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Salon

Filmemacher Tom Bohn„Es ist an der Zeit, demütig zu sein“

Von Thomas Bohn1. Juni 2012
picture alliance
Publikum, Applaus, Rockkonzert, Fans, Zuschauer
Gezielt, böswillig und voller Freude traten die Jugendlichen der Musikindustrie in den Hintern
Schrift:

Statt laut nach einem härteren Urheberrecht zu rufen, sollten die Künstler sich wieder mehr für ihr Publikum interessieren, schreibt Tom Bohn. Der Autor, Regisseur und Produzent trat vor einem Jahr der Piratenpartei bei. In einem Beitrag für Cicero Online mahnt Bohn mehr Bescheidenheit an

Seite 1 von 3

Das Internet gibt es seit knapp zwanzig Jahren, die mit ihm verbundenen Möglichkeiten werden seit mindestens zehn Jahren öffentlich diskutiert, seit sechs Jahren gibt es die Piratenpartei. Die Beschwerden einiger Urheber und Künstler hingegen nehmen wir erst seit zwei Monaten wahr.

Jeder, der sich nur ansatzweise im Web auskennt, fragt sich irritiert, was das späte Lamentieren soll. „Haben deine Kollegen zehn Jahre lang geschlafen?“ fragte mich ein Parteifreund ungläubig beim letzten Piratentreffen.

Geschlafen haben nicht nur wir Künstler und Kreativen, sondern auch die Verwertungsindustrie. Wie sagt man so schön: „Sehenden Auges in die Katastrophe“? Denn zu sehen gab es viel in den letzten zwei Jahrzehnten.

Vor etwas mehr als zehn Jahren hat das Internet die Musikindustrie durchgeschüttelt, weil viele damalige Musikmanager den Mechanismus der Tauschbörsen völlig unterschätzt haben. Da wurde die bei den Endverbrauchern sehr beliebte Tauschbörse Napster rigoros ausgeknipst, anstatt sie vorsichtig als alternatives Geschäftsmodell in die Verwertungskette zu integrieren. Und dann wurde sich gewundert, dass es auf einmal zehn neue Tauschbörsen gab, die so illegal operierten, dass man sie nicht mehr ausschalten konnte.

Was dann folgte, sah jeder: Der jugendliche Verbraucher trat die Musikindustrie in den Hintern. Gezielt, böswillig und voller Freude. Teilweise zu Recht, wie ich finde, denn ich kann mich nur zu gut daran erinnern, wie auch ich als Verbraucher regelmäßig abgegriffen wurde.

Schon damals gab es beim Film Medienmanager, die wussten: „Wenn wir nicht aufpassen, sind wir die Nächsten“. Leider waren es nicht genug. Und es gab bei vielen Filmschaffenden die Befürchtung: „Wir gehen da genauso baden wie die Kollegen der Musikindustrie!“ Genau so ist es gekommen. Unsere Branche steht heute fassungslos mitten in der digitalen Revolution und beginnt zu ahnen, dass in fünf Jahren wenig noch so sein wird wie heute.

[gallery:Vergesst das Urheberrecht! Acht Lektionen kreativer Geldgewinnung]

In einer unfassbaren Fehleinschätzung der Lage wurden noch vor drei Jahren die meist jugendlichen Filesharer gezielt kriminalisiert. Die damals in den Kinos ausgestrahlten Spots und aufgehängten Plakate mit Knast-Atmo haben zwar Angst und Schrecken verbreitet, allerdings eher unter den Kreativen, die sich auf einmal in einer sehr seltsamen Beziehung zu ihrem potenziellen Publikum wiederfanden.

Dann wurde von Medienindustrie und Politik heimlich an der ACTA-Gesetzgebung herum-geschraubt, die einen weltweiten Befreiungsschlag einläuten sollte. Gegen was eigentlich? Gegen die Zukunft? Seitdem die Proteste der Straße zu groß werden, wird ACTA hinterfragt. „Hinterfragen“ in der Politik heißt: Es wird wohl auf Eis gelegt. Nächster Versuch: Künstler an die Front. Das Motto: „Empört Euch!“ Gibt es unter meinen Kollegen wirklich einen Einzigen, der glaubt, dass diese von der Industrie initiierte Nummer von unserem Publikum nicht durchschaut wird?

Seite 2: Was können wir Kreativen tun, um uns und unsere Arbeiten auch zukünftig zu schützen?

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Minister Hempf... alles vorher wissen damit wir es richtig mache

Mich erinnern diese Zeilen an Minister Hempf, aus das "Leben der Anderen", was nicht heißen soll, dass T.Bohn und Hempf als Typ, in ihrer Gesamtheit übereinstimmen. Hempf war die Verkörperung derer, die alles vorher wissen müssen, dann zur Tat schreiten, im Glauben nun das Richtige zu tun. Zu tun 'was sie doch will', zu geben was sie will.
Und so kann man an dieser Stelle sagen, dass die Entscheidungen zum Urheberrecht, nicht nur rein juristisch wirken werden, sondern sie wird diesen oder jenen Spirit stärken.

Vorläufer dessen was der Bohn hier propagiert, waren Ideen der Big Hollywood-Studio-Produzenten. Dass ein Film so und soviel Prozentanteil an Lachern haben muss, an Tränen und an Aktion, weil es schließlich das ist was die Leute wollen.

Bohn schreibt:
"Wer will ihm plausibel machen, dass er erst sechs Monate (!) nach einem Kinostart einen Film legal online abrufen kann?"
Niemand, es braucht nicht plausibel sein. Unsere Entscheidungen, unser Verhalten sind meist nicht rational. Wenn Mama und Papa mal allein sein wollen, für ein paar Stunden, dann müssen die Kinder nicht unbedingt verstehen, warum sie mit Oma spazieren gehen sollen.

Ich hab mit Napster auch gezogen, bis zum erbrechen. Led Zepplin Whole Lotta Love, Live Version, wer kann daran vorbei. Und selbst wenn ich zu der Zeit mehr Geld gehabt hätte, hätte ich gezogen, wahrscheinlich einfach nur weil es ging, weil es bequem war, aber nicht um irgend jemanden in den A... zu treten. Damit verklärt man dieses Handeln, erhöht die Tat zu einer Breifreiungsmassnahme, was sie nicht ist. Oder warum muss Stefan Raab kommen damit Talente die wirklich singen können, ihre Lieder selber komponieren und texten, eine Chance haben.
Die ‚neuen Vertriebsmodelle’, von denen solche(die Urheberrechts-Reformer) immer zetern, finden sich in ähnlichen TV-Shows, in ähnlichen, wo man Retortenkünstler am Fliessband produziert. Das findet sicher auch statt wegen verbohrten und bornierten Chefetagen. Dies aufzubrechen hätte auch ein Etwas sein dass sich der IT-Szene kommt.

  • Antworten
marc houma03.06.2012 | 23:35 Uhr

Kapitulation eines Kreativen

Tss, tss, tss. So eine defensive, ja unterwürfige Haltung erlebt man selten. Ja, der Kunde will natürlich als König behandelt werden. Das will aber auch der "Kunde", der gar keiner ist, weil er sich zurecht angesprochen (ertappt) fühlt von den Knast-Spots.

Ich bin kein Kinobetreiber, insofern könnten mir Kino-Auswertungsfenster egal sein. Nur würden viele Kinos sterben, wenn das abgeschafft würde. Die Kinos leben nun mal von der unbändigen Neugier und Ungeduld des Publikums. Wer ins Kino geht, ist das, was in der Technik "Early Adopter" heißt. Er bezahlt für die Exklusivität, also das schöne Gefühl, einer der ersten zu sein und anderen etwas voraus zu haben.

Wer hingegen geduldig ist, wer sich beherrscht und warten kann, spart viel Geld. Die Ersparnis ist seine Belohnung. Der Ungeduldige belohnt sich selbst, indem er sich den teuren Luxus des Vorsprungs gönnt.

Wer diese beiden menschlichen Grundtypen ignoriert und den Typ 3 (den sparwütigen Ungeduldigen) zum Maß aller Dinge macht, wer also diesem Online-Lidl-Publikum seinen Film ab der Premiere zum Fraß vorwirft, der ruiniert nicht nur die Kinobetreiber, sondern zerstört auch die cineastische Kultur und trägt bei zur weiteren Verödung der Städte. Als wären die Gewerbegebietsmultiplexe nicht schlimm genug...

Bis auf ein paar Hardcore-Cineasten, die sich im kleinen Programmkino zusammenkuscheln, hängen die Leute dann NUR noch am Computer. Als nächstes kommt dann wohl der Vorschlag, im Theater ein paar Webcams und Mikrofone aufzuhängen und die Premiere, die zugleich Abschiedsvorstellung ist, ohne Publikum aufzuzeichnen und zu streamen.

  • Antworten
Ulf J. Froitzheim03.07.2012 | 22:30 Uhr

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