Axel Milberg, bekannt als Charakterschädel Borowski, über mangelnden Mut im deutschen Staatsfernsehen, den Tatort als Sucht und sein persönliches „Bonanza“-Gefühl
Herr Milberg, ich erhoffe mir von diesem Gespräch
Heilung, mindestens Aufschluss. Ich tue es jeden Sonntagabend mit
meiner Frau, danach sind wir meistens enttäuscht und tun es
trotzdem am nächsten Sonntag wieder, freuen uns schon ab Samstag
darauf. Was ist da los bei uns?
Dann sind Sie also einer von denen.
Ja, ich gestehe lieber gleich zu Anfang, es hilft ja
nichts. Was passiert da?
Das müssen Sie mir beantworten. Sie müssen Ihre Krankheit nicht nur
benennen, sondern auch sagen, wie es dazu kam. Wo haben Sie sich
angesteckt? Nehmen Sie etwas ein?
Keine Medikamente, nein. Angesteckt? Keine Ahnung. Ich
habe inzwischen andere mit angesteckt. Meine Frau beispielsweise,
die sich jahrelang gesträubt hat, ist auch infiziert.
Suchen Sie vielleicht Halt? Halt im Taumel der verrinnenden Zeit.
Ich schlage doch der vergehenden Zeit ein Schnippchen, indem ich
mir Konstanten in meinem Leben erhalte, und dazu gehören das Ritual
X und die Übung Y. Oder eben der Tatort am Sonntagabend. Man will
nicht wahrhaben, dass das Wochenende zu Ende geht. Am Sonntagmittag
haben wir das Gefühl, es sei schon Montag.
Aber das würde ja bedeuten, es ist mehr der Sendeplatz
als das Format Tatort, das Millionen vor den Fernseher
holt.
Es ist vor allem die Regelmäßigkeit. Als ich ein kleiner Junge war,
gab es einen Pflichttermin die Woche: Mittwoch, 18:15 Uhr, Bonanza
auf dem Sofa meiner Großmutter. Meine Eltern hatten keinen
Fernseher. Ich schaute in eine fremde Welt hinein, wie durch ein
umgedrehtes Fernglas auf etwas, das ganz weit weg ist – Amerika!
Immer scheint die Sonne, die Guten hier, die Bösen da, Pferde, ein
Vater mit drei Söhnen. Meine Großmutter mochte den Hoss besonders
gern, aber auch Little Joe, in den war sie verknallt, und dazu der
vernünftige Adam – alle längst tot. Bonanza, das war ein Ritual. So
wie heute der Tatort.
Wir hatten eine norwegische Gasttochter für ein Jahr, 18
Jahre alt, die hat erst gefremdelt mit dem sehr deutschen Spargel
und ihn dann geliebt. Und sie hat von Anfang an gefremdelt mit dem
Tatort und bis zum Ende nicht verstanden, warum wir da jeden
Sonntag sitzen. Ist der Tatort vielleicht zu deutsch für eine
Norwegerin?
Oder zu diffus, zu verschieden. Ich finde die qualitativ auch sehr
unterschiedlich – denken Sie mal an Hamburg, da hat man versucht,
das moderner zu erzählen mit Mehmet Kurtulus. Oder der Kieler
Tatort, den wir nach Finnland verkauft haben, der war extravagant,
den wollten die Finnen haben. Wir müssten mehr wagen. Ich habe
Wolfgang Petersen, der in den siebziger Jahren in Kiel gedreht hat,
neulich gefragt, ob er sich vorstellen kann, dort erneut zu drehen.
Mir war natürlich vollkommen klar, er ist in Hollywood, hat Etats
von 120 Millionen Dollar. War mir aber wurscht.
Und was hat er gesagt?
Er hat nachgedacht, er hat mich lange angeschaut, gelächelt, er hat
gesagt, sein Sohn, der in Hamburg lebt, habe schon mal versucht,
ein Buch für den Kiel-Tatort unterzubringen. Wurde abgelehnt. Aber,
wenn er so darüber nachdenke, nein, er glaubt doch eher nicht,
nein.
Petersen hat schon Tatorte gemacht.
Ja, drei oder vier mit Kommissar Finke, gespielt vom herrlichen
Klaus Schwarzkopf. Ich habe ihm vorgeschlagen: Stell dir vor, aus
einer deiner Folgen kommt ein Mörder nach 30 Jahren erfolgreich
therapiert frei, und der taucht bei mir jetzt wieder auf. Da wäre
so viel an Brückenschlag denkbar gewesen, von damals zu heute! Aber
Wolfi wollte leider nicht.
Schauen Sie die alten Tatorte an?
Ja, klar. Das macht mir richtig Spaß. Durch diesen zeitlichen
Abstand lernt man viel über die Bundesrepublik und Sozialgeschichte
– Koteletten, Hosen mit Schlag, wie die Menschen gesprochen haben,
ihre soziale Struktur. Auch, wie man sich damals beschimpft hat:
„Gib die Knarre her!“ – „Du bist ein Ganove!“ Niedlich. Heute sagen
wir doch: „Fick dich doch, du Wichser“ oder irgend so was. Und
damals gab es noch Moneten oder die Spritze, ja, statt Pistole
haben sie Spritze gesagt und sind sich unglaublich frivol dabei
vorgekommen. Und das macht dann Spaß, das wieder anzugucken.
Wobei der Tatort der Realität doch
hinterherhinkt.
In Deutschland war das Wort Scheiße schon zehn Jahre länger
salonfähig, bis es Schimanski das erste Mal im Tatort in den Mund
nahm. Ja, es ist alles immer noch viel zu korrekt. Wir dürfen heute
im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, oder wie Thomas Platt sagen
würde: im Staatsfernsehen, nicht mehr rauchen, und wir müssen auch
immer angeschnallt sein. Vier Typen qualmend in einer DS, und dann
die Verfolgungsjagd ohne Gurt wie in einem Film Noir – undenkbar im
deutschen Staatsfernsehen!















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