Jump to Navigation
Startseite

Magazin im Juni:
Deutschland auf dem Weg zum 100-Millionen-Volk

Hurra, wir wachsen!
  • Magazin
  • Mediathek
  • Literaturen
  • Service
  • Newsletter
  • Shop
  • Abo
  • Berliner Republik
  • Weltbühne
  • Kapital
  • Stil
  • Salon
  • Bücher
  • Themen der Zeit
  • Kolumnen
  • Blogs
  • Ressorts
  • Dossiers
  • Karikaturen
  • Suche

Suchformular


Mein Cicero


Sie sind hier: Startseite > Magazin
 > «Er war ein unmoralischer Held»

Salon

Christus, verzweifelt gesucht«Er war ein unmoralischer Held»

Von Literaturen-Redaktion 12. November 2010
«Er war ein unmoralischer Held»
Schrift:
Der allergrößte Teil des Neuen Testaments, sagt der Theologe Gerd Lüdemann, ist gefälscht. Der historische Jesus passt nicht ins Bild der Kirche – dazu war er viel zu ambivalent. Ein Literaturen-Gespräch.
Seite 1 von 2

Literaturen Wann haben Sie das letzte Mal gebetet?

Gerd Lüdemann Gestern Nacht. Ich kam gerade aus Amerika zurück, wo ich an der Universität von Nashville eine Sammlung talmudischer Schriften studiert hatte. Wegen des Jetlags lag ich wach. In solchen Momenten spreche ich ein Kindergebet, fünfzigmal hintereinander, das beruhigt mich. Ich habe nun einmal diese religiöse Seite. Es ist eine Art Restfrömmigkeit, die ich nur mit großem seelischen Schaden abstreifen könnte.

Literaturen Abgestreift haben Sie aber den Glauben an das Neue Testament, das Sie als Theologe nun seit über vierzig Jahren erforschen. Sie sprechen von einem großen Betrug.

Lüdemann So ist es. Der überwiegende Teil – etwa 95 Prozent – der im Neuen Testament überlieferten Jesusworte gehen auf glatte Fälschungen zurück. Sätze wie «Ich bin die Wahrheit und das Leben» oder «Dies ist mein Leib, für Euch gegeben» hat Jesus nie gesagt. Und so zerfiel mir irgendwann die Vorstellung des Herrn Jesus, die ich aus meiner lutherischen Tradition heraus hatte. Dieses Bild eines gütigen Mannes mit langen Haaren und im Kreise seiner Jünger. Der souveräne Herr über Himmel und Erde, das Leben und den Tod. So ist er ja überall präsent, in den Kirchen, auf Friedhöfen und in Wohnungen. Vor allem aber in der Phantasie der Gläubigen.

Literaturen Aber sind denn die historischen Fakten entscheidend? Oder lässt sich – da doch Religion per se etwas Irrationales einschließt – nicht auch an eine Fiktion glauben?

Lüdemann Ich zumindest kann das nicht. Zumal die Erfindungen, die den Glaubensinhalt des Neuen Testaments weitgehend ausmachen, ja nicht auf gute Absichten zurückgehen. So heißt es, die Juden hätten Jesus umgebracht, wovon beim Tod durch Kreuzigung unter römischer Herrschaft überhaupt keine Rede sein konnte. Es heißt in den Evangelien auch, die Juden seien die Söhne des Teufels und allen Menschen zuwider. Das ist antike Juden­feindlichkeit. Christliche Juden klagen ihre eigenen Volksgenossen an. Und dieses Motiv zieht sich durch alle neutestamentarischen Evangelien und die Briefliteratur: Aus einer politischen Absicht heraus wurden Jesus Worte in den Mund gelegt, die er nicht gesagt hat, und Dinge angedichtet, die er nicht getan hat. Das nenne ich Perfidie. Und, wie gesagt: Es handelt sich hier nicht um Manipulationen, die erst in späterer Zeit, etwa durch die Kirche, ange­stellt wurden. Dies alles geht auf die Verfasser der ersten kanonischen Texte selbst zurück.

Literaturen Woher kam diese Judenfeindlichkeit?

Lüdemann Sie hängt mit der aggressiven Mission der ersten christlichen Gemeinden zusammen. Wer sich dem Bekenntnis zum neuen Messias nicht anschließen wollte, wurde als ungläubig verteufelt. Und weil die biblischen Texte erst allmählich und über einen längeren Zeitraum entstanden sind, tragen sie die Spuren dieses Missionsprozesses. Zum Beispiel das Gleichnis des Sämanns: Darin sagt Jesus angeblich, nur den Jüngern sei das Geheimnis der Gottesherrschaft gegeben; denen da draußen sei es hingegen nur gegeben, damit sie es sähen, aber nicht verstünden. Der ausdrückliche Sinn dieser Gleichnisrede besteht also darin, Menschen ins Nicht-Verstehen zu führen. Aber warum? Offenbar ging es einer bestimmten Gemeinde hier darum, ihren Misserfolg in der Judenmission zu erklären. Diejenigen, die sich nicht hatten missionieren lassen, werden als Unverständige und unverbesserliche Ungläubige hingestellt. Indem solche Passagen Jesus zugeschrieben wurden, hat es den Anschein, als hätte bereits er die Juden verteufelt. Das ist strategisch clever, hat aber mit der historischen Wahrheit nichts zu tun.

Literaturen Was aber bleibt angesichts dieser Fälschungen überhaupt noch übrig? Wie sehen Sie den historischen Jesus?

Lüdemann Alles spricht dafür, dass Jesus in erster Linie ein Heiler und Exorzist gewesen ist. Und das hängt miteinander zusammen, weil Krankheiten im Verständnis der Zeit nichts anderes waren als die Besessenheit von Dämonen. Beim ältesten in den Evangelien überlieferten Wunder handelt es sich um eine Dämonenaustreibung, und die allermeisten Theologen halten diese Exorzismen für his­­torisch verbürgt. Dabei muss man nicht an Zauberei glauben. Ich gehe davon aus, dass Jesus ein psychosomatisches Einfühlungsvermögen gehabt hat, eine besondere heilerische Fähigkeit, die ihm und seinen Zeitgenossen als magische Eigenschaft erschienen ist. «Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen» – dies ist ein Jesuswort, das ich für echt halte. Jesus ging davon aus, dass er mit dem Teufel, den er von Dämonen umschwirrt im Himmel sitzen sah, in Kontakt treten und den Teufelskreis durchbrechen konnte. Durch seine heilerischen Fähigkeiten hat sich Jesus überhaupt von seinem Lehrer, Johannes dem Täufer, unterschieden. Obwohl es über diesen viele Zeugnisse gibt, wird kein einziger Fall einer Heilung erzählt. Als Exorzist hatte Jesus gewissermaßen sein eigenes Spezialgebiet entwickelt. Ich gehe davon aus, dass sich die beiden auch deshalb getrennt haben und Jesus eine eigenständige Mission begründete.

Hintergrund

Die Adventszeit erinnert daran, dass die Christenheit noch immer die Wiederkunft ihres Religionsstifters erwartet. Wer aber war dieser Jesus Christus?

Ein «Literaturen»-Schwerpunkt zu Weihnachten.

Biographie

Gerd Lüdemann, geboren 1946, ist Professor für Neues Testament und unterrichtet an der Universität Göttingen «Geschichte und Literatur des frühen Christentums». Diesen nicht konfessionell gebundenen Lehrstuhl bekleidet er seit 1999, nachdem ihn seine kritische Forschung in Konflikt mit der evangelischen Kirche gebracht hatte.

  • 1
  • 2
  • nächste Seite »
Twitter
drucken
merken
in mein Dossier
versenden

zum Ressort

zurück zum Dossier

Weiterführende Links

Diese Artikel könnten
Sie auch interessieren:

Hans Küng
„Wir brauchen ein universales Ethos”
Interview mit
Hans Küng
31.03.2013
Papst Franziskus
„Reformen sind überfällig”
Interview mit
Hans Küng
15.03.2013
journal, belletristik, sachbuch
Güte, Gnade und ein Gott als Heizkissen
von
Ulrich Gutmair
20.04.2011
Christus, verzweifelt gesucht
Heiler, Revoluzzer, Kyniker
von
Micha Brumlik
12.11.2010
Das Journal
Jesus, was nun?
von
Thomas Meyer
18.11.2009

zum Dossier Die Buch-Seitezum Dossier Literaturen
Aus Literaturen  
6 2010
Twitter
zum Ressort

zurück zum Dossier

Weiterführende Links

Diese Artikeln könnten Sie auch interessieren:

Hans Küng
„Wir brauchen ein universales Ethos”
Interview mit
Hans Küng
31.03.2013
Papst Franziskus
„Reformen sind überfällig”
Interview mit
Hans Küng
15.03.2013
journal, belletristik, sachbuch
Güte, Gnade und ein Gott als Heizkissen
von
Ulrich Gutmair
20.04.2011
Christus, verzweifelt gesucht
Heiler, Revoluzzer, Kyniker
von
Micha Brumlik
12.11.2010
Das Journal
Jesus, was nun?
von
Thomas Meyer
18.11.2009

 
Zu Dossier hinzufügen:
  • Europa
  • Kommentare
  • Detuschland
  • Jochen Thies, Was Hitler wirklich wollte
  • Goetz
  • Goetz
  • afrika
  • afrika
  • Syrien
  • Euro krise
  • familienpolitik
  • familienpolitik
  • familienpolitik
  • familienpolitik
  • familienpolitik
  • filosofia
  • Offenen Demokratie
  • LINKE
  • Vorbereitung_Wahlen
  • Cicero
  • Politik
  • Politik
  • Wirtschaft
  • Grüne
  • Wahlen in D
  • Atomenergie
  • Terror
  • Lesenswert
  • Serina
  • _Wj
  • Papstreise 2011 Deutschland
  • Kapitalismus
  • Kapitalismus
  • Piraten
  • Grüne
  • Grüne
  • Grüne
  • Leben
  • haha
  • Migration
  • Generation 2.0
  • Kunst
  • Kunst aA
  • Kunst
  • EURO
  • Russland
  • Steuerpolitik
  • Internet-Kultur
  • Wulf
  • Wulf
  • Parteien
  • Parteien
  • Parteien
  • Finanzkrise und Staatsschulden
  • Gesellschaftspolitik
  • Gesellschaftspolitik
  • Gesellschaftspolitik
  • kindle
  • kindle
  • Rechtsradikalismus
  • USA
  • Religion und Tradition
  • Architektur & Bauen
  • Architektur & Bauen
  • Architektur & Bauen
  • Architektur & Bauen
  • Parteien
  • Kirche
  • Grass
  • Linke
  • Linke
  • Linke
  • Linke
  • Netz
  • Politik, Gesellschaft ...
  • Politik, Gesellschaft ...
  • Politik, Gesellschaft ...
  • politik
  • Tourismus
  • Moral
  • Urheberrecht
  • favs
  • Digitalisierung
  • A Nachlesen
  • A Nachlesen
  • internet
  • Film
  • Literatur
  • Literatur
  • NH
  • Polemik
  • Praktische Philosophie
  • diethart
  • Steinbrück
  • Bildung & Schule
  • Bildung & Schule
  • Bildung & Schule
  • Mark Twain
  • Mark Twain
  • Mark Twain
  • MILANKO
  • Entwicklungspolitik
  • Gunter Hofmann
  • dudelfunk
  • pit
  • Material-SK
  • Steuern
  • Antisemitismus
  • Intellektuelle
  • Türkei
  • Jan von Alen
  • Autoren
  • Autoren
  • Autoren
  • Doppelte Staatsbürgerschaft
  • Test
  • Hyperkorrekte
  • Stasi
  • Fernsehen Qualität
  • Kretschmer
  • Kretschmann
  • Politik
  • Pressegleichschaltung
  • NSU
  • gender
  • gender
Neues Dossier anlegen:

Ihr Kommentar zu diesem Artikel

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
Buch, Bücher, Literatur
Dossier

Die Buch-Seite

zum Dossier

Bildergalerie

„Die nackte Wahrheit und anderes“ − Aktfotografie um 1900

zur Bildergalerie
Anzeige

Wulf Schmiese

Leicht gesagt. Die Mittwochskolumne von Wulf Schmiese

Von der Volks- zur 20-Prozent-Partei

SPD-Chef Gabriel auf der Pressekonferenz zum Parteijubiläum

Ist alt, sieht auch so aus: Cicero-Kolumnist Wulf Schmiese über den 150. Geburtstag der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands


DAS NEUESTE AUS DEN BLOGS VON CICERO ONLINE

Bild des Benutzers Göttinger Demokratie-Forschung
Parlamentswahlen in Norwegen: „Menschen, nicht Milliarden“

Im September wird in Norwegen ein neues Parlament gewählt. Fünf Monate vor der Wahl stehen die…

zum Blogeintrag

Frage des Tages

De Maizières harte Landung
In Kooperation mit dem Tagesspiegel
zur Frage

Thema der Woche

150 Jahre SPD: Vom Fürstenfeind zur Kaviarlinken
zum Dossier
Sollte die Bundeswehr Drohnen kaufen?
Das Cicero-Meinungsbild

Das Verteidigungsministerium will unbemannte Flugkörper kaufen. Ist das ethisch zu vertreten?

Umfrage
150 Jahre SPD: Ist die SPD noch eine Volkspartei?
Ja, die SPD wird wieder deutlich zulegen
31%
Nein, die SPD ist nicht mehr zeitgemäß
69%
Gesamtstimmen: 58
zur Umfrage
Medizin, Gesundheitssystem, krank
Dossier

Wie krank ist unser Gesundheitssystem?

zum Dossier

Dossier

Nordkorea zündelt

zum Dossier

Mittelstand,Mittelschickt,Bürgertum,Internetstore AG
Dossier

Mythos Mittelstand

zum Dossier

Anzeige
Anzeige

Video

„Deutschland wird nicht mehr zu den G8 gehören“

Video
alle Videos
Anzeige

Jetzt den Newsletter von Cicero Online abonnieren

Liebe Leserinnen und Leser. Gerne informieren wir Sie regelmäßig über das aktuelle Angebot von Cicero Online. Bitte tragen Sie ihre E-Mail-Adresse ein und wir schicken ihnen montags bis freitags unseren täglichen Newsletter.

E-Mail*
Anrede
Vorname
Nachname

Anzeige

Weitere Angebote des Ringier Verlags: Monopol – Magazin für Kunst und Leben | Geschenkidee.de – Der Shop für ausgefallene Geschenkideen
© Cicero 2013
  • Impressum
  • Nutzungsbedingungen
  • AGB
  • Stellenangebote

Weitere Angebote des Ringier Verlags: Monopol – Magazin für Kunst und Leben | Geschenkidee.de – Der Shop für ausgefallene Geschenkideen
© Cicero 2013
 
RESSORTS
Startseite
Berliner Republik
Weltbühne
Kapital
Stil
Salon
Bücher
Karikaturen
Bildergalerien
Videos
Blogs
Dossiers
Newsletter
 
  • Datenschutz
  • Impressum
  • Redaktion
© Cicero Online 2013zum Seitenanfang