Kein Wunder, dass die Kanzlerin per SMS kommuniziert. Ihr Online-Regieren ist ein Reflex auf eine Online-Öffentlichkeit. Ob durch Fernsehen oder Internet: Unsere Gesellschaft lebt im Rhythmus von Livetickern und Talkshowdramen. Doch der permanente mediale Ausnahmezustand könnte fatale Konsequenzen haben
Andy Warhol sagte einst in einer Art postdadaistischen Anfalls: „Ich glaube, dass jeder eine Maschine sein sollte.“ Trotz aller Fortschritte: So weit sind wir noch nicht. Aber die jüngsten Entwicklungen der globalen Mediengesellschaft zeigen, dass dieser utopische Endpunkt nicht jenseits aller Vorstellungskraft liegt.
Eine Art künstliches Weltgehirn namens Google gibt es ja schon. Die Idee, dass ein im Gehirn eingepflanzter Minichip automatisch jede Frage beantworten könnte, die sich irgendwo in den grauen Zellen regt, haben führende Google-Manager auf der Agenda. Noch aber laufen Millionen Menschen mit altertümlichen Stöpseln im Ohr und Kabeln am Oberkörper herum, während sie ihr iPhone bedienen, das ihnen den Weg zum nächsten Pizzarestaurant weist. Und jeder kennt die alltäglichen Szenen, in denen mehrere Menschen gemeinsam am Tisch sitzen und alle wie gebannt auf ihre Smartphones starren. Der Mensch als Anhängsel der Maschine, an der Leine – online.
„Wir sind nicht die Kunden von Google“, schreibt der amerikanische Medienwissenschaftler Siva Vaidhyanathan in seinem aktuellen Buch „The Googlization of Everything“, „wir sind sein Produkt.“ Doch so weit muss man nicht einmal gehen, um sich die Frage zu stellen, was eigentlich mit uns geschieht, während wir bei jeder Gelegenheit googeln, twittern, simsen, tickern, downloaden, forwarden, bloggen, glotzen oder talken.
Verblöden wir allmählich? Was macht die immer rasanter werdende virtuelle Echtzeitkommunikation mit unserem echten Leben? Wie verändert unser pausenloser Medienkonsum unsere Gesellschaft? Im Jargon der Therapieszene: Was macht das alles mit uns?
Die älteren Zeitgenossen werden sich noch an das Kursbuch erinnern, jene legendäre Zeitschrift, die über viele Jahre den Zeitgeist der Neuen Linken destillierte. Geradezu idealtypisch verkörperte sie den windungsreichen Gang der 68er-Revolte. Gäbe es das alte Kursbuch heute noch, so säßen seine Leser allerdings nicht mehr schmökernd im Café, sondern irgendwo vor ihrem Laptop, iPhone oder iPad. Denn klar, auch das Kursbuch hätte sich dem digitalen Trend der Zeit nicht verschließen können. Man stelle sich vor, es hätte schon 1968 statt selbst gedruckten Flugblättern einen Liveticker gegeben, etwa beim Vietnamkongress in Berlin.











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