Eva Menasse

Das Leben durch ein Spiegelkabinett

In dreizehn Episoden schickt Eva Menasse ihre Protagonistin durch ein Spiegelkabinett, das die asymmetrischen Strukturen des Lebens schonungslos widerspiegelt – und am Ende viel mehr als das bloße Bild einer Frau unserer Gegenwart offenbart

Eva Menasse, Quasikritalle
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Unser Autor

Koller, Catharina

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Oben vom Dachfenster aus beobachtet der Hausherr die Balkone seiner Mieter, heimlich und unbemerkt. Mittels einer kleinen Spiegelscherbe nimmt er ein Stockwerk nach dem anderen ins Visier, «Abblinzeln» nennt er für sich diesen als Wachsamkeit getarnten Voyeurismus. Seine Aufmerksamkeit gilt besonders der Neuen im zweiten Stock, Xane Molin, viel jünger als die anderen Mieter. Ihr unsteter Alltag, die Feste, die sie feiert, die offensichtlich unregelmäßige Arbeit, der sie nachgeht, alles erscheint ihm in seinem Haus am grünen Rand Wiens fremd und unverständlich.

Xane Molin ist Rand- und Hauptfigur zugleich in «Quasikristalle», Eva Menasses zweitem Roman: In dreizehn Episoden kommen immer neue Figuren zur Sprache, taucht der Leser immer wieder in andere Lebenswirklichkeiten. So in diejenige des Historikers Bernays Biernacki, der eine Exkursion nach Auschwitz leitet, an der Xane teilnimmt; in den Alltag einer Kinderwunsch-Klinik, in der Xane Patientin ist; in das Leben einer zufälligen Straßenbekanntschaft sowie in das von Xanes Freundinnen und Kindern. Hier wird also das Spiel «Selbstbild-Fremdbild» gespielt: In nur einer Episode kommt Xane selbst zu Wort, in allen anderen erfährt der Leser indirekt von ihr, über den Spiegelscherbenblick ihrer Lebensbegleiter. «Ein(en) klassische(n) Fall halbjüdischer Doppelhelix» erkennt Bernays bei seiner Exkursionsteilnehmerin. «Ein schwer auflösbares Geflecht aus Angst, Schmerz über unklare Zugehörigkeit, ironischer Distanzierung und Selbstüberschätzung auf der Suche nach der angemessenen Haltung» – genau wie bei ihm selbst. «Vielleicht hatte er Xane deshalb gleich so anziehend gefunden wie eine Droge, ein Spiegelbild, nur fünfzehn Jahre jünger.» Hier geht es um die junge Frau, um ihre Identität, ebenso sehr aber um Bernays selbst.

Xane zieht von Wien nach Berlin, wirft sich in das kulturelle Leben der Stadt, wird Professorenfrau und Patchworkmutter, leitet eine PR-Agentur für Non-Profit-Kampagnen und wünscht sich ein eigenes Kind. Die Ärztin der Kinderwunsch-Klinik mag sie: «Sie plaudern manchmal ein bisschen. Frau Molin ist Fernsehjournalistin oder etwas Ähnliches, jedenfalls intelligent und reflektiert.» Da verbündet sich eine, die sich gleichauf sieht, ein besonderer Moment in ihrer langen Patientenreihe.

In Eva Menasses erstem Roman «Vienna» war die Ich-Erzählerin vor allem Reporterin einer Familiengeschichte, die Berichtende, die im Zentrum stand, aber gesichtslos blieb. In «Quasikristalle» verkehrt Menasse diese Erzählweise in ihr Gegenteil: Weil Xane ständiger Bezugspunkt der einzelnen Episoden ist, der aus unterschiedlichsten Perspektiven umkreist wird, wird sie schnell zum Mittelpunkt des Romans – auch wenn sie erst in der Mitte des Buches und zur Mitte ihres Lebens selbst spricht. «Ich lebe so, wie ich es immer wollte», heißt es da. «Es geht uns gut. Die Lebensmitte ist sicher und berechenbar wie eine ungestaffelte Warmmiete.» Doch natürlich ist dies nur ein weiterer Zerrspiegel; ein paar Seiten später hockt sie im Korridor auf dem Boden: «Ich werde an meinem Mutterdasein verrückt.» Sie beneidet eine Freundin um deren sich anbahnende Affäre und sinniert über «inneres Fluchtpotential». Was, wenn die einstigen Träume, mittlerweile wahr geworden, einen doch nicht ganz und gar erfüllen?

Das Spiegelkabinett, durch das Eva Menasse ihre Hauptfigur schickt, ragt über unsere Gegenwart hinaus, in die Zukunft hinein. Am Rande, während Xane finanzielle Krisen übersteht, ihren Mann überlebt, Enkel bekommt und schließlich nach Wien zurückkehrt, um dort noch einmal neu zu starten, erfährt der Leser, dass in der Zwischenzeit Banken kollabiert sind, Europa geschrumpft und das Gesundheitssystem gekippt ist. Ist hier im Hintergrund gar eine ganze Welt aus den Fugen gegangen? Hinweise darauf gibt der englische Lyriker und Zeitgenosse Shakespeares, John ­Donne, ein Zitat aus «An Anatomy of the World» ist dem Roman vorangestellt: «’Tis all in pieces, all coherence gone, / All just supply, and all relation.» Fast scheint es schon, als würde der Roman einfach über die Scherben des Lebens hinwegblinzeln, da taucht vor dem letzten Romankapitel ein weiteres Donne-Zitat auf, sein berühmtestes: «No man is an island, entire of it­self. / Every man is a piece of the continent, a part of the main.» So scheint der Roman also nicht nur das Bild einer Frau unserer Gegenwart erschaffen zu wollen. Sie in ihren Spiegelungen und Verbindungen zu anderen zu zeigen, in den ungeordneten, asymmetrischen Strukturen des Lebens – ähnlich denjenigen der titelgebenden «Quasikristalle» –, ist hier vielmehr eine Strategie gegen die Weltzersplitterung, die John Donnes Eingangszitat beschwört. An der einen oder anderen Stelle stört in diesem Roman ein abgenutztes Bild, ein plötzlicher Konventionalismus. Was am Ende herauskommt, ist ein geschliffener Frauen­roman.

Eva Menasse
Quasikristalle. Roman
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013.
432 S., 19,99 €

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