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Copy-Paste-JournalismusEkelhafte Gruppenpraxis

Von Petra Sorge18. Oktober 2012
picture alliance
Altpapier,Papier Mülltonne,Zeitungen,Abfall
Wo in rauen Mengen kopiert wird, sollte lieber entsorgt werden
Schrift:

Es ist fast ein bisschen Schadenfreude, mit der die Medien gerade über Bundesbildungsministerin Annette Schavan herfallen. Dabei ist auch der Journalismus von einer unsäglichen Abschreiberitis befallen

Seite 1 von 2

Am 28. Juli 2011 berichtete Spiegel Online, dass Ehemänner ein deutlich höheres Bruttoeinkommen erzielen als Junggesellen mit den gleichen Bildungsvoraussetzungen. „Warum Verheiratete mehr Geld verdienen“ – so der Titel des Artikels, der die Ergebnisse einer US-Studie unter rund 16.000 Baseballspielern zusammenfasste.

Das Problem: Die Geschichte war geklaut – aus dem Handelsblatt des Vortages. Zwar verwies der Autor in einem Nebensatz auf die Fundstelle. Doch der kopierte Text war nicht einfach nur eine Kurznachricht, sondern ein längerer Beitrag mit sieben Absätzen. Zudem tauchten darin mehrere Formulierungen auf, die mit der Originalversion nahezu identisch waren. Die Handelsblatt-Redaktion dokumentierte die Fehltritte des Konkurrenten akribisch: „Die journalistische Eigenleistung des Kollegen beschränkte sich darauf, einen Faktenfehler in seinen Text einzubauen.“

Dabei hatte das Handelsblatt nur wenige Wochen zuvor seinen eigenen Abschreibskandal: Die Praxis des designierten Online-Chefs flog im Mai 2011 auf. Im Interview mit der Süddeutschen, von der der Redakteur mehrfach geklaut hatte, räumte der Handelsblatt-Mann seine Fehler schließlich ein.

Zwei Fälle, die zeigen: Im Journalismus geht es längst nicht so sauber zu, wie die Urheber so manch polemischer Schavan-Kritik dieser Tage gern suggerieren. Karl-Theodor zu Guttenberg, Silvana Koch-Mehrin, Jorgo Chatzimarkakis und jetzt die Bundesbildungsministerin – jeder dieser Fälle, von Plagiatsjägern im Internet aufgedeckt, wird von Journalisten ausgeweidet. Das bringt Quote – und ist ja auch legitim. Die Medien dürfen das nicht nur, sie sollen sogar.

Nur: Dass die fleißigsten Kopisten oft in den Redaktionen – und nicht nur in den Universitätsbibliotheken – sitzen, wird gern unter den Teppich gekehrt. Etwa bei Spiegel Online. Da hieß es unter dem Artikel lediglich, man habe „die Ursprungsmeldung aus dem ‚Handelsblatt‘ und das PDF der Originalstudie verlinkt“. Ein Eingeständnis, gar eine Entschuldigung sucht man hier vergeblich.

Tatsächlich ist der Grat zwischen der (erlaubten) Verbreitung von Tatsachen und der (verbotenen) Übernahme eines Werkes nirgendwo schmaler als im Journalismus. Es ist in der Branche zum Beispiel völlig üblich, bereits veröffentlichte Fakten zu einer lesenswerten Erzählgeschichte zu verweben. Würde der Autor für jedes recherchierte Einzelstück die Fundstelle nennen, wäre der Text nicht mehr genießbar, ein Wust an Quellenangaben. Journalismus bedient sich aus Bekanntem, Erzähltem, bereits Gemeldetem. Das war seit Jahrhunderten so, und daran ist auch nichts einzuwenden.

Die erlaubte Weiterverbreitung gerät aber dann in eine Grauzone, wo aus aufwendig recherchierten Exklusivgeschichten schnelle Berichte gestrickt werden, ohne etwa im Netz einen Link zu setzen oder auf die Nachrichtenagentur hinzuweisen. Das ist gerade bei Printmedien üblich: Sie zahlen für das Abonnement der Agentur, weshalb sie eine Nennung von dpa, dapd, Reuters, AFP oder anderen Diensten häufig nicht für nötig erachten.

Seite 2: Subtile Tricks: ein Halbsatz hier, eine Idee da

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Auch Journalisten schreiben ab, wissenschaftliche Arbeiten können reine Literaturrecherchen sein, ausschliesslich aus Leistungen Dritter bestehen. In der Tagespresse werden vielfach Pressemitteilungen übernommen, sie sind schon vom Herausgeber so formuliert, dass man gar nichts mehr ändern müsste.
Darum geht es hier aber gar nicht. Es geht auch nicht darum, dass möglicherweise Doktorväter gar nicht die Zeit haben werden jede Arbeit sorgfältig zu prüfen, die Literatur herbeizuziehen und deshalb viele Arbeiten mit Mängeln durchrutschen. Wenn man die Qualität "wissenschaftlicher" Veröffentlichungen deutscher Hochschulen in einem Teilbereich kennt, so kann man auf eine solche Arbeitsweise schliessen. Es geht in diesem Falle doch darum, dass eine Nachprüfung eines Nachweises eigener Leistungen der Verfasserin erfolgt und eine solche wird i.d.R. zeitaufwändiger und genauer durchgeführt. Das ist zu beurteilen wie im Strassenverkehr. Aus der Tatsache, dass den Ordnungsbehörden nicht alle Verstösse gegen Vekehrsregeln bekannt werden kann man keine Straffreiheit einfordern. Jetzt liegen die Fakten auf dem Tisch und man wird nach dem Gleichheitsprinzip damit umgehen müssen. Schüler und Studenten werden sich nach der Entscheidung der Universität Düsseldorf fragen müssen, welche Bedeutung diese für sie in ihrer Einrichtung hat.

  • Antworten
alphacentauri201219.10.2012 | 03:18 Uhr

Wikipedia wäre zumindest ein Anfang...

Besonders auffällig ist das bei Artikeln über das Ausland. Da wird hemmungslos - teilweise Wort für Wort - übernommen, was man in verschiedenen Medienberichten findet. Dabei ist nach ein paar Sätzen vollkommen klar, dass der Autor weder die Vorgeschichte, noch die inneren Zusammenhänge kennt. Oft fehlt auch ganz einfach eine bessere Kenntnis des Landes bzw. der zitierten Personen. Und in einer ganzen Reihe von Fällen stimmen schlicht die örtlichen Gegebenheiten nicht oder es wird falsch übersetzt.
Auf Dauer wird hier natürlich die Glaubwürdigkeit der Medien an sich untergraben. Wenn man erst einmal das Gefühl hat, dass selbst Auslandskorrespondenten ihr gesamtes Wissen irgendwo aus dem Internet haben, sucht man sich die Sachen lieber gleich selbst zusammen. Seltsamerweise findet man nämlich oft nach kurzer Suche wesentlich präzisere Informationen als in den sogennanten Leitmedien. Und manchmal wäre man schon froh, wenn der Journalist sich wenigstens zuerst Wikipedia informiert hätte.

  • Antworten
athe22.10.2012 | 06:46 Uhr

Und ganz konkret...

Konkretes Beispiel: Bei dem "Vierfach-Mord" in der Nähe von Annecy [http://www.spiegel.de/panorama/justiz/vierfachmord-in-den-alpen-taeter-schoss-zuerst-auf-den-radfahrer-a-862559.html] wurden immerhin fünf Menschen getötet. Aber egal. Nur seit Beginn der Affaire werden im Spiegel (SPON) systematisch die Artikel der Dayly Mail kopiert (die Quelle wird natürlich immer zitiert). Die Informationen waren dann aber zum Teil nicht nur sehr approximativ, sondern der Spiegel brachte eine Zeit lang auch Informationen, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung schon vollkommen überholt waren. Das aber hätte man mit ein, zwei Klick in jeder französischen Tageszeitung nachprüfen können.
Und da wären wir dann beim nächsten Punkt: anscheinend läßt sich einerseits in der ganzen Spiegel-Redaktion niemand mehr auftreiben, der noch ausreichend Französisch kann, andererseits muss man sich auch fragen, was denn der Spiegel-Korespondent in Paris so den ganzen Tag treibt. Bis vor Kurzem war das noch Stefan Simons. Der hat zwar nur eine sehr oberflächliche Kenntnis von Frankreich - jedenfalls hat er schon mal Avignon mit Aix-en-Provence verwechselt - aber sollte dann doch ausreichend Französisch können, um den geneigten Leser halbwegs richtig über Aktuelles aus dem französischen Netz zu informieren.

  • Antworten
athe22.10.2012 | 08:33 Uhr

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