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Salon

Axel Milberg über den Tatort„Es ist alles zu korrekt“

Interview mit Axel Milberg10. Oktober 2012
picture alliance
Tatort,ARD,Fernsehen, Milberg
Es ist ein Ritus: Sonntagabend ist Tatortabend
Schrift:

Axel Milberg, bekannt als Charakterschädel Borowski, über mangelnden Mut im deutschen Staatsfernsehen, den Tatort als Sucht und sein persönliches „Bonanza“-Gefühl

Seite 1 von 2

Herr Milberg, ich erhoffe mir von diesem Gespräch Heilung, mindestens Aufschluss. Ich tue es jeden Sonntagabend mit meiner Frau, danach sind wir meistens enttäuscht und tun es trotzdem am nächsten Sonntag wieder, freuen uns schon ab Samstag darauf. Was ist da los bei uns?
Dann sind Sie also einer von denen.

Ja, ich gestehe lieber gleich zu Anfang, es hilft ja nichts. Was passiert da?
Das müssen Sie mir beantworten. Sie müssen Ihre Krankheit nicht nur benennen, sondern auch sagen, wie es dazu kam. Wo haben Sie sich angesteckt? Nehmen Sie etwas ein?

Keine Medikamente, nein. Angesteckt? Keine Ahnung. Ich habe inzwischen andere mit angesteckt. Meine Frau beispielsweise, die sich jahrelang gesträubt hat, ist auch infiziert.
Suchen Sie vielleicht Halt? Halt im Taumel der verrinnenden Zeit. Ich schlage doch der vergehenden Zeit ein Schnippchen, indem ich mir Konstanten in meinem Leben erhalte, und dazu gehören das Ritual X und die Übung Y. Oder eben der Tatort am Sonntagabend. Man will nicht wahrhaben, dass das Wochenende zu Ende geht. Am Sonntagmittag haben wir das Gefühl, es sei schon Montag.

Aber das würde ja bedeuten, es ist mehr der Sendeplatz als das Format Tatort, das Millionen vor den Fernseher holt.
Es ist vor allem die Regelmäßigkeit. Als ich ein kleiner Junge war, gab es einen Pflichttermin die Woche: Mittwoch, 18:15 Uhr, Bonanza auf dem Sofa meiner Großmutter. Meine Eltern hatten keinen Fernseher. Ich schaute in eine fremde Welt hinein, wie durch ein umgedrehtes Fernglas auf etwas, das ganz weit weg ist – Amerika! Immer scheint die Sonne, die Guten hier, die Bösen da, Pferde, ein Vater mit drei Söhnen. Meine Großmutter mochte den Hoss besonders gern, aber auch Little Joe, in den war sie verknallt, und dazu der vernünftige Adam – alle längst tot. Bonanza, das war ein Ritual. So wie heute der Tatort.

Wir hatten eine norwegische Gasttochter für ein Jahr, 18 Jahre alt, die hat erst gefremdelt mit dem sehr deutschen Spargel und ihn dann geliebt. Und sie hat von Anfang an gefremdelt mit dem Tatort und bis zum Ende nicht verstanden, warum wir da jeden Sonntag sitzen. Ist der Tatort vielleicht zu deutsch für eine Norwegerin?
Oder zu diffus, zu verschieden. Ich finde die qualitativ auch sehr unterschiedlich – denken Sie mal an Hamburg, da hat man versucht, das moderner zu erzählen mit Mehmet Kurtulus. Oder der Kieler Tatort, den wir nach Finnland verkauft haben, der war extravagant, den wollten die Finnen haben. Wir müssten mehr wagen. Ich habe Wolfgang Petersen, der in den siebziger Jahren in Kiel gedreht hat, neulich gefragt, ob er sich vorstellen kann, dort erneut zu drehen. Mir war natürlich vollkommen klar, er ist in Hollywood, hat Etats von 120 Millionen Dollar. War mir aber wurscht.

Und was hat er gesagt?
Er hat nachgedacht, er hat mich lange angeschaut, gelächelt, er hat gesagt, sein Sohn, der in Hamburg lebt, habe schon mal versucht, ein Buch für den Kiel-Tatort unterzubringen. Wurde abgelehnt. Aber, wenn er so darüber nachdenke, nein, er glaubt doch eher nicht, nein.

Petersen hat schon Tatorte gemacht.
Ja, drei oder vier mit Kommissar Finke, gespielt vom herrlichen Klaus Schwarzkopf. Ich habe ihm vorgeschlagen: Stell dir vor, aus einer deiner Folgen kommt ein Mörder nach 30 Jahren erfolgreich therapiert frei, und der taucht bei mir jetzt wieder auf. Da wäre so viel an Brückenschlag denkbar gewesen, von damals zu heute! Aber Wolfi wollte leider nicht.

Schauen Sie die alten Tatorte an?
Ja, klar. Das macht mir richtig Spaß. Durch diesen zeitlichen Abstand lernt man viel über die Bundesrepublik und Sozialgeschichte – Koteletten, Hosen mit Schlag, wie die Menschen gesprochen haben, ihre soziale Struktur. Auch, wie man sich damals beschimpft hat: „Gib die Knarre her!“ – „Du bist ein Ganove!“ Niedlich. Heute sagen wir doch: „Fick dich doch, du Wichser“ oder irgend so was. Und damals gab es noch Moneten oder die Spritze, ja, statt Pistole haben sie Spritze gesagt und sind sich unglaublich frivol dabei vorgekommen. Und das macht dann Spaß, das wieder anzugucken.

Wobei der Tatort der Realität doch hinterherhinkt.
In Deutschland war das Wort Scheiße schon zehn Jahre länger salonfähig, bis es Schimanski das erste Mal im Tatort in den Mund nahm. Ja, es ist alles immer noch viel zu korrekt. Wir dürfen heute im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, oder wie Thomas Platt sagen würde: im Staatsfernsehen, nicht mehr rauchen, und wir müssen auch immer angeschnallt sein. Vier Typen qualmend in einer DS, und dann die Verfolgungsjagd ohne Gurt wie in einem Film Noir – undenkbar im deutschen Staatsfernsehen!

Seite 2: Ist der Tatort politisch?

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Nun weiß ich endlich, warum ich seit Jahren Tatort-Abstinent bin und nichts vermisse, wenn ich sonntagabends statt das erste einzuschalten ein Buch aufschlage. Danke fürs die Aufklärung, Herr Milberg. Was waren Trimmel, Kressin und dann später auch Schimanski doch für unangepasste Typen. Widerständlcer gradezu im Vergleich zu den heutigen Kommissaren. Und selbst der gemütlich-langweilige Hutträger Bienzle hatte mehr Ausstrahlung als die aktuelle bundesdeutsche TV-Kommissarsgilde zusammen.

  • Antworten
Werner Schmidt11.10.2012 | 13:11 Uhr

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