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 > Ernst Jünger, bevor er «Jünger» wurde

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lesen: JournalErnst Jünger, bevor er «Jünger» wurde

Von Christoph Bartmann12. November 2010
Schrift:
Die Kriegstagebücher Ernst Jüngers zeigen eine seelenruhige Schreckens-Chronik – kein Anlass, das Bild des Autors zu revidieren Tagebücher

Nervensystem: ohne Befund» ergibt die «kommissarische Untersuchung über Taug­lichkeit im Flugdienst als Flugzeugführer oder Beobachter des Leutnants Jünger Füs. Reg. No 73» am 17. Juli 1917. Auch wenn seiner Tauglichkeit für den Flugdienst nichts im Wege stand, ist Ernst Jünger zeit seines gut drei Jahre dauernden Kriegseinsatzes Infanterist geblieben und hat, erst als gemeiner Soldat, später als Leutnant und Kompanieführer, alle Phasen des furchtbaren Krieges an der Westfront mitgemacht. Und er hat nebenbei eine Attitüde heroischer Gleichgültigkeit kultiviert, zu der das ärztliche Attest von 1917 die passende Formel liefert. Als er am 25. April 1915 bei Morgengrauen ein paar tote Franzosen inspiziert, die, halb verwest, noch in ihren Uniformen stecken, notiert Jünger: «Im übrigen ertrugen meine Nerven den Anblick ohne Erregung; aber der Gedanke, dass in diesen Köpfen auch Gedanken, Wünsche und Hoffnungen lebendig gewesen waren (…), erweckte in mir dieselbe Rührung, die man beim Anblick alter Ruinen empfindet.»

Sonderbar: Wer empfindet beim Anblick alter Ruinen Rührung? Vielleicht nur einer, der Rührung überhaupt nicht kennt. Jünger hat diesen stoischen Habitus, zu dem auch seine ausgedehnten Käferstudien in Schützengräben und auf Schlachtfeldern gehörten, später literarisch veredelt und ist auf solche Weise über Deutschland hinaus zur Inkarnation des kriegerischen Ästheten oder des ästhetisierenden Kriegers geworden. Hier, in den nun edierten Kriegstagebüchern, ist die spätere Selbststilisierung erst in Ansätzen wahrzunehmen. Sie liefern den Rohstoff, aus dem Jünger nach Kriegsende seine literarische persona konstruiert hat.

Der kleine, unscheinbare Fähnrich von 20 oder 22 Jahren, den Heimo Schwilks neu aufgelegter Jünger-Bildband im Schützengraben und an der Spitze seines Stoßtrupps zeigt, hat ein «abenteuerliches Herz». Wahrscheinlich ist er im selben Umfang Patriot, Nationalist und Bellizist wie die meisten Angehörigen des preußischen Offizierskorps; was ihn aber von den meisten seiner Kameraden unterscheidet, ist die antibürgerliche Verherrlichung der Gefahr. «Mich reizt die wilde Schönheit der Gefahr», schreibt er einmal in einem Front-Gedicht an seine Mutter, und auch wenn Jünger manchmal träumt, dass der «Scheißkrieg» aufhören möge, überwiegen doch die begeisterten Töne.


Verblüffende Überlebenskunst

Aus der Mischung von Enthusiasmus und «dés­involture», aus der Kreuzung von Todesverachtung und Phlegma ergibt sich Jüngers Wahrnehmung der Welt, der kriegerischen ebenso wie später der zivilen. Merkwürdig kontrastiert Jüngers hochdekorierter Heldenmut mit einem ausgesprochenen Hang zur Behaglichkeit. Manch­mal träumt Leutnant Jünger von den Freuden des Friedens, tut seine Gedanken dann eilig als «Wachstubenphilosophie» ab, um bald schon wieder ins Träumen zu verfallen. In Jüngers Kriegstagebüchern stößt die heile Vorkriegswelt der Burschenschaften und ihrer Saufgelage auf die neue Welt des technisierten Großkrieges, und in beiden Welten scheint Jünger zu Hause. Bei allen Anforderungen des Lebens im Felde sticht er durch seine Geschicklichkeit und Intuition hervor. Der «Pour le Mérite», den Jünger für seinen Kriegseinsatz erhielt, ist nur der sichtbarste Ausdruck seiner verblüffenden Überlebenskunst.

Man muss das Jünger-Bild nach diesen Kriegstagebüchern, die bisweilen auch eine eintönige Lektüre sind – so eintönig wie der Krieg selbst –, nicht revidieren. Ebenso wenig liefert Heimo Schwilks unübertreffliche Bildbiografie gänzlich neue Ansatzpunkte zur Bewertung Jüngers. Die Akte Jünger ist damit nicht geschlossen; wohl aber kann kein Zweifel daran bestehen, dass Jünger, nicht erst seit seiner Aufnahme in die Bibliothek der «Pléiade», zum Klassiker geworden ist. Doch auch ein Klassiker kann zweifelhafte Bücher schreiben, und erst recht kann er zweifelhafte Ansichten vertreten. In den «Kriegstagebüchern» findet man solche Ansich­ten selten: Sie präsentieren gewissermaßen Jünger, bevor er Jünger wurde. Fortan wird diese seelenruhige Schreckenschronik auf der Habenseite von Ernst Jüngers ewig zwiespältigem Werk zu buchen sein.

 

Ernst Jünger Kriegstagebücher 1914–1918
Hg. von Helmuth Kiesel. Klett-Cotta, Stuttgart 2010. 656 S., 32, 95 €

Heimo Schwilk (Hg.) Ernst Jünger. Leben und Werk in Bildern und Texten
Überarbeitete und erweiterte Neuausgabe. Klett-Cotta, Stuttgart 2010. 336 S., 49,95 €
 

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