In den fünfziger und frühen sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sind allerlei junge Leute durch die Straßen Londons getrottet, unglücklich, verschlossen und geistesabwesend. Sie fühlten sich fremd, sie waren fremd. Sie schleppten ein Handicap mit sich, das ihnen anzusehen war oder mindestens zu hören, sobald sie den Mund aufmachten – ihre Herkunft. Sie waren aus den Kolonien in die Metropole des Empire gekommen, und London ließ sie spüren, dass sie hier trotz Commonwealth nur geduldet waren. Ihre Herkunft war eine Wunde im Inneren, die zu bluten nicht aufhörte, und füllte sie mit Schmerz, Sehnsucht, Scham, Selbsthass, Widerwillen und Trauer. Sie alle wollten schreiben, damit diese Wunde sich schlösse. Doch das Schreiben über die Herkunft (und worüber sonst sollten sie schreiben können?) würde die Wunde im Inneren ständig neu aufreißen. So lebten sie wie im Dämmerzustand, im Zwischenreich zwischen Herkunft und Ankunft, nicht mehr dort und noch nicht hier. Das Rätsel der Ankunft war nicht zu lösen, solange die Herkunft unerlöst war. Sie kamen aus Rhodesien, wie Doris Lessing, aus Trinidad, wie V.S. Naipaul, aus Südafrika, wie J.M. Coetzee. Der Krampf konnte erst weichen, als er beschreibbar geworden, als die Schande der kolonialen Herkunft aufgehoben war in Literatur. Im Stolz der ersten Publikationen wurde der verschwiegene Makel offenbart und damit getilgt. Doris Lessing schrieb «Eine afrikanische Tragödie», V.S. Naipaul «Ein Haus für Mr. Biswas» und John M. Coetzee «Die Erzählung des Jacobus Coetzee» – drei Texte über Ursprünge und Folgen des Kolonialismus, gesehen durch familiäre Leitfiguren, die eigene Mutter, den eigenen Vater, den eigenen Vorfahren. Lessing und Naipaul haben ihr Leben lang, ohne allzu große Verrenkungen, autobiografisch geschrieben. Coetzee, der Jüngste und Abweisendste der drei, geboren 1940, findet erst jetzt, mit Ende fünfzig, Anfang sechzig, zu einer Art Lebensbeschreibung, auch wenn er am distanzierenden «Er» festhält, um sein Ich möglichst wortkarg dahinter zu verbergen. Vor fünf Jahren, in «Der Junge», erzählte er «Eine afrikanische Kindheit», die deutlich als seine eigene zu erkennen war, in Kapstadt und Umgebung, und doch nach dem Überpersönlichen, Exemplarischen strebte und modellhafte Szenen aus dem Provinzleben zeigen wollte («Boyhood. Scenes From Provincial Life» lautete der Titel des englischen Originals). Coetzee führte einen musterhaften und zugleich zerquälten Jungen zwischen acht und dreizehn vor: John, ein freudloses Kind, verschlossen und empfindlich, zerrissen zwischen einer englischen und einer burischen Herkunft, voller Abwehr gegen die aufopfernde Liebe seiner starken Mutter, voller Scham über den schwachen, depressiven Vater, voller Angst vor dem Versagen und dem sozialen Absturz in der komplizierten Rassen- und Klassenhierarchie Südafrikas. «Sein Herz ist alt, es ist finster und hart, ein Herz von Stein. Das ist sein verächtliches Geheimnis», urteilt Coetzee mit aller Kälte über den Zwölfjährigen, der er einmal war. Die Grunderfahrungen, die Leitbegriffe dieses Kinderlebens lauten «Prüfung» und «Schande». Das Leben besteht aus Prüfungen, und selbst dann, wenn man durchkommt, droht immer Schande. Als Neunzehnjährigen treffen wir John jetzt wieder. Aber «Die jungen Jahre» stimmen J. M. Coetzee im Rückblick um nichts milder, wenn er nun das Portrait des Künstlers als junger Mann zeichnet und sich der Studentenjahre in Kapstadt und London erinnert. Streng und gnadenlos ehrlich geht er mit dem eigenen jungen Selbst um, keine nachsichtige Eigenliebe verklärt retrospektiv die frühen Erwachsenenjahre. Coetzee versagt es sich konsequent, den Jüngling, der er war, dem Leser angenehm oder auch nur sympathisch zu machen. Als ein «Tölpel aus den Kolonien, und noch dazu ein Bure», erscheint er den Engländern, wie er meint, und er glaubt zu wissen, dass «seine hölzerne Art, sein verbissen-düsteres Wesen», alle abstoßen muss, besonders die Frauen.
«Sein Herz ist alt, finster und hart»
Ein Tölpel aus den Kolonien
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Bücher des Monats
Einem Stein Blut abquetschen
von 18. November 2009
Sigrid Löffler
Wie der Chronist Südafrikas sich an den Pranger seiner Autobiografie stellt und dabei sein Lebensthema entdeckt
Seite 1 von 3
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