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Salon

Streitgespräch GEMA vs. Piratin„Friss oder stirb“

Interview mit Anke Domscheit-Berg und Alexander Wolf3. Juli 2012
Ringier/Andrej Dallmann
Anke Domscheit-Berg, Alexander Wolf, Piratin, GEMA, Streitgespräch Cicero
Gar nicht so nah beisammen: Piratin Anke Domscheit-Berg (r.) und GEMA-Justiziar Alexander Wolf
Schrift:

Sie ist der Lieblingsfeind von Netzgemeinde und Piraten: die GEMA. Cicero Online brachte erstmals beide Seiten zu einem Streitgespräch zusammen. GEMA-Justiziar Alexander Wolf und Anke Domscheit-Berg, die vor Kurzem von den Grünen zu den Piraten übertrat, diskutieren über Urheberrechte im digitalen Zeitalter

Seite 1 von 4

Herr Wolf, Frau Domscheit-Berg, mit Ihnen beiden sitzen sich nun die Content-Mafia und die Totengräber des Urheberrechts gegenüber. Wie fühlen Sie sich dabei?

Domscheit-Berg: Falsch verstanden. Ich begrüße die Gelegenheit, ein Gespräch zu führen.

Wolf: Ich habe nicht das Gefühl, dass zwischen unseren Interessen so ein Extremkontrast besteht.

Während eines Dialogs zum Urheberrecht zwischen GEMA (Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte) und Piraten sagte der Berliner Fraktionsvorsitzende Christopher Lauer im Internet, dass er „so viel kognitive Dissonanz“ nicht mehr ertrage. Der Urheberrechtsbeauftragte Bruno Kramm beschimpfte die GEMA als „gesetzlich legitimierten Monopolist für Verwertungsrechte ohne Augenmaß“. Sieht so gefühlte Nähe aus?

Domscheit-Berg: Ich kann darauf nur mit einem klaren Nein antworten.

Wolf: Bei vielen Fragen, etwa der Transparenz, sehe ich uns nicht so weit auseinander.

Domscheit-Berg: Das sehe ich anders: Bei der GEMA gibt es im Moment fast gar keine Transparenz.

Wolf: So unterschiedlich ist die Wahrnehmung. Was heißt denn überhaupt Transparenz? Die ist für mich dann gegeben, wenn ich im Rahmen einer Mitgliederversammlung jedem Mitglied die Gelegenheit gebe, sich zu artikulieren. Auch, wenn das Mitglied die Möglichkeit hat, vor Gericht gegen den Verteilungsplan zu klagen. Das geschieht bei uns seit Jahrzehnten.

Domscheit-Berg: Das sind für mich eher Beispiele eingeschränkter Mitsprache- und Widerspruchsrechte. Transparenz heißt, jeder kann erkennen: Wie entsteht eine Entscheidung, z.B. die Tarifreform? Wie wirkt sie sich genau aus? Wie funktioniert der Schlüssel für die Ausschüttung der GEMA Einnahmen im Detail? Transparenz ist jedenfalls nicht, wenn selbst die Mitglieder von der Tarifreform aus der Zeitung erfahren.

Wolf: Das ist sicher ein Punkt, wo man nach dem englischen Prinzip „Let‘s agree to disagree“ auseinander gehen kann.

Bildergalerie: Urheberrecht: Das Streitgespräch von Cicero Online

Derzeit klagt die GEMA gegen Mitglieder der Piratenpartei. Hintergrund ist ein Album mit GEMA-freien Liedern der „Musikpiraten“, auf dem zwei Sänger nur unter Pseudonym auftauchen. Herr Wolf, Frau Domscheit-Berg: Was sagt dieser Rechtsstreit über das Verhältnis zwischen Ihren beiden Organisationen aus?

Domscheit-Berg: Das ist für mich ein Widerspruch zu der erklärten Gesprächsbereitschaft der GEMA. Wenn man vernünftig miteinander reden will, verklagt man sich nicht. Eine Klage ist ein Angriff und kein friedliches Verhandlungsangebot. Dieses negative Signal richtet sich jedoch nicht nur nach außen – gegen die Piraten – sondern auch nach innen, gegen die eigenen Mitglieder. Das ist aus meiner Sicht ein großer Fehler.

Wolf: Hier geht es doch nicht um das Verhältnis zwischen der GEMA und den Piraten. Und hier geht es auch nicht um eine mangelnde Gesprächsbereitschaft, sondern um Rechtmäßigkeit. Aufgrund der uneingeschränkt geltenden GEMA-Vermutung müssen wir die Wahrnehmungsbefugnis prüfen. Die Musikpiraten e.V. sind der Ansicht, dass die Rechte des Urhebers von „Dragonfly“ nicht von der GEMA wahrgenommen werden. Das müssen sie belegen. Aber das haben sie bislang nicht getan, weil sie sich weigern, den richtigen Namen des Urhebers zu nennen. Dabei sind sie dazu verpflichtet, denn sie nutzen für die CD ja dessen Musik. Ich sehe hierin kein negatives Signal und keinen Widerspruch hinsichtlich unseres Gesprächsangebots. Wir folgen nur dem vom Gesetzgeber vorgesehenen Weg.

Sie beide entzweit auch die Frage, wie lange das Urheberrecht nach dem Tod eines Künstlers fortdauern sollte.

Domscheit-Berg: Schutzfristen bis 70 Jahre nach dem Tod – das ist ja auch unsinnig.

Wolf: Das sehe ich anders. Wenn Sie ein Haus erben, würde kein Mensch auf die Idee kommen, Ihnen das 70 Jahre nach dem Tod Ihrer Vorfahren wieder wegzunehmen, weil es dann in Gemeineigentum übergeht. Gemeinnutz geht nicht vor Eigennutz. Dagegen wehre ich mich.

Domscheit-Berg: In welchem Zustand, glauben Sie, ist dieses Haus, wenn kein einziger Euro jemals dort wieder reingesteckt wurde – nach über 100 Jahren? Verrottet!

Seite 2: „Künstler auf Filesharing-Plattformen machen die größten Umsätze“

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"Domscheit-Berg: Ja. Die

"Domscheit-Berg: Ja. Die Künstler, die sich am häufigsten auf Filesharing-Plattformen finden, machen auch die größten Umsätze, zum Beispiel Lady Gaga. Einer Studie der North Carolina State University zufolge werden nicht weniger, sondern mehr Alben verkauft, wenn das Album auf Bittorrents verfügbar ist. Das widerspricht ja der Annahme, dass Filesharing Umsätze eliminiert. Es ist eher ein Marketingkanal, der den Absatz fördern kann."

Die Studie besagt das bereits besonders erfolgreiche Künstler minimal von Torrents profitieren(expliziter Vergleich in der Studie: Der positive Effekt liegt unter dem eines Fernsehauftrittes). Kleinere Künstler entgegen leider der Studie zufolge drunter und werden über kurz oder lang verschwinden.
Das kann nur zwei Dinge bedeuten: Entweder es ist das was sie möchte oder sie hat sich die Studie nicht durchgelesen. So oder so ein intellektuelles Armutszeugnis.

  • Antworten
Bambo03.07.2012 | 19:31 Uhr

Vertriebskanäle

Als Urheber oder Verwerter obliegt mir das Recht, mir meine Vertriebskanäle selbst aussuchen zu dürfen - dazu brauche ich keine Studien zur Legitimierung. Frau Domscheit-Berg argumentiert also an der Sache vorbei. Sie sollte sich stattdessen klipp und klar dazu bekennen, dass sie das Urheberrecht abschaffen will. Ja, abschaffen - denn ein persönliches Recht lässt sich nicht reformieren.

  • Antworten
Richard04.07.2012 | 17:45 Uhr

Unglaublich!

Domscheit-Berg legitimiert Rechtsbruch! Ja, das tut wirklich weh.
Ich halte es ohnehin für einen Fehler, mit Politiker-Clowns zu diskutieren, die keinen Respekt vor den Kreativen in diesem Lande haben und mit perfider Demagogie versuchen, Künstler und ihre Verwerter gegeneinander auszuspielen - als ob dieses Land nicht ganz andere Probleme hätte.
Mit Piraten und anderen Räubern diskutiert man nicht.

  • Antworten
Richard03.07.2012 | 23:27 Uhr

Das ganze Thema ist nicht

Das ganze Thema ist nicht besonders einfach. Fast schon verkopft. Ich hab immer das Gefühl, dass beide Seiten sich so stressen, dass man immer wieder zu dem Punkt gelangt: "wir müssen einfach mal mit einander (über alles) reden." und so wird es immer wieder sein. Die GEMA fühlt sich im Recht und argumentiert auch mit Rechtmäßigkeit. Das sie vielen Leuten bitter aufstößt, weiß sie auch. Aber sie sind das Instrument des Urheberrechtsschutzes und wissen, dass sie die a**** sind... also wird sich so lange nichts ändern, bis sie rechtmäßig aufgefordert werden anders zu handeln. mit Erpressung, Demonstration und lieb bitten wird das doch eh nichts..

  • Antworten
bastian04.07.2012 | 10:17 Uhr

Frau Domscheit-Berg, ist das

Frau Domscheit-Berg, ist das ein geeignetes Mittel der politischen Auseinandersetzung, einen Server lahmzulegen?

Domscheit-Berg: Ja[..]

Das ist Terrorismus, nicht mehr, nicht weniger...

  • Antworten
Marque04.07.2012 | 17:05 Uhr

Pseudo-illektueller Piraten-Zynismus

Die Arroganz dieser Frau Siebeng’scheit-Berg wird nur durch ihren Zynismus übertroffen:

- das Recht des Stärkeren im kontrollfreien Raum Internet geht über alles und soll noch mit politisch-moralischer Anerkennung veredelt werden.
- Die Konsumenten (Kostenlos-Downloader) sind die relative Mehrheit, die Produzenten (Urheber) sind die Minderheit. Dem großen Rest der Bevölkerung ist das Thema egal. Warum also nicht ungeniert die einseitigen Interessen einer aktiven und lautstarken Klientel vertreten?
- Ausgewogene, faire, nachhaltige Lösungen? Wozu? Da sollen sich andere den Kopf zerbrechen. Hauptsache die Piraten kommen mit ihren Primitivo-Positionen in den Bundestag.

Nein Danke, Anke!

  • Antworten
Leopold05.07.2012 | 12:39 Uhr

Stillstand nein! Radikale Veränderung nein! Aber...

Wo bleiben in der ganzen Diskussion eigentlich die Medienwissenschaftler? Es wäre ihr großer Auftritt und Zeitpunkt. Ich bin keiner, habe mich aber auch schon damit auseinandergesetzt und möchte einige Impulse geben.

Das Internet macht der heutigen Oberschicht Angst, wie es die Erfindung des Buchdrucks der Kirche gemacht hat. Auflösung von Hierarchien gefällt den besser gestellten natürlich nicht. Digitalmedien werden unser Denken noch weiter ändern und prägen, so wie es die geschrieben Schrift und der Buchdruck zu unserem rationalen hierarchischen Denken getan hat. Unser Denken wird pluraler, heterarchischer, dynamischer, schnell- und kurzlebiger. Bedingt durch das Medium. Darüber sollte sich jeder bewusst werden (Buchtipp: Daniela Pscheida - Das Wikipedia Universum; für Oldschooler: Marshall McLuhan - The medium is the me(/a)ssage).
Zur Folge hat das eine Veränderung und ebenso Vorsicht vor Beliebigkeit. Aber Stillstand ist der falsche weg.

Ich bin absolut gegen die Aufhebung des Urheberrechts, aber dass es verändert werden muss, ist doch offensichtlich. Ein "neues" Medium (bald 20 Jahre!?) mit neuen Wegen und Mitteln, eine neue Technologie, sie verändert das Verhalten der Menschen. Ich stelle mal die Behauptung in den Raum, dass etwa die Hälfte aller deutschen illegale MP3s besitzen. Verhalten sich nun alle falsch oder liegt ein Gesetz vor, dass definitiv nicht zur neuen Technologie passt?

Problematisch an der ganzen Sache ist die Radikalität der Piraten, die ins nichts führt. Von einer Auflösung des Urheberrechts sollte nicht die Rede sein, aber eine Veränderung ist notwendig.
Spotify und Co. gehen (langsam!) ähnliche Wege, noch ist aber keines davon auf MP3-Playern in Deutschland legal möglich. Wer den Verbrauchern vorwirft, illegal zu handeln, sollte dabei nicht die Industrie vergessen, die das (auch wenn es absurd klingen mag) gerade zu jahrelang provoziert hat.
Spotify wird sehr gut angenommen - warum hat es so lange gedauert in Deutschland?

  • Antworten
Franz Huber06.07.2012 | 11:20 Uhr

spotify wird vielleicht von

spotify wird vielleicht von den usern gut angenommen. keineswegs aber von den künstlern die mit centbeträgen im homöopathischen bereich abgespeist werden. und gottseidank auch inzwischen auch von manchen plattenlabels nicht.

  • Antworten
beinahepopstar07.07.2012 | 14:51 Uhr

konsensgewäsch

tut mir leid herr wolf, aber so geht es nicht.
was soll denn dieses geschwätz von wegen es herrsche größtenteils konsens?

als urheber möchte ich hier mal eines klarstellen. wir betteln hier nicht um almosen, sondern die gema hat unsere rechte zu vertreten.

da erbitte ich mir von herrn wolf klare ansagen und kein konsensgeschleime.

die copy/paste argumente von domscheit-berg sind entweder längst widerlegt oder schlicht falsch. das sollte man ihr um die ohren hauen, anstatt auf schmusekurs zu gehen.

  • Antworten
künstler07.07.2012 | 14:23 Uhr

GEMA

Wer sich der GEMA anschließt ist doch selber schuld, ich kaufe mir keine musik die nur für die gutsituierten gemacht wird, künstler sollen auftreten, sprich arbeiten wie jeder andere auch und nicht an 2 tagen die woche neue stücke schreiben und sich auf denen dann 70 jahre plus restliche lebenspanne ausruhen. machen wir uns nichts vor verdienen tuen die plattenfirmen daran das meiste, dumm nur das tonträger langsam aussterben und die herren nun nicht mehr wissen wie sie mit wenig arbeit viel geld verdienen sollen! also die GEMA wirkt wie ein überbleibsel aus der nazizeit wenn man mich fragt.

  • Antworten
irgendjemand11.07.2012 | 12:45 Uhr

Kommunikation

Die Arroganz ihrer öffentlichen Vertreter, wie von Herrn Wolf an den
Tag gelegt, sollte der Gema Gedanken machen. Es sei denn, dies ist so
gewollt. Es scheint kein Interesse an Verständigung zu geben. Auch die
Bereitschaft Denkstrukturen an gesellschaftliche Entwicklungen anzupassen
ist nicht zu erkennen. Es wird auf den Buchstaben des Gesetzes gepocht,
ohne zu beachten in welchem Geiste es erlassen wurde.

Frau Berg, wie hier in den Kommentaren, eine Terroristen zu nennen,
ist ebenfalls kein Hochpunkt. In diesem Sinne wären auch Demonstrationen
als terroristische Akte zu begreifen.

  • Antworten
George Byron01.08.2012 | 15:22 Uhr

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