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Salon

Fußball-EMEndlich Ruhe!

Von Michael Naumann29. Juni 2012
picture alliance
Halbfinale Deutschland Italien, Fußball-EM, Euro 2012, geplatzter Traum, Luftballons, schwarz-rot-gold
1:2 heißt das bittere Ergebnis des EM-Halbfinalspiels gegen Italien
Schrift:

Nach der Niederlage der deutschen EM-Mannschaft gegen Italien ist endlich Schluss mit einer der nervigsten Medienkampagnen in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Ein Seufzer von Michael Naumann

Tränen sind in der Kabine der deutschen Nationalmannschaft nach der EM-Niederlage gegen Italien geflossen. Gut so. Die Enttäuschung in den Massen der Fan-Meilen – eine halbe Million siegessicherer Zuschauer allein in Berlin – wog schwer, in den Kneipen der Nation zog schwarze Trauer ein. Mag sein, dass die schöne Europäische Union in den nächsten Monaten auseinander fällt wie die deutsche Hintermannschaft im Halbfinale,  doch die halbe Bevölkerung – oder waren es zwei Drittel? – lag wochenlang im Bann einer der erfolgreichsten PR-Kampagnen in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Als hätte sich ganz Deutschland das Nationaltrikot über das Gehirn gezogen. Der Euro verfällt? Soll er doch. „Wir“ werden jedenfalls Europameister!  

Und dann das!

Es sei, so der Tenor eines wochenlangen Dauergeplauders auf den diversen TV-Stationen und in den Massenmedien, die beste Mannschaft aller Zeiten, die da im schwarz-weißen Dress auftrat. „Jogi“ Löws junge Spieler trugen die komplette Last einer bundesdeutschen Illusion, dass „wir“ ganz anders geworden seien als unser altdeutsches Image suggeriert: Weder  treten „wir“ wie Panzer auf, und was kümmert es uns, dass nur die Hälfte der deutschen Mannschaft vor dem Spiel in Warschau die Nationalhymne mitsang; denn schwarz-rot-gold beflaggt bewegten sich Millionen Fans durch die Großstädte, das musste reichen. „Wir“ spielten, so dachten „wir“, besser als die Spanier, Italiener oder gar die Portugiesen. „Wir“ haben uns aber getäuscht.

Es stimmt ja, die deutsche Mannschaft pflegte gegen Italien einen risikoreichen, inspirierenden Fußball. Sehen wir davon ab, dass weder Schweinsteiger noch Müller und auch nicht der hölzerne Gomez einen Vergleich mit den Italienern bestehen konnten. Mesut Özils und Sami Khediras Solistenrollen stachen heraus, gewiss, doch verloren hat das Italien-Spiel ihr Trainer. Einzig und allein. Er wusste es; denn sonst hätte er nicht in der Halbzeit den Sturm ausgewechselt, hätte nicht Klose und Reus und Müller auf den Platz geschickt, die als glückloses Dementi seiner missglückten Erstaufstellung dem Sturm immerhin einige neue Impulse verliehen. Vergebens. Die Italiener, in einem Wort, waren besser – besser in der Defensive, besser im Sturm und im übrigen auch besser beraten, Löws Elf das Mittelfeld zu überlassen.

Mag sein, dass sein Team nicht das beste aller Zeiten ist (ganz gewiss nicht), aber es ist sympathischer als die berühmten Titelträger vor ihm. Das mag als Trost gelten – gäbe es nicht noch einen besseren: Die alle politischen Katastrophen unserer Tage überwölbende Fußball-Berichterstattung aus der Ukraine und aus Polen und von der Insel Usedom hat nun ein heiß ersehntes Ende. Ihr Tonfall, zwischen Kumpanei und Heiligenverehrung hin und her schwankend, unterbrochen von unerträglichen Werbeeinblendungen und dem hässlichsten Signet aller Sportereignisse, eine Art himmelwärts wuchernde Bohnenranke mit seltsamen Töpfen an ihren Ästen – das alles ist nun Geschichte. Schön wäre es, das ZDF würde seine Fußball-Experten für ein paar Jahre statt nach Usedom nach St. Helena schicken, ohne Standleitung, bitte. (Ja, Toni Schumacher hat viele Bälle in seinem Leben gehalten, aber seine Klappe leider nicht. )

Unerträglich war diesem Fußballfan die Akustik der Leere geworden, die das Gesäusel und Gequatsche der Hofberichterstattung aus den diversen Quartieren der Nationalmannschaft auszeichnete, zum Abschalten waren die Endlosschleifen der absolut nachrichtenlosen Korrespondenten-Beiträge von den Spielstätten, und kein Wort mehr bitte über „Bastis“ Sprunggelenk.   

Das alles ist nun vorbei, sehen wir vom Endspiel ab, und die Tränen werden bald getrocknet sein. Was bleibt, ist Jogi Löw. Das zu ertragen, ist schon schwer genug.

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Endlich Ruhe

Bravo Herr Naumann, sie haben mit ihrem Kommentar den Nagel auf den Kopf getroffen. Besonders gut gefiel mir der Satz "... als hätte sich ganz Deutschland das Nationaltrikot über das Gehirn gezogen"! Jedoch befürchte ich, dass bei den meisten nur noch das Stammhirn vorhanden ist.

  • Antworten
Hubert Mork29.06.2012 | 12:45 Uhr

Endlich Ruhe

Vielen Dank, das spricht mir aus der Seele. Ich bin zwar Zeit meines Lebens Fussballfan, aber ich konnte mir schon immer Spiele anschauen, ohne die leeren Sprechblasen hören zu müssen. Jetzt verschwinden ca. 40 Millionen "Event" Hopser erst mal wieder für zwei Jahre in der Versenkung, aber es droht auch schon wieder das nächste Sommermährchen 2014.

  • Antworten
Thomas Wahl29.06.2012 | 14:42 Uhr

vize-jogi ist, wie vizekusen

vize-jogi ist, wie vizekusen-ballack, ein rabenschwarzer seuchenvogel. nun, ballack ist inzwischen geschichte. löw leider nicht. wer glaubt, daß der, immer seltsam distanziert wirkende, " nette " herr löw 2014 im
land des fünfmaligen weltmeisters brasilien, den wm-titel holen kann, dürfte auf dem holzweg sein. nur einer könnte aus der braven langweiler-mannschaft, eine leidenschaftliche siegerelf machen: jürgen klopp.

  • Antworten
fritz fr. illing29.06.2012 | 12:48 Uhr

Endlich Ruhe!

Genau getroffen. Idee St. Helena brillant.

  • Antworten
J Finke29.06.2012 | 12:49 Uhr

Deutscher Größenwahn

Herr Naumann spricht mir aus dem Herzen.Es war schon eine Zumutung, den blasierten Herrn Löw und den aberwitzigen Presserummel ertragen zu müssen. Schon vor dem ersten Spiel ertönte die einhellige, frohe Botschaft- nur Deutschland wird Europameister.
Als man mich nach meinem Tipp zum Spiel Italien gegen Deutschland befragt und ich mit 2:0 für die Italiener votierte, wurde mein Geisteszustand in Frage gestellt.
Unser Gegner gewann verdient und lässt hoffentlich die "Fußball- Experten" samt ihrer überwiegend schwachsinnigen Kommentare im Orkus verschwinden.
Danke Italien!

  • Antworten
Ric Müller29.06.2012 | 13:12 Uhr

JA

Einfach nur JA: sie haben recht, mti jedem Wort, jeder Silbe!

  • Antworten
Leo29.06.2012 | 13:27 Uhr

Gott sei Dank, dass endlich

Gott sei Dank, dass endlich jemand das sagt, was endlich gesagt werden musste.

  • Antworten
Oebel29.06.2012 | 15:35 Uhr

Grandioso

Seit langem der erste Artikel zur Fussball-EM, dem ich mich anschließen kann.
Hochmut kommt vor dem Fall.

  • Antworten
Egon M.29.06.2012 | 15:59 Uhr

es ist vorbei und..

nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Schon das erste Spiel der Italiener gegen Spanien zeigte mir, wie gut die Italiener geworden sind und ihr offensiv Fußball deutlich vor dem der Mannschaft um Jogi Löw rangiert. Löw setzte auf die Bayern und verlor - er hätte sich den Verlauf der Bundesliga besser in Erinnerung gerufen, mit einer deutlichen Umrüstung zu Gunsten der BVB Spieler wäre in diesem Tournier eine andere Mannschaft in Erinnerung geblieben. Ein Balottelli reichte um die deutsche Manschaft auszuschalten - was eine Performance!

  • Antworten
Lutz Oppermann29.06.2012 | 16:41 Uhr

Ganz winfach....Richtig!

Ganz winfach....Richtig!

  • Antworten
Hartmut Kupitz29.06.2012 | 17:43 Uhr

Endlich Ruhe

daß deutschland verloren hat, haben wir abends im bettchen vermutet, weil keine vuvuselas zu vernehmen waren. für uns gibts nichts nervtötenderes als fußball, berichterstattung, lärm, werbung, besoffene hooligans und kaum ein entkommen. endlich ruhe ...

  • Antworten
iris bücker29.06.2012 | 18:39 Uhr

Deutsche Fußball-Nationalmannschaft

Bravo Herr Naumann für dieses Kommentar! Nur mit dem Satz: "Mag sein, dass sein Team nicht das beste aller Zeiten ist (ganz gewiss nicht), aber es ist sympathischer als die berühmten Titelträger vor ihm." habe ich so meine Schwierigkeiten. Wieso ist diese, nicht nur physisch und psychisch, sondern auch politisch weichgespülte Truppe des Herrn Löw (und der Frau Merkel!) sympatischer als die Sieger von 1954? Haben Sie mal recherchiert, was die Helden von Bern als Belohnung für ihren Sieg erhielten - im Vergleich zu der versprochenen Siegprämie unserer Vize-Vize-Vize-Helden ? Und: wenn es um die Europameisterschaft im Fußball geht, warum müssen die Spieler sympatisch sein? Sie müssen siegen können!!! Aber genau das scheint das Problem zu sein: auf der Liste der Eigenschaften heutiger deutscher Nationalspieler stehen Charaktereigenschaften wie everybodies Darling zu sein, politische Korrektheit, die Befolgung vieler Regeln, die dazu dienen, ein würdiger Repräsentant des braven, niemanden wehtuenden Deutschlands zu sein, weit vor dem eigentlichen Ziel des Wettkammpfes, nämlich siegen zu wollen. Die Niederlage gegen Italien ist kein Problem des Herrn Löw oder seiner Taktik, es ist das Problem dieser Gesellschaft. Sie produziert nur noch stromlinienförmige Charaktere. Wer durch dieses Raster fällt, erholt sich sein Leben lang nicht mehr. In die Fußballnationalmannschaft schaftt es so einer nie.

  • Antworten
Hanns Hollander29.06.2012 | 23:42 Uhr

Meinungsfreiheit

darf meinetwegen auch für Herrn Naumann gelten. Trotzdem ist die Arroganz elitärer Fußballverachtung schwer erträglich. Seine humorlosen Kommentare über Spieler und Trainer habe das Bildzeitungsniveau bei weitem unterschritten und sein deutliches Unvermögen als Deutscher mal entspannt deutsch zu sein macht mal wieder deutlich daß Verkrampftheit bei diesem Thema noch immer der Tenor in den Redaktionsstuben zu sein scheint.
Nehmen Sie sich mal ein Beispiel an den Iren die verlieren und singend nach Hause fahren ... Respekt vor anderen und das Vermögen zu nuancieren zu können zeichnen einen Intellektuellen aus, nicht das was hier zu lesen ist.

  • Antworten
Thore Norlander30.06.2012 | 08:19 Uhr

Grazie - ein überfälliger

Grazie - ein überfälliger Kommentar. Er bestärkt die Bekehrten und wird den Rest nicht erreichen. Was Sie beschreiben, trifft nicht nur auf die aktuelle Europameisterschaft zu, es ist doch fast immer fast dasselbe. Die blöden Fähnchen und Rückspiegelschoner werden jetzt eingemottet und in zwei Jahren wieder aufgepflanzt. Wer wird Weltmeister? "Wir" natürlich. Und wenn's dann wieder nichts wird, wird eben ein bißchen auf dem Itacker rumgehackt.

  • Antworten
JF30.06.2012 | 10:24 Uhr

Endlich Ruhe

Ich bin froh dass es zuende ist! Der Medienrummel um die deutschen Helden erweckt schlafenden deutschen Rassismus. Wie kann es sein dass Deutsche wie Ingo Zamperoni von der ARD massiv beschimpft werden, weil sie zwei Herzen in ihrer Brust tragen in anbetracht von Boateng,Podolski, Kedhira, Klose und Özil? Die Europäische Integration liegt in weiter Ferne. Erst wenn begriffen wird, das deutsch sein eine Kultur ist und historisch schon immer der Völkermischung unterlag wegen der zentraleuropäischen Lage und niemals Blut und Rassenzugehörigkeit zugrunde lag.

  • Antworten
ingo Pötsch30.06.2012 | 12:17 Uhr

Endlich mal einer, der mir

Endlich mal einer, der mir aus der Seele spricht. Ich schaue gern Fußball, aber die Reporter haben mir schon lange den Nerv geraubt. Ich bin froh, dass ich die Spiele bei mir über einen tschechischen Sportsender empfangen kann. Sollten die Reporter dort ähnlich schwachsinnige Kommentare abgeben, dann verstehe ich es wenigstens nicht. Danke für diesen Kommentar.

  • Antworten
Bernd Michler30.06.2012 | 14:47 Uhr

Danke Herr Naumann

ich war letzte Woche im Krankenhaus, Station natürlich mit deutschen Wimpeln und Fahnen geschmückt. Nachrichten anschauen für meine Zimmergenossinnen eine Zumutung, meine Aufregung ob der Nachrichten für die Damen völlig unverständlich - warum gucken sie die denn dann? Nein, es ging nur um Fußball, der Brüsseler Gipfel und die Zwangsdurchpeitschung von ESM und Fiskalpakt spielten keine Rolle. ESM? Nie gehört...
Danke, dass Fußball nun nicht mehr die politischen Nachrichten, die ohnehin schön gefärbt sind, verdrängt. Und ja, endlich Ruhe.

  • Antworten
-simon-01.07.2012 | 14:25 Uhr

Der diagonale Ball

Er kann Diagonalpässe über dreißig Meter schlagen, so wie Andrea Pirlo. In Eins-zu-eins-Situationen, lässt er jeden Gegner stehn, gleichsam wie Andrés Iniesta, und sieht auf engstem Raum die kleinste Lücke. In der Abwehr kommt keiner an ihm vorbei. Ja, Michael Naumann kann es! Er kann aufgrund von Spiel-Situationen gedankliche Schlussfolgerungen ziehen, erklären und einordnen, Perspektive wahrnehmen und vermittel. Substanz eben! Er beherrscht das Erzählen von Geschichten, die narrative Darstellung. Leider hängt er ja die Fußballschuhe an den Nagel. Dabei wollten wir eigentlich noch eine moderne Geschichte von Europa erzählt bekommen. Eine europäische Erzählung. Die jetzige Form ist ja trivialisiert worden, durch die Schießbudenakteure in der aktuellen Politik. Die Bürgerinnen und Bürger haben verloren.

  • Antworten
bernhard jasper01.07.2012 | 15:47 Uhr

Tag der Befreiung

Nach wochenlangem Koma - so als habe sich ein ganzes Land
"das Nationaltrikot über das Gehirn gezogen", wie Michael Naumann in dieser brillianten Kolumne beschreibt, nach martialischen Bildern a la Riefenstahl (Kanzlerin inmitten schwitzender Männerleiber - von deren
martialischen "Solange-ich-lebe" Sprüchen der letzten Tage ganz zu schweigen) -
darf nun endlich wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgekehrt werden.

"Seit langem der erste Artikel zur Fussball-EM, dem ich mich anschließen kann." schreibt @Egon M. - Ich schließe mich dem an.

Nach im Takt der Schlagzeilen verordnetem gefühlten Siegestaumel darf jetzt - endlich - wieder über Europa nachgedacht werden.

  • Antworten
Tom Schilling01.07.2012 | 17:53 Uhr

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