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Salon

Soziale Beziehungen„Freundschaft verdrängt die Familie“

Interview mit Janosch Schobin20. August 2012
flickr
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Freunde – die Familie, die wir uns aussuchen können
Schrift:

Die Zahl der Familien geht zurück, die Bedeutung von Freundschaft steigt. Wieso Freunde zum Familienersatz werden können, wie wir sie auswählen und was wir inzwischen von ihnen erwarten. Im Gespräch mit dem Soziologen Janosch Schobin 

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Herr Schobin, wie steht es heute um die Freundschaft?
Sie steht derzeit hoch im Kurs: Es wird viel, sehr viel darüber geredet, wie sie sein soll und was eine „gute Freundschaft“ ausmacht. Ausgehend von der medialen Darstellung nimmt die Bedeutung und Tiefe von Freundschaft zu. Zudem lässt sich mithilfe von Umfragen feststellen, dass die Verbreitung enger Freundschaften zunimmt. Die Sozialform der Freundschaft wird fürsorglicher, aber es gibt eine Diskrepanz zwischen den gestiegenen Erwartungen und der Lebenspraxis, die nur langsam nachzieht.

Der einzelne Freund wird in Zeiten von Facebook, wenn man ja Hunderte hat, bedeutungsloser?
Das glaube ich nicht. Ich verstehe diese beliebte Diagnose eher so: Vor dem Hintergrund einer Verfürsorglichung des Freundschaftsideals und einer Bedeutungszunahme der Freunde werden neue Bedrohungen der Freundschaft ausgemacht.

Was bedeutet das?
Lange sind die Hilfserwartungen an Freunde gesunken. In Gesellschaften mit niedrigerem Bildungsniveau und geringerem Wohlstand hat die Freundschaft einen höheren praktischen Stellenwert. Die Leute geben dort eher an, dass ein Freund einem nützlich zu sein hat. Im Zuge der Wohlstandsentwicklung in der Nachkriegsgesellschaft ist diese praktische Komponente der Freundschaft bei uns sehr schwach geworden. Wir kommen jetzt aber langsam wieder an den Punkt, an dem wir die Freunde brauchen.

Woher kommt diese Aufwertung?
Seit dem Pillenknick sind die Geburtenraten sehr niedrig. Wir stecken seit 45 Jahren in einem historischen Experiment. Das Einzelkind zweier Einzelkinder hat keine Geschwister, keine Tanten, Onkel oder Cousins. Das bedeutet, das soziale Netz aus Verwandtschaft und Familie bricht für viele weg. Was macht man in einer solchen Lage? Es ist auch die drängende Frage, was man im Alter macht, wenn man weder Familie hat, noch das Geld für ein tolles Altenheim. Bremens ehemaliger Bürgermeister Henning Scherf hat sich beispielsweise für das Modell der Alten-WG eingesetzt.

Können Freunde so zum Familienersatz werden?
Wenn tatsächlich jemand keine oder nur eine sehr spärliche Familie hat - und die Zahl derer steigt kontinuierlich, dann wird ein Leben im Kreis der Freunde immer mehr zur Option. Hinzu kommt, dass Familien heute meist sehr klein sind – bestimmte Funktionen, die vorher die Familie übernommen hat, übernehmen jetzt immer häufiger Freunde.

Bildergalerie: Was bedeutet heute Freundschaft?

Funktioniert Freundschaft auch, wenn es um Themen wie Pflege geht?
Genau das haben wir untersucht: In der Regel würden die Befragten einen Freund pflegen. Sich von Freunden pflegen zu lassen, war dagegen keine beliebte Vorstellung.

Woran liegt das?
Die Leute fühlen sich in ihren Autonomievorstellungen peinlich berührt. Man will gegenüber den Freunden jemand sein, auf den man bauen kann, jemand der auch etwas zurückgeben kann. Das setzt voraus, dass man für sich selbst sorgen kann. Deshalb möchten sie sich selbst nicht in einer Pflegesituation sehen, in der sie von ihren Freunden abhängig sind. Die Menschen machen sich dann eher Gedanken, ob man nicht jemanden engagieren könnte, der das macht. Wenn man Hilfe bezahlt, hat man zumindest immer noch das Gefühl, die Kontrolle und die Leitung zu haben.

Ist das Modell der Alten WG möglich?
Ich glaube schon. Aber es wird professionelles Pflegepersonal brauchen, das die Alten-WGs unterstützt. Die Alten von heute - das ist die Flakhelfer-Generation und die 68er-Generation – werden sich nicht von ihren Freunden pflegen lassen. Interessant wird sein, ob die darauf folgende Generation ein entkrampfteres Verhältnis haben wird. Wir vermuten, dass Freundschaft gerade einen grundlegenden Wandel durchmacht, der sich in den Medien schon zeigt, sich aber noch nicht lebensweltlich widerspiegelt.

Seite 2: Auch Liebesbeziehungen vollziehen „Verfreundschaftlichung“

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Ich finde es unpassend, von "Ersatz" zu sprechen.
Es ist einfach unnatürlich, die Kleinfamilie zu propagieren und die Einzelnen dabei zu vergessen.
Es wird sich in Zukunft zeigen, dass Gemeinschaft wieder eine deutliche Aufwertung erhalten muss, damit die Menschen die Möglichkeit erhalten, das Ruder der Evolution (wir werden über kurz oder lang aussterben) herumzureißen.

  • Antworten
Bettina Berens22.08.2012 | 15:56 Uhr

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