Freundschaft. Was ist das eigentlich? Die Literatur wusste den Begriff der Freundschaft wunderbar zu überhöhen, erschuf eine Utopie der Freundschaft, in der das weibliche Geschlecht allerdings nicht stattfand
„Keine Freundschaft kongruiert völlig mit der Idee der Freundschaft.“ Immanuel Kant verstieg sich einst auf diese Freundes-Formel und beschrieb einen Zustand, wie sie die Social-Media-Moderne, da wir via sozialer Netzwerke „Freunde“ wie schlechte Gewohnheiten sammeln, nicht trefflicher hätte beschreiben können.
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Kant beschrieb eine seit ewigen Zeiten andauernde Diskrepanz von angestrebter und tatsächlicher Freundschaft. Denn Freundschaft ist nie oder selten mit dem Ideal der Freundschaft in Deckung zu bringen. Und heute, da der Freundschaftsbegriff – nicht zuletzt Dank Facebook – inflationär in Haftung steht, hat sich das, was wir Freundschaft nennen, wohl weiter von seinem Ideal entfernt denn je.
Zwar lässt sich beklagen, dass mittels Facebook der Freundschaftsbegriff die ständige Überdehnung erfährt. Wir können unsere Freunde katalogisieren, per Mausklick „Freundschaften“ schließen und ebenso beenden; wir können abonnieren, unseren Freundeskreis nach Kriterien systematisieren. Und wir wissen, dass da eine ganze Industrie lauert, die dem narzisstischen Netzmenschen via Mausklick Hormonausschüttung garantiert.
Doch hat Facebook wirklich die Qualität von Freundschaft verändert? Wohl kaum. Die Netzfreunde sind Teil eines Spiels. Es sind systematisierte, virtuelle Kommunikationsriten. Ein Spiel also, das wir ernst nehmen, aber nicht als Wurzel allen Übels kulturpessimistisch diffamieren sollten.
Bleiben wir nüchtern und stellen fest: Facebookfreundschaften sind in der Regel keine. Sie dienen der schnellen, beiläufigen Kommunikation mit Bekannten, klassischem Networking und nicht zuletzt dem eigenen Sendebewusstsein. Wir projizieren unser Ich auf viele kleine Ichs, in der Hoffnung, gespiegelt zu werden. Es ist das Spiel mit dem digitalen Ego, an dessen Ende eine rote 1 leuchtet, die uns im besten Fall in unserem virtuellen Sein bestätigt.
Und überhaupt. Irgendwie war die Qualität einer Facebook-Freundschaft bereits vor Hunderten von Jahren vorhanden. So gesehen waren Voltaire und Friedrich die ersten Facebookfreunde. Denn auch hier ging es zunächst um klassische Lobhudelei.
So schrieb Voltaire an Friedrich im September 1736: „In welchem Winkel der Welt ich auch mein Leben beenden werde, seien Sie versichert, daß Ihnen, d. h. dem Glück eines ganzen Volkes, meine beständigen Wünsche gelten. Ich werde mich stets wie Ihr Untertan fühlen, Ihr Ruhm wird mir immer teuer sein. (…) Mit tiefster Hochachtung bin ich Eurer kgl. Hoheit untertänigster Voltaire.“
Viel hat sich nicht geändert. Denn das, zumindest für den Beginn der Beziehung, charakteristische gegenseitige Anbiedern zwischen Friedrich und Voltaire ähnelt einem einfachen Like, einer permanent an der Oberfläche stehenden Umschmeichelei. Es war nicht mehr und nicht weniger als eine wechselseitige Belobigung einer, auf narzisstischer Basis stehenden (vor allem männlichen) Gefühlswelt. Es bedeute eben noch keine Freundschaft, sondern wie die meisten zwischenmenschlichen Beziehungen, Bekanntschaften, die über den Grad des eigenen Ichs, über den egoistischen Tellerrand, nicht hinausreichen.
Die ungleiche Machtbeziehung zwischen Voltaire und Friedrich ging schief. Ihr Ende – unwürdig. Fast wie ein Verbrecher floh Voltaire 1753 aus Berlin, wurde in Frankfurt am Main verhaftet und von Friedrichs Mannen über Wochen gedemütigt. Hätte es in Zeiten Voltaires Facebook gegeben, Friedrich hätte Voltaire einfach die Freundschaft kündigen können, statt ihn letzten Endes maßlos zu gängeln.
Überhöhung der Freundschaft in der Literatur
In der Literatur wurde der Freundschaftsbegriff ähnlich verzerrt, wie dies bei Facebook heute der Fall ist – ein Extrem, nur in die andere Richtung. Die Literatur schuf ein Ideal, dass sich von tatsächlicher Freundschaft gleichermaßen entfernt hatte. Diese literarische Überhöhung von Freundschaft findet sich exemplarisch bei Michel de Montaigne.
Er schrieb wohl den berühmtesten Essay über die Freundschaft. So verfasste er„Von der Freundschaft“ angeregt durch die Beziehung zu seinem viel zu früh verstorbenen Freunde Etienne de la Boetie. Freundschaft wird bei Montaigne zu einer vollkommenen Utopie. Wohl auch deshalb, da er sein Freundschaftsbild an einer Beziehung spiegelt, die durch den Tod des Freundes ein frühes Ende findet. Montaigne idealisiert also posthum. So gesehen nähert sich eine Freundschaft wohl erst retrospektiv dem Ideal.
„Ein wahrer Freund ist ein Geschenk, kostbar und unersetzlich“, schrieb Montaigne. „In der Freundschaft dagegen herrscht eine allgemeine Wärme, die den ganzen Menschen erfüllt und die außerdem immer gleich wohlig bleibt; eine dauernde , stille, ganz süße und ganz feine Wärme, die einen nicht verbrennt und nicht verletzt.“











