Der französische Intellektuelle Raphaël Enthoven findet es schockierend, dass Philosophie in Deutschland nicht überall verpflichtendes Schulfach ist. Im Cicero-Online-Interview spricht der Ex-Geliebte Carla Brunis über sein Verhältnis zur Politik, über den Tod Stéphane Hessels und über Philosophie im Internet
Berlin-Mitte, die französische Botschaft. Philosoph Raphaël Enthoven lädt auf Initiative von arte zum Streitgespräch. Vorher dürfen aber noch die Journalisten.
Enthoven, Strubbelhaar und Lackschuhe, schwingt sich gut gelaunt in den Bistrostuhl, sieht die Interviewerin mit diesen tiefen, schwarzen Augen an, über die schon so viel geschrieben wurde. Er ist in Frankreich auch bekannt, weil er einst mit Sarkozys Gattin Carla Bruni zusammen war. Die Schöne hatte dem Philosophen das Lied „Raphaël“ gewidmet.
Kürzlich ist in Frankreich ein Film von Enthovens Ex-Frau herausgekommen: „Mauvaise fille“, nach der Vorlage des preisgekrönten Buches von Justine Lévy, Tochter des berühmten Philosophen Bernard-Henri Lévy. Darin behauptet Lévy, dass der Philosoph seinem Vater Carla Bruni ausgespannt habe. Später verließ Bruni Enthoven für den selben Grund: seinen Vater Jean-Paul…
Ein Kollege rät vor dem Gespräch mit Enthoven, darauf zu achten, ob seine obersten drei Hemdknöpfe geöffnet seien – typisch für französische Intellektuelle. Der schmale Hals ist jedoch verhüllt: Der 37-Jährige trägt einen schwarzen Rolli und einen Schal.
Herr Enthoven, wenn wir uns die Reaktionen in Europa nach der Italien-Wahl ansehen: Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn warnte, Italien drohe Europa gegen die Wand zu fahren, Steinbrück ätzte über die „zwei Clowns“ und die Wiener Presse über die „politische Infantilität“ eines ganzen Volkes. Was sagt das über Europas Eliten aus?
Danke für diese Frage, die ich nicht erwartet hatte. Der Populismus in diesem verrückten Land hat sicher noch schöne Stunden vor sich. Aber ich weiß gar nicht, was Sie mit den „Eliten“ meinen. Es ist schwierig, über eine Situation zu sprechen, wenn man sie nicht selbst erträgt, wenn man sich stattdessen satt essen kann, wenn man einen guten Beruf hat. Ich habe zu viel Komfort, um mich dazu glaubwürdig zu äußern.
In Ihrer letzten Sendung bei arte sprachen Sie über den Wandel – und analysierten das Bildnis des Dorian Gray oder François Hollandes Wahlwerbung „Le changement c’est maintenant“. Was ändert sich gerade in Europa?
Die Idee der Sendung war zu sagen: Nichts ändert sich weniger als der Ruf nach Veränderung. Seit 1962 hat jeder zweite französische Staatspräsident im Wahlkampf mit dem Wandel geworben. Wenn der Wandel das einzige ist, was sich nicht wandelt, hat man eine Permanenz, einen fast altbekannten politischen Ritus. In Europa ist der einzige wahrnehmbare Wandel die Verschärfung der europäischen Frage, der Solidarität. Es gibt eine Zeitschrift „Junges Afrika“, die in ganz Afrika verbreitet wird. Es gibt aber kein Journal „Junges Europa“. Europa hat weniger Geschichte als Zukunft. Jetzt gilt es, diese Zukunft zu gestalten.
Fehlt uns ein europäischer Geist?
Nein, es fehlen Staatsmänner und -frauen, die Überzeugungen vor die Verantwortung setzen. Es fehlen unverantwortliche...
Wie bitte? Unverantwortliche?
Der Soziologe Max Weber hat zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik unterschieden. Um in der Politik Karriere zu machen, muss man der Verantwortungstyp sein. Man verkauft Gesinnungen und fährt die Dividende ein; man ist sozusagen ein Stratege seiner eigenen Überzeugungen. Aber ein Staatsmann, das ist jemand, der in einem historischen Moment in der Lage ist, die Gesinnung vor die Verantwortung zu stellen.
Ich gebe Ihnen zwei Beispiele: General Charles de Gaulle war verantwortungslos, als er 1940 in London erklärte, dass Frankreich nicht erobert sei. Hätte er das nicht getan, wäre er nicht der größte Franzose aller Zeiten geworden. Helmut Kohl war verantwortungslos, als er die Westmark einführte. Große Politiker interessieren sich für mehr als für ihre kleine Karriere. Vielleicht ist es das, was in Europa fehlt. Jemand, der die Sorge um den Kontinent an allererste Stelle setzt. Vor sein eigenes Land.
Ich stelle diese politischen Fragen, weil es zwischen Deutschland und Frankreich durchaus Unterschiede gibt, was die Rolle der Philosophie in der Politik betrifft. Ihr Kollege Bernard-Henri Lévy empfahl Präsident Sarkozy, in Libyen einzumarschieren. Auch das Engagement in Mali ist auf ihn zurückzuführen.
Aber die Rolle hat er doch nicht als Philosoph gespielt. Er hat den Präsidenten der Republik davon überzeugt, dass es schlimme Folgen haben könnte, wenn wir nicht in Libyen intervenieren.
Er hat also als Politiker gehandelt?
Ja. Philosophie berät nicht die Politik. Sarkozy fand lediglich Lévys Rede klug, hat gehandelt – und das war das Ende Gaddafis. Mehr muss man dazu nicht sagen.
Seite 2: Warum der Philosoph Militärinterventionen unter bestimmten Bedingungen unterstützt













