Ohne die Wechselgesänge zwischen den Buchreihen, ohne die Stimmen ihrer Vorgänger wäre auch ihr eigenes Schreiben nicht denkbar. Zu Besuch in Berlin-Schöneberg beim Schriftstellerehepaar Eva Menasse und Michael Kumpfmüller
Die Räume bestehen aus Licht und Büchern. Nach vorne zur Straße gibt es große Fensterreihen, und die Regale nehmen jeweils die Stirnseite der Zimmer ein. Dazwischen ist viel Platz. Man fühlt sich eingerahmt, behaust und versteht sofort, wie sich hier die Lust auf Lektüre verdoppelt.
„Ich mag unsere beiden Wände sehr gern“, sagt Michael Kumpfmüller, „sie stehen da wie zwei klassizistische Säulen, aufgespalten, ganz ruhig.“ Seine Frau Eva Menasse führt uns herein. Wir befinden uns in einem Schriftstellerhaushalt in Berlin-Schöneberg. „Als unser Sohn geboren wurde, haben wir auch die Bibliotheken zusammengeworfen“, erklärt Menasse, die 1970 in Wien geboren wurde, als Journalistin bei der Zeitschrift Profil und der FAZ arbeitete und 2005 mit ihrem Debüt „Vienna“ über eine jüdisch-katholische Familie elegant die Seiten wechselte. „Allerdings finde ich nichts mehr, weil ich das Alphabet nicht so gut kann“, sagt sie.
Doppelte Bücher wurden aussortiert und verschenkt, die gebundenen Ausgaben hatten Vorrang. Es sei interessant gewesen, die Schnittstellen zu entdecken und unter den Besitztümern des anderen auf Unbekanntes zu stoßen. Siegfried Lenz hatte sie zum Beispiel noch nie gelesen. Von Wien aus betrachtet, erschien ihr Lenz sehr weit weg. Aber als sie ihn endlich las, habe er ihr das Norddeutsche näher gebracht. „Unsere Bücher zu vermischen, war eine echte Bereicherung“, sagt auch ihr Mann. „Ich hatte nie das Gefühl, meine Individualität aufzugeben.“
Wir sitzen längst auf einem großen Sofa und trinken Kaffee. Man kann bequem hinter sich greifen und einen Band aus dem Regal ziehen, was oft passiert. „Ich schaue mir immer die ganzen Buchrücken an“, sagt Eva Menasse, die neulich mit einem schlafenden Kind im Arm an den Buchstaben F herankam und Hans Falladas „Kleiner Mann, was nun“ las. „Für mich sind es Eingänge, und dahinter liegt eine ganze Welt. Ein riesiger Raum.“
Die Reihen gehen bis unter die Stuckdecke, ganz oben steht die Abteilung Geschichte, dann beginnt es in der einen Ecke mit Friedrich Achleitner und endet im Zimmer gegenüber mit Stefan Zweig. Sigmund Freud, Karl Marx und Jürgen Habermas stehen zwischen Fallada, Thomas Mann und E.T.A. Hoffmann – das sei „Theorie, zu der ein Kopf gehört“, erklärt Michael Kumpfmüller, für den sich andere Ordnungsprinzipien nach Epochen oder Ländern nie bewährt haben. Er brachte Klassikerreihen aus dem Aufbau-Verlag Ost, die ihm eine Tante aus der DDR regelmäßig schickte, mit in die Bibliotheksehe. Theodor Fontane und Johann Wolfgang von Goethe, manche seien philologisch etwas zweifelhaft, aber er hänge an ihnen.
Die Gesamtausgaben von Heimito von Doderer, Joseph Roth und Vladimir Nabokov stammen von Eva Menasse, mühsam abgespart von ihrem Budget als Studentin, auch Isaak B. Singer ist von ihr und der Regalmeter mit kuriosen Originalausgaben von Richard Yates: „Apple Valley High School Library“ steht auf einem Roman mit dickem Pappeinband. „Die würde ich nie hergeben“, sagt sie. Yates wurde auf ihre Anregung in Deutschland neu entdeckt. Auch für die kanadische Autorin Alice Munro hat sie sich immer wieder eingesetzt, aber ausgerechnet an dieser Stelle klafft eine große Lücke im Regal: „Meine Lieblingsbücher sind meistens eh nicht da, weil ich meine Freundinnen zwinge, sie zu lesen.“











