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 > Wie ich versuchte, die Welt zu verbessern

Salon
Fastenzeit

Wie ich versuchte, die Welt zu verbessern

von 
Vera Gaserow
22. Februar 2012
picture alliance
Fesselballon, erde, Fastenzeit, Weltenrettung
„Meine erste Woche der guten Taten hat nicht die Welt, aber zumindest meinen Gemütszustand verbessert.“

Am Aschermittwoch hat die Fastenzeit begonnen. Doch in Zeiten von Überfluss und Übergewicht ist der Verzicht auf ein bisschen Essen kein Zeichen mehr von Umkehr und Buße. Warum stattdessen nicht versuchen, Gutes zu tun – einmal am Tag,  einen Monat lang? Ein Selbstversuch von Vera Gaserow

Seite 1 von 3

Ich bin nicht religiös. Ich bin nicht übergewichtig. Ich sehe auch nichts, wofür ich büßen müsste. Fasten macht für mich partout keinen Sinn. Aber deswegen auf gute Vorsätze verzichten? Meiner soll darin bestehen, dem Schlechten zu entsagen. Nicht durch Verzicht auf Völlerei. Statt zu fasten, will ich die Welt mit guten Taten füttern.

Die Welt ist groß. Ich bin 156 Zentimeter klein. Ich werde also ganz unten anfangen müssen. Ich will versuchen, jeden Tag etwas Gutes zu tun. Etwas ganz  Alltägliches. Etwas Kleines. Etwas, was jeder kann. Etwas, was die Welt vielleicht freundlicher machen würde, wenn es alle täten. Ich nehme mir vor, die Welt zu verbessern. Einen Monat lang.

Der Monat des guten Vorsatzes fängt denkbar schlecht an. Zahnarzttermin. Eckzahn oben links braucht neue Verplombung. „Mit oder ohne Betäubung?“ fragt der Dentist meines Vertrauens. „Ohne“ gurgelt es aus meinem aufgesperrten Mund. Mein Martyrium könnte das deutsche Gesundheitssystem um eine Schmerzspritze entlasten. Beim Bohren stellt sich heraus, der Zahn war eh tot. Macht allenfalls einen halben Punkt auf meinem Gute-Taten-Konto.

Dann treffe ich Frau T. am Praxisausgang. Hinter dicken Brillengläsern starrt die alte Dame auf die Treppenstufen wie auf einen Abgrund. „Darf ich Ihnen helfen?“ Frau T. guckt etwas ungläubig, als ich sie unterhake. Wenn sie nun stolpert, kugeln wir beide abwärts. „Linkes Bein vor – prima!“ und noch einmal „linkes Bein vor“. Nach drei Minuten haben wir das eine Stockwerk zur Haustür geschafft. „Ging doch gut“, sage ich. Frau T. lächelt ein dankbares „Muss ja“ zum Abschied.

Das tut gut, aber eine Nummer weltbewegender darf`s schon sein. Im Internet findet sich eine Protestkampagne gegen Polens Einstieg in die Atomkraft . Ich will kein neues AKW. Nicht in Grenznähe. Und auch sonst nirgendwo. Absender eingeben, Mustereinspruch unterzeichnen. Zwei Mausklicks und die polnische Regierung wird meine Meinung zu ihren Atomplänen kennenlernen! Mein Einspruch ist einer von über 60.000. Er hat keine bindende Wirkung. Aber ein bisschen stolz bin ich schon auf mich. Welt verbessern ist eigentlich nicht sehr anstrengend.

„Die Post – ein Päckchen für Sie“ – beim ersten Klingelzeichen spurte ich die fünf Stockwerke zur Haustür hinunter. Die zierliche Postbotin mit der prallen gelben Tasche hat`s eh schwer genug. Heute erspare ich ihr das Treppensteigen und wünsche ihr einen „Guten Morgen!“. Seitdem lachen wir uns an, wenn wir uns auf der Straße begegnen. Geht doch!

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Die Ja-Aber Betroffenheit

Anderen Menschen in kleinen Dingen des Alltags zu helfen ist immer einen Win-Win Situationen. Wer gibt, bekommt in der Regel immer etwas zurück und wenn es ein freundliches Dankeschön ist. Der eigentliche Gewinn aber ist die persönliche Achtsamkeit, die geschärft wird; es ist eine porentiefe Sicht auf die Dinge Welt, eine Tiefenschärfe der Sinne. Mit ihr sieht man täglich etwas mehr. Und vor allem man überwindet Probleme im Kleinen, die lösbar sind.

Die meisten Weltverbesserer haben eine völlig andere Sicht auf die Welt der Dinge. Sie glauben immer nur die größten Probleme lösen zu müssen und meinen damit seien die kleinen ebenfalls beseitigt. Und vor allem spekulieren sie bei Erfolglosigkeit angesichts der Größe der Probleme auf Verständnis. Was sehr bequem ist. Sie wollen nicht im Kleinen anfangen, verstecken sich vielmehr hinter der sogenannten Ja-Aber-Betroffenheit.

Und das geht so: Ich bin so betroffen von der Not vieler Menschen in aller Welt, aber ich kann ja nichts tun. Ich würde gerne, aber ich bin so ohnmächtig. Diese Betroffenheit nimmt sogar noch zu, je weiter entfernt die Not der anderen Menschen ist.

Kommt die Not der anderen aber langsam näher, sozusagen in Sichtweite, steht sie sogar direkt vor unserer Haustür verringert sich dieselbe Betroffenheit zusehends. Beim betroffenen Nachbarn hört sie dann meistens ganz auf.

  • Antworten
Heinz Pelzer22.02.2012 | 15:01 Uhr

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