Aus dem ehemals proletarischen Sport Fußball ist mittlerweile ein riesiges Geschäft geworden: schwerreiche Spieler, aufwendige Werbekampagnen, mediale Massenverwertung. Zeit, sich auf die Wurzeln zurückzubesinnen: Das Spiel mit dem Ball
In Brasilien war Fußball einmal die vorherrschende Zivilreligion. Auf Youtube ist das Pantheon der fünfmaligen WM-Sieger zu besichtigen: Pele, Socrates, Zico et al. Sie waren die Götter des damals wahrhaft unterentwickelten Landes. Gegen die selecao knapp zu verlieren, war eine Ehre. Das ist mehr als drei Jahrzehnte her. Heute ist Brasilien ein schnell wachsendes, reiches Land und muss seine politische und kulturelle Identität nicht mehr mit den Siegen seiner Spieler über reale Großmächte definieren. Und Deutschland?
Die Geschichte der deutschen Fußball-Weltmeisterschaft von 1954 ist so oft erzählt worden, dass alle nachfolgenden Triumphe, zweimal WM-Erster, viermal Zweiter auf die älteren Zeitgenossen immer noch wie ein nettes Postscriptum wirken. Neun Jahre nach dem Kriegsende, darüber sind sich die deutschen Kulturhistoriker einig, wirkte das 3:2 über Ungarn wie ein massenhaft verbreitetes Antidepressivum.
Der ehedem proletarische Sport wurde damals gesellschaftsfähig und verwandelte sich mit dem Start der Bundesliga vor einem halben Jahrhundert in einen Markenartikel namens Adidas & Co., geriet alsbald in den Griff medialer Massenverwertung von ARD und ZDF, professionalisierte sich, produzierte kickende Multimillionäre und entfernte sich in Riesenschritten von der kleinen Welt der Dorfvereine und Kleinstadtclubs. An die Stelle der Rundfunkreporter Herbert Zimmermann oder Rudi Michel (der noch den Sprung ins TV-Geschäft schaffte) traten betuliche Sportschau-Moderatoren wie Heribert Faßbender oder Hans Huberty – letzte Abgeordnete einer versinkenden nationalen Unterhaltungsepoche, in der Vico Torriani oder Caterina Valente die Herzen der Schlagerfans schmelzen ließen.
Nicht die Spieler oder Vereine, sondern die millionenfache Zuschauerzahl in Stadien und vor dem TV-Gerät verwandelten den schönen Sport zum nationalen Politikum. Bundeskanzler, die sich zu „ihren“ Vereinen bekannten, Bundespräsidenten, die zu international herausragenden Meisterschaften ins Ausland reisten oder gar bis in die Spieler-Kabinen vordrangen, um am Ruhm der Sieger zu partizipieren, ohne den faden Beigeschmack solcher Anbiederei zu verspüren – dies alles hat sich summiert zu einem gesamtgesellschaftlichen Erwartungsdruck auf Trainer und Spieler der Nationalmannschaft, die nun in der Ukraine und in Polen nicht für sich, sondern für Deutschland spielen. Und sollten sie daran altmodische Zweifel hegen, wird sie die Nationalhymne an ihre therapeutische Hauptfunktion erinnern: Gute Laune in einem Land zu verbreiten, dessen Fans bisweilen mit dem choralen Slogan auffallen: „Wir wollen Sieger sehen!“ Und wehe sie „kämpfen“ nicht: BILD verteilt am Morgen danach die Zensuren.












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