Die Initiative „Schule im Aufbruch“ will das Schulsystem grundlegend verändern. Keine Reformen, eine Revolution muss her – von unten. In einer Berliner Schule herrscht bereits Aufbruchstimmung: Mit freiem Lernen und neuartigen Schulfächern
Gerald Hüther hat die Beine übereinander geschlagen, er wiegt den Kopf nachdenklich und spricht so leise, dass man ihn trotz Mikrofons nicht so recht versteht. Eine Frau aus dem Publikum ruft beherzt „lauter!“. Aber er spricht nicht lauter oder emphatischer. Zum Revolutionär taugt dieser Professor für Neurobiologie einfach nicht. Dabei fordern er und seine Mitstreiter genau das: Eine Revolution. Das Manifest dieses Umsturzversuchs ist Hüthers neues Buch, das er gemeinsam mit dem Journalisten Uli Hauser geschrieben hat und im Renaissance-Theater in Berlin vorstellt, es heißt: „Jedes Kind ist hochbegabt“. Mit dieser Überzeugung wollen sie die Bildungsrepublik Deutschland „grundlegend verändern“ und am Ende soll, wenn man Hüther glaubt, ein „anderes Schulsystem“ stehen.
Was die Politik über Jahrzehnte nicht geschafft hat, versucht seine Initiative „Schule im Aufbruch“, der Experten, Lehrer und eine Handvoll Interessierter angehören, nun von unten: Bessere Schulen, die weniger Verlierer kennen, Talente fördern und eine freiere Lernkultur umsetzen. Mit großer Begeisterung beschreibt Gerald Hüther an diesem Abend eine Schule in Berlin, die all die Ansätze bereits umsetzt, die dabei sogar die staatlichen Anforderungen erfüllt und in der ohne Probleme Mittlere Reife und Abitur abgelegt werden können. „Schauen Sie sich das mal an“, rät er dem Publikum.
Ortswechsel. Insgesamt sind 20 Lehrer gekommen, um mehr zu erfahren über die Evangelische Schule Berlin Zentrum. Sie wollen sehen, wie hier Unterricht gestaltet wird, was hier anders ist. Die Lehrkräfte stammen aus unterschiedlichen Stadtbezirken und Schulformen. Alle haben ein paar Stunden ihrer Freizeit geopfert und 30 Euro für die Teilnahme bezahlt – aus eigener Tasche. Es muss etwas im Argen sein. „So wie’s jetzt ist kann es einfach nicht weitergehen“, sagt einer der Lehrer zornig zur Sitznachbarin. Sein Job bestehe vor allem aus „Zwang, Druck und Selektion“. Er ist skeptisch. „Lernen die Kinder hier überhaupt was?“, fragt eine andere Lehrerin. Das Konzept dieser Schule ist ihnen fremd, es unterscheidet sich grundlegend von ihrem Alltag im Klassenzimmer.
Margret Rasfeld erklärt ihr Schulkonzept nicht zum ersten Mal, das merkt man ihrem Vortrag an. Es gibt keinen Frontalunterricht, bis zur Oberstufe keine Schulnoten, jede Klasse hat zwei Klassenlehrer und verschiedene Altersgruppen lernen gemeinsam in Fächern wie „Herausforderung“. Vor fünf Jahren haben Eltern die Schule gegründet: Sie hatten eine Idee, ein Gebäude und eine Handvoll angemeldeter Schüler – nur entsprechende Lehrer, Schulbücher und ein konkreter Plan fehlten. Deswegen riefen sie Magret Rasfeld, die zuvor schon ähnliche Projekte umgesetzt hatte. Die 61-Jährige bezeichnet sich selbst als „Schulleiterin, Visionärin und Autorin“ und nahm am Zukunftsdialog der Bundesregierung als Expertin teil. Für ihre Arbeit ist sie mehrfach ausgezeichnet worden. Margret Rasfeld ist eine der Initiatoren von „Schule im Aufbruch" – ihre Schule ist das Experiment am lebenden Subjekt.











