ ist ein ironischer und ein beklemmender Text zugleich. Die Sprache des Dichters, kann man hier erfahren, spiegelt immer auch sein Schicksal wider, welches zugleich das seines Landes ist – eines märchenhaften, doch wehrlosen Landes, das vom Dritten Reich und von der Sowjetunion real und ideell einverleibt wurde.
Joachim Sartorius ist Lyriker und leitet die Berliner Festspiele. Auch als Herausgeber von Gedichtbänden ist er hervorgetreten. Zuletzt erschien sein Reiseessay „Die Prinzeninseln“ (MareVerlag)










