Ernährungsreport 2016 - Deutschland ist, was es isst

Nicht nur die Kanzlerin hat Rouladen gern. Auch der deutsche Michel zählt sie zu seiner Leibspeise. Das zeigt eine Studie, die die Ernährungsgewohnheiten der Deutschen beleuchtet. Die wollen zwar, dass Tiere artgerecht gehalten werden, dafür bezahlen aber wollen sie nicht

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Autoreninfo

ist Journalist sowie Autor und wohnt in Berlin. Seine Bücher, „Das Demokratische Weinbuch“ und „Der kulinarische Notfallkoffer“, sind beim Mondo Verlag Heidelberg erschienen. Er betreibt den Blog „Genuss ist Notwehr“.

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Wenn ein Ministerium eine für die Öffentlichkeit bestimmte Studie in Auftrag gibt, geht es in der Regel um die Beweihräucherung der eigenen Politik. Und so sieht sich auch der Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, Christian Schmidt (CSU), von den Ergebnissen des „Ernährungsreport 2016“, der am Dienstag vorgestellt wurde, vollumfänglich bestätigt. Die auf Basis einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts FORSA erstellte Studie zeige „viel von dem, wie Deutschland isst, und in der Tat auch ein wenig davon, wie Deutschland ist: vielfältig, anspruchs- und genussvoll“. Auch seien die Ergebnisse „Rückenwind für meine Politik: Denn die Deutschen wollen eben nicht, dass wir den Teller mit Gesetzen vollpacken. Im Gegenteil: Sie schätzen die hohe Qualität unserer Lebensmittel, informieren sich gezielt und genießen bewusst.“

Wie sich diese Thesen aus dem Report herleiten lassen, bleibt wohl des Ministers Geheimnis. Zunächst einmal ergeben die Zahlen wenig Neues. Für 72 Prozent der Befragten sind Rouladen, Sonntagsbraten oder Hühnchen eins der drei Lieblingsessen, gefolgt von Nudelgerichten. Fast die Hälfte der Befragten isst täglich Fleisch und Wurst, drei Prozent (bei Männern sind es nur ein Prozent) bezeichnen sich als Vegetarier. Männer tendieren ferner sehr stark zu Softdrinks, Tiefkühlpizza und „TV-Snacks“ wie Kartoffelchips. Sie essen ähnlich viele Süßigkeiten wie Frauen (22 Prozent sogar täglich), bevorzugte Einkaufsstätten sind Supermärkte und Discounter. Dennoch bezeichnen rund zwei Drittel ihre Ernährung als „gesund“ beziehungsweise „ausgewogen“.

Wunsch und Wirklichkeit
 

Interessant wird es in dem Report allerdings, wenn die Diskrepanz zwischen dem Selbstbild der Befragten und der schnöden Realität deutlich wird. So erklären zwar 77 Prozent der Befragten, dass sie gerne kochen, aber nicht einmal die Hälfte tut dies auch regelmäßig. Wobei offen bleibt, ob unter „kochen“ auch das Erhitzen und Zusammenfügen vorgefertigter Lebensmittel verstanden wird. Und noch skurriler werden die Daten, wenn es um die Kriterien für den Lebensmittelkauf und die Erwartungen an die Lebensmittelwirtschaft geht.

So schätzen zwar 75 Prozent die Bedingungen der Lebensmittelherstellung als „sehr gut“ oder „eher gut“ ein, gleichzeitig wünscht sich eine jeweils deutliche Mehrheit aber „bessere Umweltverträglichkeit“ (70 Prozent), „bessere Bezahlung der Bauern“ (86 Prozent) und „größere Beachtung artgerechter Tierhaltung“ (88 Prozent). Konterkariert wird dies wiederum dadurch, dass für knapp 60 Prozent der Preis das entscheidende Kriterium beim Einkauf ist.

Äußerst widersprüchlich auch die Ergebnisse beim Thema Fleischqualität. Fast alle Befragten wären laut Umfrage „auf jeden Fall bereit“ (45 Prozent) oder „eher bereit“ (44 Prozent), mehr zu zahlen, wenn Tiere dafür besser gehalten würden. Von diesen Tierfreunden halten 35 Prozent einen Preisaufschlag von bis zu zehn Euro pro Kilo für angemessen, 27 Prozent würden sogar noch mehr ausgeben. Aber sie tun es nicht! Denn der Anteil von zertifiziertem Bio-Fleisch und Bio-Wurst, und nur da kann man von einigermaßen nachvollziehbaren kontrollierten Haltungsbedingungen ausgehen, dümpelt nach wie vor bei rund zwei Prozent der Gesamtmenge. Dennoch vermag Minister Schmidt in der Umfrage „ein deutliches Signal“ erkennen, „dass den Verbrauchern die Situation der Landwirte nicht egal ist“.

Regionale Produkte aus Übersee
 

Nach der Bereitschaft zum Kauf von Bio-Produkten wurde bei der Erhebung nicht gefragt, auch das in früheren Umfragen stets präsente Thema Gentechnik wurde ausgeklammert. Umso ausführlicher wurde dafür ein weiterer Trend der Lebensmittelwirtschaft beleuchtet. Fast 80 Prozent der Befragten gaben an, dass sie großen Wert darauf legen, dass Produkte aus ihrer Region stammen – und werden auf diese Weise oftmals Opfer einer besonders perfiden Form der Verbrauchertäuschung.

Denn was das deutsche und europäische Lebensmittelkennzeichnungsrecht in Bezug auf das Label „regional“ zu bieten haben, spottet nun wirklich jeder Beschreibung. Bei unverarbeiteten Produkten wie Obst und Gemüse ist die Kennzeichnung noch relativ überschaubar, auch wenn der Begriff „regional“ manchmal mehrere Bundesländer umfasst. Doch bei verarbeiteten Produkten reicht in der Regel ein Verarbeitungs- beziehungsweise Verpackungsschritt für das Label. So kommt die „Milch aus der Region“ zwar von einer mehr oder weniger nahe gelegenen Molkerei, die Milch selber hat aber nicht selten eine Tanklastertour von 500 Kilometern und mehr hinter sich.

Ähnliches gilt für „regionale“ Fruchtsäfte, die ein örtlicher Mostbetrieb aus importiertem Obst herstellt. Oder auch für „regionale“ Wurst- und Schinkenspezialitäten, die auf Fleisch aus anderen EU-Ländern basieren. Grundlage ist das Markenrecht, welches Herstellern erlaubt, eine geografische Herkunftsbezeichnung als eigene Marke schützen zu lassen, ohne dass ihr Produkt einen bestimmten Bezug zu der Herkunftsregion haben muss. Doch eine Eindämmung des Schindluders, das mit dem Begriff „regional“ getrieben wird, ist angesichts des massiven Widerstands der Lebensmittellobby nicht zu erwarten, und schließlich, so Schmidt, „wollen die Deutschen eben nicht, dass wir den Teller mit Gesetzen vollpacken“.

Erwähnt sei noch ein weiterer Trend, der in dem Report beschrieben wird. Bereits zwölf Prozent der Befragten verzichten aufgrund von tatsächlichen oder vermeintlichen Unverträglichkeiten auf Produkte, die Laktose, Fruktose oder Gluten enthalten. Frauen sind mit 14 Prozent häufiger betroffen als Männer (zehn Prozent). Über dem Durchschnitt liegen junge Erwachsene bis 29 Jahre (19 Prozent) und Großstädter (16 Prozent). Zwar stoßen diese enorm hohen und beständig steigenden Werte bei Medizinern und Ernährungswissenschaftlern nur auf Kopfschütteln, doch für Industrie und Handel ist der Trend ein milliardenschweres Geschenk. Noch heißt es in der Branche „Regional ist das neue Bio“ und bald wird dann gluten-, und lactosefrei „das neue Regional“ sein. Für irgendetwas muss so eine teure Studie schließlich nützlich sein.

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