Das gute, alte Rascheln beim Seitenblättern? Schluss damit, hat unser Literaturkolumnist Robin Detje beschlossen. Anlässlich der Frankfurter Buchmesse, die am 10. Oktober beginnt, hat er sich ein E-Book zugelegt. Zwei Wochen lang verschrieb er sich strenge Papierabstinenz – und führte darüber Tagebuch
DER 15. SEPTEMBER
Liebes Tagebuch!
Im Oktober ist wieder Buchmesse in Frankfurt. Aber ich fahre nicht hin. Stattdessen habe ich mir einen E-Reader bestellt. Das Anti-Buch. Das Gottseibeiuns-Teil. Ein Druck auf den Einschaltknopf, und es ist vorbei mit der deutschen Buchkultur! Ein Rumpeln und Zittern wird durch mein Viertel gehen, wenn ich meinen E‑Reader auspacke. Meine alten gedruckten Bücher werden weinen und versuchen, sich von den Regalen zu stürzen. Buchhandlungen werden wanken und wahrscheinlich bald schließen. Aber es muss sein. Denn man muss mit der Zeit gehen. Und mit dem Papier ist vorbei, das hört man überall.
Was man sonst noch hört: Wir werden dümmer. Das Internet ist schuld. Mit dem Aufkommen der elektronischen Medien ist die Masse der Dummheit in der Welt explosionsartig angewachsen. Das Internet hat uns in Dummheitsjunkies verwandelt! Und außerdem ist im Internet alles umsonst.
Geiz ist geil. Ich will alles, ich will es für lau und ich will es sofort. Ich will mir online kostenlose Bücher für den E-Reader suchen, die mich vergessen lassen, dass ich jemals Geld für gedruckte Bücher ausgegeben habe. E-Books, die so dumm sind, dass meine letzte graue Zelle flöten geht. Denn so ist es mir versprochen worden: Dummheit einer neuen Dimension wird mich umfangen, dumm werde ich sein und dumm soll ich sterben. Mit einem Bauchklatscher will ich mich hineinwerfen in diese neue Umsonst-Welt und mich darin suhlen, dass es eine Lust ist.
17. SEPTEMBER
Mein E-Reader ist da. Natürlich habe ich ihn online bestellt. Jetzt heißt es auspacken. Eine froschgrüne Schachtel in einem haptisch ansprechenden weißen Schuber. Darin ein schwarzes Plastikteil, das auch nach Plastik aussieht. Fast schon vorsintflutlich im Vergleich zu einem Smartphone, geradezu klapperig. Dazu ein dünnes Käbelchen. Wenn man heute eine Schachtel öffnet, weiß man nie, in welchem Jahrtausend unseres rasenden technologischen Fortschritts man landet. In Riesensprüngen geht es vor und zurück.
Trotzdem bin ich jetzt bereit. Ich muss nur noch über Nacht den Akku laden. Ein Mal werde ich noch wach. Dann bin ich User. „User“ nennt man Drogenabhängige. Oder Menschen, die Computer und anderes fortgeschrittenes technisches Gerät nutzen.
18. SEPTEMBER
Guten Morgen, liebes Tagebuch!
Der Akku ist voll. Das Gerät piepst nicht und summt nicht. Es will Strom sparen. Es reagiert mit einer merkwürdigen Zeitverzögerung, die dem ganzen Beschleunigungsgedanken unserer Zeit zuwiderläuft. Wieder ein Sprung zurück: Das ist kein Porsche, das ist ein Opel Kadett. Grundfarbe: Weißgrau. Man blickt auf die Touchscreen wie auf die Oberfläche eines Teiches. Da unten, unter dem Text, schwimmt noch was. Fische? Buchstaben? Ich tippe hierhin, ich wische dorthin. Schon brauche ich ein Brillenputztuch. Ach, die neue Wisch-und-weg-Technik schenkt uns wahrlich neue Gründe, uns nach dem Essen die Finger zu waschen.
Das Tollste aber: Der E-Reader kann über WLAN mit dem Netz verbunden werden. Ich bin drin! Sofort erscheint eine Meldung: „Ein unbekannter Fehler ist aufgetreten. Möglicherweise handelt es sich um einen Hackerangriff.“
Ich wusste, dass es im Internet gefährlich ist, aber dieses Tempo überrascht mich doch. Wie hat er mich so schnell gefunden? Der Hacker stellt sich als Christoph Friedrich Nicolai vor, Hauptvertreter der Berliner Aufklärung, geboren am 18. März 1733 in Berlin, verstorben ebendort am 8. Januar 1811. Angeblich. Offenbar aber doch unsterblich. Er lädt mich ein, ihn auf Facebook zu frienden. Schöne neue Welt. In Riesensprüngen geht es vor und zurück!
Lesen Sie auf Seite 2, wie sich Detjes Dialog mit Nicolai entspinnt












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