Sollte Philip Roth je schriftliche Auskunft über sein Gesamtwerk geben wollen, der Titel «Sexualität und Wahrscheinlichkeit» wäre ein sehr brauchbarer und ausgesprochen selbstironischer Titel. Gemessen an der Latte des eigenen Œuvres sind Alex und Pegeen, das Paar aus «Die Demütigung», nur mäßig auffällig: Die 25 Jahre Altersunterschied, die den berühmten Schauspieler von seiner 40-jährigen Geliebten trennen – und, nein, Simon Axler ist nicht 15 Jahre alt – sind statistisch unauffällig: Im Falle von David und Consuela («Das sterbende Tier») betrug er 24, in jenem von Coleman und Faunia («Der menschliche Makel») 37 Jahre und zwischen dem Uhrenhändler aus «Jedermann» und seiner 19-jährigen Sekretärin lag gar ein halbes Jahrhundert – um jetzt einmal nur die einschlägigen Paarungen aus jüngerer Zeit anzuführen. Ehrensache also, dass Roth die Schraube der Unwahrscheinlichkeit in seinem jüngsten Roman nochmal ein wenig angezogen hat: «Dann führte er sie zum Sofa im Wohnzimmer, wo sie, unter seinem Blick heftig errötend, die Jeans auszog und zum ersten Mal seit dem College mit einem Mann schlief. Und er schlief zum ersten Mal in seinem Leben mit einer Lesbe.» Was die Erfüllung männlicher sexueller Wunschphantasien anbelangt, macht Roth weder Gefangene noch große Umwege. «Ist das Ihre Spezialität: Lesben umpolen?», fragt Pegeens desperate Ex-Geliebte, die eines Tages an Alex’ Wohnungstür auftaucht. Das wäre übertrieben und vielleicht auch eine etwas hoffärtige Ambition: Gestern noch ein suizidaler, in die Jahre gekommener Schauspieler, dem der Anschluss ans einstige Ingenium vollkommen verloren gegangen ist, heute erfolgreicher Lesbenwender – mehr sollte man wirklich nicht verlangen. Wie schon so oft konfrontiert Roth den egoistischen sexuellen Heißhunger, der in «Demütigung» (vom Strap-on-Dildo aus grünem Gummi bis zur neunschwänzigen Katze) buchstäblich reich instrumentiert ist, mit den auf Mäßigung drängenden Kräften gesellschaftlich normierter Vernunft – diesfalls verkörpert durch Pegeens Eltern, mit denen Alex seinerzeit zu allem Überfluss auch noch befreundet war, und die das triebhafte töchterliche Treiben nachvollziehbarerweise mit einiger Skepsis verfolgen. Animalisch, vital und asozial steht die Bestie Mensch immer gegen das Kollektiv, sobald es seine, schon durch die Unabhängigkeitserklärung von 1776 verbürgte Identität als Individuum («the pursuit of happiness») radikal ernst nimmt. So sehr sich diese Opposition durch Roths Gesamtwerk zieht und sowenig sich ein metaphysischer Silberstreif dialektischer Aufhebung irgendwo am Horizont abzeichnete (auch wenn die Dreiteiligkeit des neuen Romans Assoziationen an Hegels dialektischen Dreisprung aufkommen lassen mag), sowenig springt der Autor seinem Erzähler bei, um einen weltanschaulichen Offenbarungseid zu leisten. Die Radikalität und ästhetische Integrität von Roths Romanen besteht vielmehr darin, dass die Erzählperspektive sowohl im Triumph als auch in der Krise ganz auf diejenige des Protagonisten verengt und der Leser mit dessen Furor allein gelassen wird. Man tut Philip Roth wohl kaum Unrecht, wenn man ihn als in der Wolle gefärbten Heterosexuellen bezeichnet. Schon in seinem im Vorjahr erschienenen Meisterwerk «Empörung» machte ein verdruckster schwuler College-Kommilitone dem Protagonisten das Leben schwer. Dennoch sollte man auf der Hut sein, den Autor der mehr oder weniger klandestinen Homophobie zu zeihen. Auf Dauer gestellt ist das Glück des eben erst aus den Niederungen seiner Depression aufgetauchten Protagonisten hier jedenfalls keineswegs: Es gibt die Stücke Tschechows (in denen Simon früher Triumphe gefeiert hat); es gibt einen Revolver; es gibt einen «letzten Akt». Man muss kein ausgefuchster Roth-Exeget sein, um eins und eins und eins zusammenzählen zu können. Menschen, die schon mal ein Buch dieses Autors gelesen haben, wissen allerdings, dass es nicht dessen Art ist, den Helden an den Rand eines Bootstegs über einem eineinhalb Meter tiefen, wohltemperierten und ausschließlich von Pflanzenfressern bewohnten See zu stellen, um ihm dann einen zarten Schubs zu geben. Eine Klippe muss es schon sein. Eher hoch. Und es sollte Sturm herrschen. Eher heftig. Philip Roth
In seinem notorischen, im vergangenen Herbst in neuer Übersetzung erschienenen Debüt «Portnoys Beschwerden» hat Philip Roth dem Titelhelden den vielleicht unwahrscheinlichsten Aufriss der Weltliteratur spendiert. Auf dessen einfalls- und hilfloses «Hallo», gefolgt von dem Angebot, ihr einen Drink auszugeben, reagiert die Angemachte entsprechend: «‹Ein echter Draufgänger›, sagte sie spöttisch». Was wiederum Alexander Portnoy vom ersten ansatzlos in den vierten Gang schalten lässt: «‹Deine Möse lecken, Baby, wie wär’s?› (…) ‹Schon besser›, antwortete sie. Und dann hielt ein Taxi, und wir fuhren zu ihrer Wohnung, wo sie ihre Kleider ablegte und sagte: ‹Dann mach mal.›»
Animalisch, vital, asozial – hoffnungslos
Ein Sturm muss schon sein
Die Demütigung
Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren.
Hanser, München 2010. 144 S., 15,90 €
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lesen: Journal
Einmal im Leben eine Lesbe umpolen
von 11. Februar 2010
Klaus Nüchtern
Foto: Hanser
Einmal im Leben eine Lesbe umpolen
Philip Roth zieht in «Die Demütigung» die Schraube sexueller Unwahrscheinlichkeit noch mal ein bisschen an
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