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Salon

EnergiewendeAltmaiers widersinniges Weitermarschieren

Von Alexander Marguier30. September 2012
picture alliance
peter_altmaier,gummistiefel,wiese
Schnurstracks in den Abgrund?
Schrift:

Menschen wollen konsistent erscheinen, deswegen gehen sie lieber schnurstracks in den Abgrund, als die Lage neu zu überdenken. Ebenso Bundesumweltminister Peter Altmaier: Hat er sich auf dem Weg zur Energiewende verrannt?

Die Energiewende in ihrem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf. Frei nach Erich Honecker, dem großen Staatsratsvorsitzenden der DDR, lautet so inzwischen der Marschbefehl des neuen Bundesumweltministers Peter Altmaier. Da unterscheidet er sich übrigens kaum von seinem Vorgänger Norbert Röttgen, für den „die größte wirtschaftspolitische Herausforderung seit dem Wiederaufbau“ (Altmaier) ungefähr der Dimension des eigenen Egos entsprach. Auf den ersten Blick könnten die beiden Herren unterschiedlicher kaum sein; tatsächlich steht der stets jovial-gemütlich wirkende Peter Altmaier in wohltuendem Kontrast zum schneidig-selbstverliebten Superstaatsmann aus Meckenheim, der sich trotz seiner Pleite in NRW immer noch für den besseren Bundeskanzler halten mag. Aber man sollte sich da nicht täuschen lassen – auch nicht von Altmaiers saarländischem Zungenschlag, der (mit Ausnahme des gebürtigen Neunkircheners Honecker) irgendwie volkstümlich und auf sympathische Weise unpreußisch klingt.

Bildergalerie: Die Kosten der Energiewende
  • Die deutschen Haushaltsstrompreise
  • Substitution der deutschen Kernenergie
  • Die Preise der Emissionszertifikate
  • Die Strompreise im Großhandel
  • Die Zusammensetzung des Strompreises

Denn von dialektischer Färbung abgesehen, sind die jüngsten Einlassungen des Bundesumweltministers geradezu mustergültiger Apparatschik-Sprech: Als „irreversibel“ bezeichnete Peter Altmaier die Energiewende jüngst bei der Präsentation eines „Zehn-Punkte-Programms“ zur Umweltpolitik – gerade so, als handle es sich um eine physikalische Notwendigkeit, und nicht um ein von Menschen gemachtes Gesetz. „Irreversibel“, also unumkehrbar, bedeutet ja in diesem Fall nichts anderes als ein Festhalten am Atomausstieg auch für den Fall, dass neu hinzugewonnene Erkenntnisse Zweifel am gesamten Projekt aufkommen lassen würden. Solches Handeln wider besseres Wissen wäre aber eine ausgemachte Dummheit, um nicht zu sagen: gegen die Interessen der eigenen Bevölkerung. Wie kommt Peter Altmaier, der dem Vernehmen nach ja ein kluger Kopf sein soll, zu derlei Behauptungen?

Ein Blick in Rolf Dobellis Dauerbestseller „Die Kunst des klaren Denkens“ hilft da möglicherweise weiter, genauer gesagt, in das Kapitel „The Sunk Cost Fallacy“. Die sogenannten versunkenen Kosten sind ein Bild aus der Spieltheorie, mit dem irrationale Momente menschlichen Verhaltens erklärt werden können. Aktienbesitzer kennen das vielleicht aus eigener Erfahrung: Je tiefer ein Wertpapier unter den Einstandspreis sinkt, desto geringer ist die Bereitschaft, sich von ihm zu trennen – und zwar unabhängig von der prognostizierten Kursentwicklung. Das ist ähnlich wie bei einer unglücklichen Ehe: Die Trennung fällt umso schwerer, je länger die Beziehung währt. Denn die Partner haben ja bereits so viele Emotionen in sie investiert. Das Motiv für objektiv widersinniges Weitermarschieren auf dem einmal eingeschlagenen Weg besteht in Dobellis Worten darin: „Menschen streben danach, konsistent zu erscheinen. Mit Konsistenz signalisieren wir Glaubwürdigkeit. Widersprüche sind uns ein Gräuel. Entscheiden wir, ein Projekt in der Mitte abzubrechen, generieren wir einen Widerspruch: Wir geben zu, früher anders gedacht zu haben als heute.“

Zuzugeben, früher anders gedacht zu haben als heute – mit diesem Satz ist das Modernisierungsprogramm der CDU ziemlich präzise auf den Punkt gebracht: Die Partei Peter Altmaiers hat unter Angela Merkels Führung während der vergangenen zehn Jahre unter Ächzen und Stöhnen viele „versunkene Kosten“ abgeschrieben und alte Positionen geräumt – von der Ausländerpolitik über Kindererziehung bis hin zur Homo-Ehe; bei der Atompolitik ist ihr sogar das denkwürdige Kunststück einer doppelten Kehrtwende gelungen. Wer kann es dem Bundesumweltminister da schon verdenken, wenn er jetzt endlich ganz besonders konsistent erscheinen will – und „irreversibel“ nennt, was in einer Demokratie selbstverständlich auch wieder rückgängig gemacht werden kann?

Rolf Dobellis Buch trägt übrigens den Untertitel „52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen“. Minister Altmaier sollte sich das zu Herzen nehmen.

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Ja, ja die Spieltheorie,

sie hat nur einen kleinen Schönheitsfehler, sie entbindet keinen der Beteiligten von der Volatilität der Entscheidungshorizonte und jene, welche dann nachher kluge Abhandlungen über die Fehlentscheidungen der Vergangenheit schreiben, haben den Vorteil ex post zu beurteilen was ex ante entschieden werden musste. Sowohl die Preisentwicklung der fossilen Brennstoffe als auch die zukünftige technologische Entwicklung sind zum Zeitpunkt der Entscheidung nicht abzusehen. Von den politischen Dynamiken, welche aus neu entstandenen Interessen in einem föderalen System resultieren mal ganz agesehen. Die Begrenztheit der fossilen Energien ist das Haupthindernis für das Wirtschaftswachstum weltweit. Insofern hängen die Energiepreise ebenso vom Wirtschaftswachstum ab, wie umgekehrt das Wirtschafswachstum von den Energiepreisen. Hier nun einfach von bestehenden Kalkulationsgrundlagen der Vergangebheit auszugehen und diese Faktoren in die Zukunft zu extrapolieren ist müßig, ja dysfuntional, da durch die Vortäuschung einer falschen mathematischen Exaktheit, statische Entwicklungslinien suggeriert werden, die es in der Realität nicht gibt, die sich bestenfall auf dem Wege einer Self-Fulfilling-Prophecy einstellen. In den Kausalmodellen der Energiepreisentwicklung sind weder die Kosten für die Sanierung der Zwischenlager, noch die Endlagerung enthalten,die zu großen Teilen vom Steuerzahler getragen werden. Auch die Operationalisierung der Kosten von CO2 Emissionen durch Umweltzertifikate beruht weitgehend auf Einschätzungen und politischer Willensbildung. Tatsache ist, es wird mehr emmissionsfreier Strom entstehen, dessen Kostenkurve im Sinflug begriffen ist, während die wahren Preise des Atomstroms durch Haftungsobergrenzen für Unfallrisiken und Abwälzung der Kosten für die Zwischen- und Endlagerung auf den Steuerzahlern, angesichts der Zeiträume von mehreren 10 000 Jahren Halbwertzeit, unkalkulierbar sind. Jede Entscheidung der Bundesregierung verändert den Entscheungshoruizont anderer Akteure in der ganzen Welt. Insofern ist es die Kontinuität des Regierungshandelns vor dem Hintergrund hoher Unsicherheit unbedingt notwendig, um die Voraussetzung zur erfolgreichen Einführung erneuerbarer Energien zu schaffen. Fehlt dieser Faktor, kann man das Projekt sofort abblasen. Die Kernenergie wurde übrigens auf dieselbe Art und Weise eingeführt, nur kam es dabei zu einer Zentralisierung der Energieversorgung und der entsprechenden Oligopolbildung am Markt. Die Dezentralisierung der Energieversorgung müsste zumindest nach den Gesetzen der Wirtschaftstheorie langfristig die Preise sinken lassen. Auch nach den politikwissenschafftlichen Erkenntnissen, die bei der Einführung neuer Technologien gewonnen wurden, spricht alles für die Einführung von Technologien, die keine große zentrale Organisation erfordern und für die Bevölkerung einen breiten Zugang bieten. Insofern wünsche ich Peter Altmaier viel Glück und einen langen Atem bei seinem schwierigen Unterfangen. Sein Ansatz, mit möglichst vielen Beteiligten und Betroffenen zu sprechen und das Interesse an der Einführung erneuerbarer Energien möglichst breit zu verankern, ist vielversprechend.

  • Antworten
Christoph Kuhlmann30.09.2012 | 13:16 Uhr

Was soll dieser Artikel?

... außer, dass er Zweifel an der Energiewende säen will, wohlgemerkt ohne Argumente.
Das Festhalten am Bewährten, nachdem schon eine Menge Geld reingesteckt wurde, trifft vor allem auf die Atomkraft zu. Gerade läuft die Meldung durch, dass der AKW Stresstest Nachrüstkosten von 25 Milliarden ausweist. Die Atomfässer aus Asse können evtl. überhaupt nicht mehr geborgen werden und die Steuerzahler werden auf den Kosten sitzen bleiben, denn die Unternehmen lässt man zur Not einfach pleitegehen. Aber die Energiewende wird angeblich teuer - Lachhaft! Deutschland spart jährlich hunderte Millionen allein an Brennstoffkosten, die nicht mehr den Scheichs oder dem lupenreinen Demokraten Putin zufließen.

  • Antworten
sunraven30.09.2012 | 19:52 Uhr

Alternativlos - und diesmal wirklich

Es ist Herrn Altmaier zu danken, dass er den Weg der Energiewende als unumkehrbar einstuft und was hier versucht wird, muss doch mal konsequent zu Ende ausgesprochen werden, traut sich der Autor aber nicht: Es wäre der Wiedereinstieg in die Atomkraft. Harrisburg, Tschernobyl, der beinahe-GAU von Forsmark, Fukushima, der strahlende Restmüll, das ist für mich als Teil der nachwachsenden generation indiskutabel. Das ist das Eine.

Das andere ist die Infamität, mit der hier grafisch untermalt wird, was als Argument nutzbar gemacht wird: Die Kosten. Schön, erst 2012 einzusetzen und zu ignorieren, dass der größte Teil der Strompreiserhöhung auf die sogenannte Liberalisierung der Strommärkte, de facto eine Oligopolisierung wie auf dem Benzinmarkt, zurückgeht. Die Milliardengewinne von EON und CO schrumpfen, nach Jahren der Exorbitanz wieder auf Normalmaß udn das wird schon als Fehler betrachtet. Dabei, der volkswirtschaftliche Schaden der Abschröpfung in den Jahren von 2002-2012 ist umso gigantischer.

Das ist BWL-Einführungswissen, wird aber einfach ignoriert. Der Schaden an der Konsumfähigkeit der Verbraucher zu Gunsten einer kleiner Grupope Anteilseigner an Enenergiemonopolisten ist gewaltiger, als der der Energiewende, die Arbeit bringt und auf Dauer die Strompreise massiv senkt (die auch und vor allem, neben den hohen Margen, aufgrund steigender Kohle- und Gaspreise zu Stande kommen).

Und was immer fehlt, sind die massiven Subventionen, die der Staat für die Atomkraft aufgebracht hat und die leider nie in die kalkulation einfließen (von den noch zu erwartenden Folgekosten ganz zu schweigen). Also Herr Altmaier, nicht nur unbeirrt weiter, sonder noch viel radikaler weiter...

  • Antworten
Marcel Steindorf01.10.2012 | 09:33 Uhr

Thorium ist die Zukunft

Es ist völliger Unsinn den nun eingeschlagenen Weg fortzusetzen. Eine Kehrtwende ist dringend notwendig und wird kommen. Einerseits wegen des Erdgasmarktes, schon jetzt ist in den USA dieses um ein vielfaches billiger als in Europa; andererseits wegen der Fortschritte in der Kernkraft. Und dabei ist ein Reaktortyp besonders interessant: der LITER genannt. Mit dem kann man auch noch den vorhandenen Atommüll entsorgen. Ich würde jeden bitten, auch diejenigen die bislang Atomkraftgegner sind, sich einmal mit dieser Thematik auseinanderzusetzen.
http://www.science-skeptical.de/energieerzeugung/der-stein-der-weisen/008408/

  • Antworten
Quentin Quencher01.10.2012 | 21:46 Uhr

Noch mehr Umverteilung von unten nach oben

Der Plan von Altmaier, die Bürger an den Stromtrassen finanziell gegen Provision zu beteiligen, setzt den unseligen Weg der Solardächer fort. Wer kein Geld hat, kann sich nicht beteiligen, muss aber über daraus resultierende überteuerte Stromrechnungen die Wohlhabenden subventionieren.

Weltweit wird in Kerntechnik investiert, neue Reaktortypen geplant und einige Prototypen sogar schon gebaut. Die Reaktoren der Zukunft werden keinen langlebigen Atommüll mehr produzieren, auch werden manche von ihnen in der Lage sein, bereits angefallen Atommüll zu verbrennen. Die Reaktoren werden inhärent sicher sein, d.h. auch bei einem Unfall, wird keine Radioaktivität mehr nach außen dringen. Bezüglich Kerntechnik hat sich halt der geistige Horizont in Deutschland seit den 70ern nicht mehr weiterentwickelt.

Deutschland war in dieser Zukunftstechnologie mal führend. Heute glaubt man hierzulande, man könnte ein Industrieland mit den gleichen Energieträgern wie damals im römischen Reich versorgen.

  • Antworten
marcxl02.10.2012 | 07:36 Uhr

infantile Ängste

Eine lautstarke Minderheit, die ihre infantile Angst vor dämonischen Atomstrahlen nicht in den Griff bekommt, hat es geschafft, ein ganzes Land in eine energiepolitische Sackgasse zu manövrieren und die nationale Energieversorgung zu einer Spielwiese für Verrückte zu machen.

  • Antworten
rationalism02.10.2012 | 07:55 Uhr

Wer - bitteschön - investiert in Atomkraft?

Unglaublich, wieviele Menschen auf die Propaganda der Atomlobby herreinfallen. Kein Unternehmen investiert in Atomkraft, wenn es auch nur die Versicherung für den Schadensfall selbst tragen (und nicht dank Haftungsbegrenzung die Bevölkerung) - damit ist noch kein Euro Entsorgungskosten bezahlt. Müssten die Unternehmen auch nur für den lächerlichen Teilzeitraum von 10.000 Jahren das Geld zurücklegen, dann wäre es auch schnell aus mit dem billigen Atomstrom. Die Propagandaschlacht wird entfesselt, weil es ZUVIEL Strom gibt und nicht zu wenig und mittags der PV Strom die Preise kaputt macht. Das wird noch viel schlimmer werden, wenn die EEG Förderung für die ersten Anlagen ausläuft und viele Ihren PV-Strom, dank Null-Brennstoffkosten, verschenken.
Auch in diesem Winter werden wir wieder Strom ins AKW-Land Frankreich exportieren. Beim französischen Präsidentschaftswahlkampf spielten die Kosten für Brennstoffimporte eine Rolle - Warum wohl bei uns nicht, weil wir unseren Strom dank Erneuerbarer Energien selbst produzieren.

  • Antworten
sunraven02.10.2012 | 12:13 Uhr

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