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 > Gedanken in der Badewanne

Salon
lesen: Gedankenstrich

Gedanken in der Badewanne

von 
Jochen Schmidt
23. Oktober 2009
Foto: Tim Jockel
Gedanken in der Badewanne
Jochen Schmidt über die Badewanne: Kein schlechter Ort zum Lesen guter Bücher

Wie ich aus der Fachliteratur weiß, sitzen die meisten Frauen gern in der Badewanne. Man braucht eine Orangenpresse und eine Wanne, um als Traummann infrage zu kommen. Dabei braucht man in Wirklichkeit auch noch Wasser, ohne das die schönste Wanne ihre Wirkung nicht entfalten könnte. Da ich seit Jahren in meiner Wohnung unterwegs bin, immer irgendwo auf halbem Weg zwischen Arbeitsplatz, Abwaschbecken und Bett, habe ich mir überlegt, dass ich mich ja einmal in die Wanne legen könnte, um der Routine zu entkommen, aber, um Wasser zu sparen, in die leere. Es ist angenehm kühl in der leeren Wanne, und man bekommt keine nassen Hände und kann ein gutes Buch lesen, nicht wie sonst immer nur die Gummisabberbücher vom Baby. Im Bad fühlt man sich am geborgensten, weil es keine Fenster hat und man nicht rausfallen kann. Es ist so etwas wie das Oval Office im Weißen Haus oder wie der Raum, von dem aus der Böse bei James Bond immer agiert, und in den man nur kommt, nachdem man zahlreiche Schleusen passiert hat. Die Bösen bei James Bond haben ja immer sehr geschmackvoll eingerichtete Wohnungen. Während James Bond gar keine Wohnung hat, wenn ich mich recht erinnere.

Durch den Abzugsschacht der Gastherme dringen Geräusche von der Straße herein, eine Taube gurrt direkt neben dem Schornstein, sie ahnt nicht, dass ich sie belausche. Wenn man mich so sehen würde, könnte man mich für verrückt halten, und das nur, weil kein Wasser in der Wanne ist. Dabei liegt man doch auch im Bett, ohne dass es dort Wasser gibt. Im Gegen­teil, es wäre sogar viel unbequemer. Außerdem habe ich ja meine Sachen an. Wäre es noch verrückter, nackt in der leeren Wanne zu liegen? Gibt es denn verschiedene Grade von Verrücktheit? Dann ist man so lange normal, wie man einen noch Verrückteren findet? Ich bin froh, dass ich kein Sachverständiger für die Zurechnungsfähigkeit des Angeklagten zum Zeitpunkt der Tat bin, für mich sind ja alle anderen Menschen verrückt.

Es gibt eigentlich niemanden, mit dem ich es in meiner Wanne lange aushalten würde. Die meisten würden es auch ablehnen, in eine leere Wanne zu steigen. Dabei kann man doch auch ohne Haken angeln, wenn man den Fisch sowieso wieder reinwirft. Dann muss man auch nicht so früh aufstehen. Oder gleich ohne Angel. Wahre Angler können jederzeit angeln, ohne überhaupt am Wasser zu sitzen, Angeln ist ja eine Lebenseinstellung. Komischerweise ein sympathisches Hobby, im Gegensatz zur Großwildsafari. Dabei ist es doch zynisch, den Wert eines Fischlebens geringer einzuschätzen als den eines Elefanten, nur weil es mehr Fische gibt, oder weil Elefanten dem Menschen ein bisschen ähnlicher sind. Ob ich gerade dabei bin, mich zu entspannen? Jedenfalls kann ich meinen Gedanken nicht mehr folgen. Aber dazu brauche ich eigentlich keine Badewanne. Ich weiß nicht, was die Frauen daran finden. Vielleicht pinkeln sie gerne im Liegen.

 

Jochen Schmidt, geboren 1970, ist freier Schriftsteller und lebt in Berlin. Er ist Mitbegründer der Lesebühne «Chaussee der Enthusiasten» und Mitglied der deutschen Autorennational­mannschaft. Zuletzt erschien «Schmidt liest Proust» (Voland & Quist, Dresden 2008).

Biographie

Jochen Schmidt, geboren 1970, ist freier Schriftsteller und lebt in Berlin. Er ist Mitbegründer der Lesebühne „Chaussee der Enthusiasten” und Mitglied der deutschen Autorennational-mannschaft. Zuletzt erschien „Schmidt liest Proust” (Voland & Quist, Dresden, 2008)

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