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Ein Netz zieht sich zu

von 
Claudia Kramatschek
16. Juni 2011
Eine weibliche Leidensgeschichte, von Emmanuelle Pagano aus vier Perspektiven erzählt

Wir sind in einem kleinen Dorf in der kargen Landschaft der Ardèche, wo auch die Autorin zu Hause ist. Bereits in ihren ersten beiden Büchern hat sie über Frauenfiguren geschrieben, die sozial im Abseits stehen, deren Überlebenskraft sie verletzbar und unantastbar zugleich macht. Solch eine Figur ist auch die namenlos bleibende Putzfrau, um deren Schicksal die Monologe vier unterschiedlicher Frauen kreisen, aus denen sich der  Roman wie ein Puzzle zusammensetzt: Die Ehefrau des reichen Winzers, in dessen Haus die Putzfrau für Ordnung sorgt, verfolgt diese mit neidischen Blicken angesichts der Leere ihrer eigenen Existenz. Eine alte Dame war einst mit der Mutter der Putzfrau befreundet, deren Eltern im Dorf als Hippies in einer Kommune lebten. Die alte Grundschullehrerin ist mittlerweile im Altersheim, wo sie von der Putzfrau – ihrer einstigen Schülerin – gepflegt wird. Und ein zehnjähriges Mädchen schließlich, die Enkelin der alten Dame, fabuliert in Tagträumen vom Einhorn im Kastanienhain. Erst spät begreift man, was es mit all den Bruchstücken auf sich hat, die Pagano mit einem immer dichter werdenden Netz an Motiven und Bildern umkreist, bis sich auch der Leser darin verfängt. Denn der Missbrauch, der hier vor vielen Jahren geschehen ist, bleibt unerzählt. Pagano kratzt nur an den Spuren, die er bei allen Beteiligten hinterlassen hat: Einerseits ist da das Trauma einer Frau, die noch als Erwachsene Gedichte verfasst über Kastaniengeschlechter, die mit Dornen versehen sind. Andererseits erzählt sie von Scham und Schuld jener, die das Mädchen einst im Treppenhaus der Schule schreien hörten, aber nichts hören wollten. Diese schweigenden Mitwisser, die zu den Mittätern zu rechnen waren, sind von einem Schmerz ergriffen, der sie beständig die Gegenwart mit der Vergangenheit verklammern lässt. Herausragend sind dabei Paganos stark aufgeladene Bilder: ein vernähtes Geschlecht, Seidenraupen und Spinnenfäden, das mehlige Schwarz von Maronen, die feuchte Kühle des Waldes.

Nur wenig wird hier explizit, und doch steht dem Leser alles in grausiger Schärfe vor Augen: Pagano lässt uns die Pein ihrer Figuren von innen heraus sehen; Erlösung schenkt sie allein ihrer Heldin. Diese zeigt sie als eine Frau, die sich trotz aller Verwundungen ihrer Würde nicht hat berauben lassen. Die Rache, die sie schließlich nimmt, setzt die alte Geschichte auf grausame Weise fort. Emmanuelle Pagano ist  damit ein verstörend schönes Buch geglückt.

 

Emmanuelle Pagano
Bübische Hände. Roman
Aus dem Französischen
von Nathalie Mälzer-Semlinger.
Wagenbach, Berlin 2011. 140 S., 16,90 €

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