Enzensberger wütet gegen Smartphones, Grass wird ordinär, wenn es um Facebook geht und das Feuilleton der FAZ polemisiert gegen die Allianz der Netzkonzerne: Die Auseinandersetzung um das Netz gleicht mittlerweile einer weltanschaulichen Endschlacht. Hier entsteht eine neue konservative Ideologie der Vereinfachung
Konservative? Gibt es die überhaupt noch? Kirchen, Parteien, Institutionen und Medien verschreiben sich rückhaltlos der Dynamik der Zukunft. Die Beschleunigung der Diskurse entwurzelt konservative Werte-Positionen wie ein Sommersturm alte Fichten. Selbst der Vatikan oder die AfD lassen sich nur ungern als „konservativ“ bezeichnen. Das schließt Bedeutungen wie „der Zukunft nicht gewachsen“ und damit „ohne Relevanz“ ein. Sie bestehen darauf, als „moderne“ Organisationen wahrgenommen und angesprochen zu werden, um im Gespräch zu bleiben.
Unter diesem Blickwinkel ist es interessant, die Entstehung eines selbstbewussten neuen konservativen Milieus zu beobachten, das aus dem Geist der Netz-Opposition erwächst. Dieses Milieu formiert sich nicht „für“, sondern „gegen“ etwas. Es ist sozial nicht homogen, sondern heterogen. Es folgt keiner ökonomischen, sozialen oder moralischen Logik. Es ist ein existenzialistischer Konservativismus, der über die Grenzen der Einkommensschichten und Bildungsniveaus hinweggreift und sich die Rettung eines – wie auch immer definierten – „alten, analogen Menschen“ auf die Fahnen geschrieben hat. Aber es ist zweifelsohne ein Konservativismus. Denn er gehorcht in vielen Merkmalen der Logik konservativen Denkens, die in Vereinfachung, Selbstinszenierung, Misogynie und im Ausschluss von Neugier besteht.
Die Rede ist von der Bewegung des Anti-Digitalen, die sich fast jeden Tag ganzseitig im Feuilleton der FAZ, in den Publikationen einer Miriam Meckel, eines Byung-Chul Han, eines Roland Reuß – um nur die wichtigsten Protagonisten zu nennen – nachlesen lässt. Hier entsteht eine überzogene Theorie der digitalen Verschwörung gegen die Menschheit, die die Saat des Misstrauens verbreitet und die Gesellschaft lähmt. Die Debatte um das Netz ist in eine Phase der kulturellen Endschlacht getreten, in dem es um die nackte Existenz geht. Entsprechend alarmistisch ist diese Debatte, in der sich ein neuer Konservativismus der Unterkomplexität formiert.
„Big Data macht euch alle nackt“
Ein Leitmedium wie die FAZ opfert große Teile ihres einstmals so vielfältigen Feuilletons einer gebetsmühlenartigen Wiederholung der These „Big Data macht euch alle nackt“. Alte, linke Männer des Literaturbetriebs wie Grass und Enzensberger, die früher in jedem zweiten Satz mit ihrem Willen zur „gesellschaftlichen Veränderung“ genervt haben, werden primitiv und menschenverachtend („Facebook ist Scheißdreck“) oder einfach nur lächerlich („Schaltet die Smartphones ab“), wenn sie zu den neuen Medien, die die Gesellschaft nun tatsächlich verändern, Stellung beziehen. Manchmal denkt man sich: Si tacuisses… Aber dann ist man auch wieder froh um diese Worte, die so unbedacht und emotional gesprochen oder geschrieben werden. Entlarven sie doch das neue Dogma der neuen Konservativen.
Dieses Dogma lautet: Die Menschen sind gefangen in einer Transparenzfalle, die sie erschöpft und auslaugt, während sich das echte Leben woanders abspielt. Gleichzeitig ist diese Transparenzfalle eine gigantische Apparatur, die amerikanische Konzerne installiert haben, um nichts weniger als einen „neuen Menschen“ zu erzeugen. Dieser neue Mensch, eine Ausgeburt des Silicon Valley, ist vollkommen durchsichtig, steuer- und ausbeutbar, er ist ausgemessen und quantifiziert. Er ist eine Gestalt aus Big Data, die sich wie ein Roboter programmieren lässt. Gesellschaftlich gesehen beenden die sozialen Medien, in denen nur „Scheißdreck“ geredet wird, die Habermas‘sche Diskursethik und zersetzen dadurch den politischen Raum und seine Meinungsbildung. Die kulturelle Fraktion dieser konservativen Gruppe beklagt flankierend und wortreich den kulturellen Verfall, der mit Unternehmen wie Amazon eine Bresche der Verwüstung in die blühende Landschaft des deutschen Buchhandels schlägt. E-Books werden als ein Ende von Literatur, ja gar als ein Ende des Schreibens bewertet.
Plumper Anti-Amerikanismus
Dieses anti-digitale Dogma hat zwei Funktionen. Zum einen leistet es das, was alle konservativen Dogmen leisten: eine radikale Vereinfachung einer überkomplexen Wirklichkeit und dadurch eine Verortung des Orientierung suchenden Lesers. Es reduziert komplexe, untereinander verzahnte Realitäten auf einen simplen gemeinsamen Nenner (Daten und Quantifizierung = Gefahr, Zerfall, Untergang), der dann flux noch in einer wohl bekannten Geste des Anti-Amerikanismus politisch verortet wird. So entsteht das Szenario: Böse amerikanische Technokraten wollen den guten alten Europäern, die noch Vinylplatten hören und in alten Folianten blättern, an den Kragen. Zum anderen funktioniert das Dogma wie das Credo in der katholischen Kirche. Es wird permanent wiederholt in einer Liturgie, die die Apokalypse des Abendlandes herbeiruft, und scheint durch diese Wiederholung immer wahrer zu werden.
Dem Dogma kann natürlich nicht entgegengehalten werden, dass es vollkommen falsch ist. Natürlich befindet sich unsere Gesellschaft in einem radikalen Umbruch. Natürlich befinden wir uns in einer Phase der Inkulturation, eines Hineinwachsens neuer Technik in unser Leben. Natürlich geht alles viel schneller, als wir denken und schreiben können. Das Problem besteht tatsächlich darin, dass Unternehmen schneller agieren, als moralische Koordinatensysteme und gesetzliche Rahmenwerke nachwachsen können. Aber das ist in der Medizin und in der Biotechnologie nicht anders, und dort wird die Asymmetrie zwischen Möglichem und Erlaubtem, zwischen Risiko und Chance längst nicht so laut beklagt wie in der Sphäre der Daten. Das sollte nachdenklich stimmen und zu einem Überdenken der Prioritäten anregen.
Die Internet-Unternehmen optimieren die Möglichkeiten ihrer Daten- und Vertriebsmodelle unter den Gegebenheiten eines globalen Finanzmarktes. Das kann man ihnen nicht vorwerfen, auch dann nicht, wenn sie das, was wir in Europa unter „Kulturgut“ verstehen, ihrer Wachstumslogik unterwerfen. Das konservative Erklärungsmodell geht einen entscheidenden Schritt zu weit, indem es vereinfachend und projektiv zugleich arbeitet.











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