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Einsamer nie ...

von 
Manuela Reichart
28. Oktober 2009
… als in «Tony Takitani»: In der verfilmten Erzählung von Haruki Murakami sitzen stumme Menschen auf Barhockern

Der japanische Bestseller-Autor Haruki Murakami muss ein einsames Kind gewesen sein, ein eigenbrötlerischer Schüler, der nicht mochte, was die anderen liebten, der die Erwartungen, die man an ihn stellte, nicht erfüllte. Nicht die seiner Eltern, die japanische Literatur unterrichteten, nicht die seiner Lehrer auf der Filmhochschule. Mit 25 Jahren eröffnet er einen Jazz-Club, mit Ende zwanzig wird er zum erfolgreichen Autor, in dessen Romanen und Erzählungen meist Einzelgänger, japanische Männer und Knaben, ihre einsamen Wege gehen.

In seiner Erzählung «Tony Takitani» steht ein eigenbrötlerischer Junge im Zentrum, der heranwächst zu einem einsamen Mann. Er ist der Sohn eines Jazz-Posaunisten, der «vor Ausbruch des Pazifik-Krieges wegen einer Frauengeschichte Tokyo verlassen mußte. Wenn schon, denn schon, hatte er sich damals gedacht, und war mit kaum mehr als seinem Instrument im Gepäck nach China übergesetzt». Ein sorgloses Musikerleben mit Frauen und Geld und Freunden beginnt, das nach dem Krieg ein jähes Ende erfährt. Aber weder der Gefängnisaufenthalt noch die Todesbedrohung hinterlassen tiefere Spuren bei dem Mann, der schließlich nach Japan zurückkehrt, heiratet, einen Sohn bekommt und seine Frau verliert.

Der Film des 1948 geborenen Regisseurs Jun Ichikawa lässt diese Lebens-Stationen wie beim Durchblättern eines Fotoalbums Revue passieren; die Geschichte des Vaters ist dabei in zehn Vorspann-Minuten erzählt. Einmal heißt es, «Shozaburo Takitani eignete sich nicht zum Vater, und auch Tony Takitani besaß wenig Eignung zum Sohn». Der Junge, der seinen in Japan höchst unpas­senden Namen einem amerikanischen Jazz-Freund seines Vaters verdankt, wächst selbstgenügsam auf. Er wird ein begnadeter Zeichner, den seine Kommilitonen verachten, weil er mit seiner Kunst keinerlei politisches Engagement verbindet; in seinem Beruf jedoch kommt er bald zu Geld und Ansehen. Er ist ganz zufrieden mit seinem Leben, bis er sich verliebt. Er ist glücklich in seiner Ehe, bis die Frau bei einem Unfall stirbt. Danach ist er einsamer denn je. Mehr gibt es über dieses Leben nicht zu erzählen.

In dieser ersten Verfilmung einer Geschichte von Haruki Murakami hören wir die sanfte Stimme eines Erzählers und sehen eine der literarischen Vorlage auf faszinierende Weise entsprechende bildliche Umsetzung. «Ich wollte den Film so konstruieren, dass, wie bei einer Drehung um 360 Grad, die Abschnitte der Geschichte aufeinander folgen», erklärt der Regisseur, der mit den sechs Schauspielern im Wesentlichen auf einer Theaterbühne arbeitete. Der langhaarige junge Zeichner sitzt am Tisch, die Kamera geht über ein Schwarzbild in den nächsten Arbeitsraum, wo er nun mit kurzen Haaren über seine Illustrationen gebeugt zu sehen ist. So vergeht die Zeit – und das Leben. Die Farben sind reduziert, die Menschen reden wenig miteinander, nur wenn das Paar für eine kurze Weile glücklich ist, werden die Kontraste klarer.

Kleider spielen in der Geschichte und im Film eine große Rolle, denn die junge Ehefrau ist kaufsüchtig, sie häuft teure Kleidung an, wie ein Sammler seine Zinnsoldaten. Ihre Leidenschaft wird zeichenhaft angedeutet: ständig wechselnde Schuhe in Großaufnahmen und Tüten mit exklusiven Modenamen. Allein das Zimmer, das alle diese edlen Mäntel und Schuhe und Kleider und Blusen am Ende nicht mehr fassen kann, sticht in seinem Realismus hervor. Alle anderen Orte sind seltsam irreal und erinnern an Bilder von Edward Hopper: wenn das Paar auf seinen Barhockern vor einem Tresen sitzt, wenn der weite Himmel die Figur des Jungen aufzusaugen scheint.

Von der Einsamkeit, der Liebe, dem Tod erzählen die ruhigen Bilder und die Gesichter der beiden Hauptdarsteller (die beide zwei Rollen spielen). Es bleibt nichts übrig von den Menschen, nicht die Kleider, nicht die wertvollen Jazz-Platten. Der Überlebende vernich­tet alles. Anders als in der Erzählung, die verstört, weil es keinen Ausweg, keinen späten Höhe­­punkt gibt, deutet der Film ein Telefonat an. Der Mann wählt nach dem Tod der Frau und des Vaters die Nummer einer jungen Frau, die ihm nicht aus dem Kopf geht. Jetzt könnte ein neues Leben, eine neue Geschichte beginnen. Aber am Ende sitzt er allein im Raum, in dem jede Erinnerung getilgt ist. Ein lebender Toter, der wie Sternes «Tristram Shandy» den falschen Namen bekommen hatte, einen, der ihn von Anfang an zum Gespött und zum Einzelgänger machte.

 

Tony Takitani
Japan 2004
Regie: Jun Ichikawa
Mit Issey Ogata, Rie Miyazawa u. a. 75 Min.

Haruki Murakami
Tony Takitani
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe.
DuMont, Köln 2005. 64 S., 16 €

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