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Gedicht mit 140 Zeichen

von 
Aram Lintzel
23. Oktober 2009
Foto: M. Johannsen/fotolia.com
Gedicht mit 140 Zeichen

Immer noch hört man von der «Aufmerksamkeitsökonomie». Der Begriff heißt übersetzt: Viele Klicks sind auch nicht viel schlechter als viel Geld. Da freut man sich doch, wenn jemand versucht, die Realökonomie des literarischen Schreibens transparent zu machen. Auf zugegeben etwas plumpe Weise tut das der Schriftsteller Bruno Preisendörfer in seinem an Karl Kraus’ «Fackel» orientierten Online-Literaturprojekt «Fackelkopf» (www.fackelkopf.de).

Immer noch hört man von der «Aufmerksamkeitsökonomie». Der Begriff heißt übersetzt: Viele Klicks sind auch nicht viel schlechter als viel Geld. Da freut man sich doch, wenn jemand versucht, die Realökonomie des literarischen Schreibens transparent zu machen. Auf zugegeben etwas plumpe Weise tut das der Schriftsteller Bruno Preisendörfer in seinem an Karl Kraus’ «Fackel» orientierten Online-Literaturprojekt «Fackelkopf» (www.fackelkopf.de). In einer Fußnote heißt es dort: «Der fackelkopf ist ein ‹no budget› Projekt. Der finanzielle Aufwand ist gering, der Arbeitsaufwand recht hoch. Der Herausgeber kann sich die Quijoterie, professionell ohne Honorar zu schreiben, nach jetzigem Stand bis Mitte 2010 leisten.»

Unbezahlte Arbeit ist im Web 2.0 längst zum Massenphänomen geworden, umso
dringlicher stellt sich die Frage, was eigentlich die Qualität eines Textes ausmacht. Nicht
immer hilft wie im folgenden Beispiel der Realismus weiter. Auf der Literaturplattform www.literaturcafe.de heißt es auf die Frage, wieso viele Leute Geld für die Veröffentlichung ihrer Literatur ausgeben: «Die Antwort ist oft schmerzlich und erfordert eine realistische Sicht auf die eigene Arbeit: Die meisten Texte sind einfach zu schlecht oder nur für eine so kleine Zielgruppe interessant, dass ein normaler Verlag völlig zu Recht keine wirtschaftliche Grundlage für eine Veröffentlichung sieht.» Literarische Qualität hat das, was vom Verlag genommen wird? Vermutlich ist es genau diese institutionsgläubige Haltung, welche die Laienkultur der Literaturblogs und -foren befeuert. Davon gibt es inzwischen eine ganze Menge, die 1996 gegründete Seite www.literaturcafe.de gibt einen recht guten Überblick. Angesichts der Unübersichtlichkeit der Blogs kommt es einem aber seltsam vor, wenn dann doch wieder munter kanonisiert wird. Das scheint das verhohlene Anliegen diverser Literaturportale wie www.literaturportal.de (von der Bundesregierung finanziert) oder www.literaturport.de zu sein. Gesammelt werden hier wichtige oder vielversprechende Namen, wobei der Literaturport in seinem durchaus informativen Autorenlexikon den Schwerpunkt auf die Beziehungen des Autors zu seinem Wohnort legt.

Viel interessanter als lediglich das literarische Offline-Geschehen nach Online zu importieren und dort abzubilden, wäre der Versuch, die flüssigen und schwieriger sortierbaren Textproduktionen des Netzes 2.0 zu ordnen. Dann nämlich müsste man nachvollziehbare Kriterien für die Qualität dessen entwickeln, was da literarisch und semiliterarisch getextet wird. Und dies unabhängig davon, ob etwas Kohle bringt oder Klicks kriegt. Ein vielleicht altbackener, aber lobenswerter Versuch ist der erste Twitter-Lyrik-Wettbewerb (www.twitter-lyrik.de), der dieses Jahr stattfand. Wer hat es geschafft, die in
dieser Technologie zur Verfügung stehenden 140 Zeichen punktgenau auszunutzen?

Waren medientypisch spontane Freistilgedichte dabei? Welche Texte machten das Twittern selbst zum Thema? Solche Fragen stellte sich die Jury. In Ansätzen ist da eine neue lyrische Form entstanden (ähnlich dem Limerick oder Haiku) – zum Beispiel dadurch, dass Twitter keine Zeilenumbrüche darstellt.

Doch so avanciert das klingt, so traditionell ist das Gewinnergedicht dann doch aus-
gefallen: «Es ist kristallklar und still ein Kreuz, ein Zaun, die Spitzen pietätvoll zugeschneit während Elstern auf einem Hasen sitzen und fressen.» Wären die medialen Bedingungen tatsächlich in die Bewertung eingegangen, dann hätte eher ein Gedicht gewinnen müssen,
das die twitterspezifische Ästhetik des schnell zwischendurch Eingetippten thematisiert
und beispielsweise produktiv mit Tippfehlern, Abkürzungen und der Banalität des Moments umgeht. Aber das kann ja alles noch kommen, das Medium ist noch frisch.

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