Der Friedenspreises des Deutschen Buchhandels geht dieses Jahr an den aus Algerien stammenden Romancier Boualem Sansal. Doch die Entscheidung der Jury ist entgegen aller Lobhudelei alles andere als mutig
Die positiven Kommentare haben sich überschlagen: Wie mutig und nonkonform sei die Entscheidung des Deutschen Buchhandels für den Algerier Boualem Sansal als Friedenspreisträger. Ein kritischer, furioser Autor, der uns das Leiden der Araber endlich nahebringe und dabei kompromisslos die Verhältnisse in seiner Heimat anprangert und es wage sogar, mit einem zentralen Glaubenssatz der Dritte-Welt-Ideologie zu brechen: Der Kolonialismus sei schuld. All das ist nicht falsch, aber es blendet die fragwürdige Seite dieser Entscheidung aus.
Der gebürtige Algerier Sansal schreibt auf französisch, publiziert in französischen Verlagen. So breit die Zustimmung für ihn als Friedenspreisträger auch sein mag, schaut man nur ein bißchen genauer hin, legt die Entscheidung der Friedenspreisjury zugleich ihren eurozentristischen Blick gnadenlos offen.
Wäre es nicht schön gewesen, im Jahr des arabischen Frühlings wirklich einmal einen arabischsprachigen Autor auszuzeichnen? Es gibt mittlerweile etliche Arabisch schreibende Autoren, die ebenso gut oder schlecht auf dem deutschen Buchmarkt vertreten sind wie der französischsprachige Araber Sansal und die literarisch locker in derselben Liga spielen: der Ägypter Alaa Al-Aswani, die palästinensische Autorin und Frauenrechtlerin Sahar Khalifa, der Libanese Elias Khoury, der Syrer Adonis.
Aber einen von diesen zu wählen, war der Jury offenbar zu riskant: Wen holt man sich da eigentlich in die Paulskirche, wenn man Adonis, Khalifa, Khoury, Al-Aswany auszeichnet? Sahar Khalifa zum Beispiel erschien der Jury vermutlich schon deshalb zu brisant, weil sie eine vehemente Israelkritikerin ist. Dass Khalifa auch eine fulminante Kritikerin des Islamismus und palästinensisch-arabischen Machismo ist, interessiert dann schon gar nicht mehr. Für Elias Khoury und Alaa al-Aswani gilt dasselbe: So sehr sie die Zustände in ihrer Heimat kritisieren: wenn sie erst einmal anfangen, auszuteilen, dann kriegt auch der Westen, dann kriegen auch wir unser Fett weg. Im bisherigen Werk von Sansal jedoch deutet nur wenig darauf hin, dass er dem Westen unangenehme Fragen stellen wird. Seine Skepsis und Vorbehalte gegen die arabischen Revolten entsprechen weitgehend dem islamkritischen Mainstream im Westen. Selbst der ägyptische Friedensnobelpreisträger Mohammed al-Baradei ist einem Sansal nicht Demokrat genug. Aber wer soll es dann sein?
Boualem Sansal zählt zu denjenigen Kritikern der arabisch-islamischen Umstände, die es uns leicht machen, ihnen zu folgen, weil sie uns zu Komplizen der Anklage machen. Der Westen wird in der Argumentation dieser Autoren wie ein Kronzeuge behandelt, dem der Freispruch von der eigenen Vergangenheit, von Kolonialismus und Faschismus versprochen wird, wenn er die anderen, die Araber und die Muslime, nur kräftig genug kritisiert. Das geschieht bei Sansal zum Beispiel in seinem Buch „Das Dorf des Deutschen“, für das er den Friedenspreis vor allem erhält. Sansal weist in diesem Werk auf die Kontinuitäten von Nationalsozialismus und arabisch-islamischem Anti-Kolonialismus hin. Diese Kontinuitäten gibt es, und es ist gut, sie aufzuarbeiten. Doch in Deutschland und Frankreich wird dieses Buch von vielen anders gelesen: Als Rechtfertigung dafür, die islamische Welt für politisch unreif zu halten, weil in den Unabhängigkeitsbewegungen einst auch Sympathisanten der Nazis aktiv waren. So beruhigt Sansal auf wohlfeile Weise unser schlechtes Gewissen gegenüber Arabern und Muslimen. Gerade weil wir keine Nazis mehr sein wollen, dürfen, ja müssen wir islamkritisch und araberskeptisch sein, könnte man sehr leicht schließen.
Der Friedenspreis für den Algerier Sansal kommt daher, als würden damit die arabischen Revolutionäre geehrt. Tatsächlich aber werden sie von Sansals Kommentaren in ein seltsames moralisches Zwielicht getaucht.
Zu hoffen bleibt immerhin, dass Sansal mit seiner Rede am Sonntag in der Paulskirche dieses Zwielicht in seinem Werk noch einmal aufklärt.











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