Til Knipper hat ein Problem: Er weiß nicht, wo er das EM-Halbfinale Deutschland-Italien gucken soll. Ein Freund hat bereits einen Tisch beim Italiener reserviert. Schlimmer wäre da nur noch ein Besuch auf der Fanmeile
Ich habe ein Problem: L., ein guter Freund von mir, ist Italiener, Ingenieur und hat keine Ahnung vom Fußball. Das klingt nach mehreren Widersprüchen in sich, hält L. aber nicht davon ab, die EM zu verfolgen. Wo mein Problem liegt? L. möchte morgen mit mir und einigen anderen gemeinsam das Halbfinale Deutschland-Italien gucken. Er hat zu diesem Zweck auch schon einen Tisch reserviert, im ohne Zweifel nettesten italienischen Restaurant im Berliner Stadtteil Wedding. Dies wird, anders als viele andere italienische Restaurants in der Hauptstadt, sogar von Italienern betrieben. Auch die beiden und ihre deutsche Mitbetreiberin schätze ich sehr, zumal sie mehr vom Fußball verstehen als L. L. hat es aber auch nicht leicht: K., seine zukünftige Frau, fragte neulich beim entscheidenden Gruppenspiel der Italiener gegen Irland in der 70. Minute, ob die Blauen oder die Weißen Italien seien?
Ich kann so nicht Fußball gucken, zumindest nicht, wenn Deutschland oder Bayern auf dem Platz stehen und es um etwas geht. Ich brauche dann eine ruhige, konzentrierte Atmosphäre mit wenigen oder gar keinen Mitsehern, die alle für meine Mannschaft sein müssen. Ich möchte keine Rücksicht auf Fans des Gegners nehmen müssen. Und ja ich muss schreien und Worte benutzen dürfen, die ich sonst nur in den Mund nehme, um sie meinen Patenkindern beizubringen (Blinder, Idiot, Arschloch, Wichser, usw.), weil ich nichts alberner finde, als Kindern Schimpfwörter zu verbieten.
Da wo ich Fußballgucken gelernt habe, hätte ich für eine Frage, wie K. sie gestellt hat, einen lebenslangen Sofaplatzverweis erhalten: Es muss Anfang der 1990er Jahre gewesen sein, der Pay-TV-Sender Premiere war noch ganz neu. Ich fand mich regelmäßig Samstagnachmittags im Wohnzimmer meines Schulfreunds A. ein, um dort „Bundesliga live“ verfolgen zu können. Es herrschte eine ruhige, konzentrierte Atmosphäre. Als wir uns einmal während des Spiels über eine abends anstehende Party unterhielten, ging plötzlich der Fernseher aus und alle verstummten irritiert. A.s Vater, immerhin ehemaliger Präsident eines Fußballbundesligisten, hielt die Fernbedienung in der Hand und sagte nur: „Ich dachte, das Spiel stört euch bei eurer Unterhaltung.“
Vielleicht verstehen Sie jetzt, warum mich L.s Restaurant-Einladung so quält. Schlimmer stelle ich mir morgen abend eigentlich nur einen Besuch der Vorhölle, sprich: der Fanmeile vor. Vielleicht gehe ich trotzdem hin, denn Franz Beckenbauer prophezeit mir in der Bild heute ein „ganz entspanntes“ Halbfinale: „Weil ich sicher bin, dass wir gegen Italien den Einzug ins Finale schaffen.“ Könnte mir also einreden, dass es um nix geht.
Wenn dann doch das Unvorstellbare passieren sollte, werde ich auf dem Nachhauseweg einfach mein Telefon anschreien. Auf dem befindet sich nämlich seit gestern mein neues Lieblingsspiel „Shout Car Racing“, bei dem das Auto umso schneller fährt, je lauter Du brüllst. Das Spiel hat G. entwickelt, ein Freund von mir aus England. Kann kein Zufall sein, dass er es so kurz nach dem EM-Ausscheiden seiner Nationalmannschaft auf den Markt gebracht hat.













