Es war einmal der Wilde Westen. Der amerikanische Lyriker Gary Snyder zeigt, wie die schier grenzenlose und fruchtbare Natur das Denken seiner Landsleute geprägt hat. Und unterbreitet einen überraschend konkreten Vorschlag zur Rettung unserer bedrohten Umwelt
Als Nunez Cabeza de Vaca und seine Gefährten vor der texanischen Küste Schiffbruch erlitten hatten, das Tal des Rio Grande durchwanderten und von dort aus in südlicher Richtung nach Mexiko weiterzogen, trauten sie ihren Augen kaum. Auf ihrer Reise, die von 1528 bis 1536 dauerte, waren sie stets auf ausgetretenen Pfaden unterwegs, und nur selten befand sich keine Eingeborenensiedlung in der Nähe ihres Lagers. Dieser Umstand macht die Verheißung des viel besungenen Wilden Westens aus: Er ist fruchtbar und für Menschen bewohnbar.
Kaum eine Nation also, die sich in ihrem Selbstverständnis so sehr auf den Erfahrungsraum der Natur bezieht, wie die Vereinigten Staaten von Amerika. Kaum eine Nationalliteratur, die ein derart emphatisches Verhältnis zur Landschaft pflegt. Das gilt bis heute: Die nun ins Deutsche übersetzten „Lektionen der Wildnis" von Gary Snyder sind ein herausragendes Zeugnis der spezifisch amerikanischen Naturerfahrung. Der 1930 in San Francisco geborene Snyder gehört zu den bedeutendsten Lyrikern der USA. Er war ein Freund von Jack Kerouac und Allen Ginsberg und wie andere Vertreter der Beat-Generation in der Umweltbewegung aktiv. In seinem neuen Buch erzählt der dichtende Umweltaktivist nun von der Genese des amerikanischen Liebe zur Natur.
Snyder erinnert an die Lobgesänge auf den Ort des Überflusses. Der Dichter und Staatsphilosoph John Milton nannte den Westen eine „Wilderness of Sweets", eine Wildnis der Freuden, die man nur in Besitz zu nehmen brauche, um sich durch die Arbeit der eigenen Hände eine Existenz zu schaffen. Das scheinbar grenzenlose Territorium, das es zu besiedeln galt, eröffnete den aus Europa stammenden Siedlern eine außergewöhnliche Möglichkeit. Die meisten waren in New York angekommen und hatten sich mit den härtesten Jobs durchschlagen müssen. Der Westen aber versprach ihnen, endlich die alten Fesseln der Lohnherrschaft und Fronarbeit abzustreifen.
„Freie Amerikaner, die den Boden selbst bebauen, treiben zugleich viele andere Beschäftigungen. Ein Teil der von ihnen gebrauchten Möbel und Werkzeuge wird gewöhnlich von ihnen selbst gemacht", bemerkte dazu der britische Politiker Edward Gibbon Wakefield in seinem 1833 erschienenen Werk „England and America". Die freien Siedler des Westens waren zumeist Selbstversorger, die sich keiner Lohnarbeit unterwerfen mussten. Die Erinnerung an die deprimierende Fabrikarbeit in Europa war noch frisch, nun aber bot sich dazu eine verlockende Alternative. Gary Snyder schildert, wie die Siedler die Natur auch als eine Quelle des Sozialschönen begriffen.
Zum Ende des 19. Jahrhunderts, als der vormals Wilde Westen erschlossen war, wurden Gründung und Bau privater Siedlungen im Westen untersagt und die noch nicht in Claims eingeteilten Ländereien verstaatlicht. Das betraf aber vor allem unzugängliche und ungastliche Gegenden mit trockenem Boden, die den Siedlern ohnehin nutzlos erschienen waren. Gerade diese öden und unerforschten Regionen zogen aber nun Leute an, die die Einsamkeit in der Weite suchten – auch dies ein ständiges Versprechen der amerikanischen Natur.
Die Naturforscher John Wesley Powell und John Muir oder die Schriftstellerin Mary Hunter Austin zogen Ende des 19. Jahrhunderts in die Mojave-Wüste, den Grand Canyon oder die Gletscher von Alaska – und kamen als politische Aktivisten zurück. Ganz verschiedenen Sie gaben dem Feminismus, der Tierrechtsbewegung und den Naturschützern Impulse, die bis heute wirken.
Gary Snyders „Lektionen der Wildnis" münden in die Verteidigung einer besonderen Form des Besitzes: der Allmende. Den Gemeinschaftsbesitz kleiner, ländlicher Kommunen hält der Autor für den einzigen wirksamen Widerstandsraum gegen die Zerstörung der Natur durch kapitalistisches Wirtschaften. Snyder kann selbst ein Lied davon singen, wie bedroht die Allmenden von Seiten der Politik und Wirtschaft schon lange sind. 1952 arbeitete er als Beobachtungsposten der staatlichen Forstverwaltung und heuerte später in der Holzindustrie an, die mit der Politik einträgliche Geschäfte machte.
Sein Plädoyer für den Erhalt der Allmenden speist sich daher aus einer ganz konkreten Erfahrung bedrohter Landschaften und nicht bloß aus romantischer Naturverklärung. Nicht nur in der Dritten Welt, sondern auch in den Industrienationen sollte es, nach Snyder, Räume geben, in denen auf eigene Rechnung gefischt, Holz gesammelt und gejagt werden darf. Wer die wilde Natur als Lebens- und Erfahrungsraum erhalten will, muss sie gegen Staats- und Privatbesitz verteidigen.










