Diskussionskultur

Es kommt eine neue politische Korrektheit auf uns zu

Kolumne Grauzone. Seit einiger Zeit erfährt die Political Correctness eine Steigerung. Entstanden ist eine Fixierung auf Mikroaggressionen, die viele Diskussionen unmöglich machen. Irgendjemand fühlt sich immer angegriffen. Vor allem ist diese Entwicklung jedoch ein Angriff auf die Freiheit 

Ein leeres Rednerpult mit dem Bundesadler vorn darauf
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Unser Autor

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Im Dezember 2014 erschien der von ihm herausgegebene Band „Religion. Facetten eines umstrittenen Begriffs“ bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig

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Ausgehend von amerikanischen Universitäten greift eine neue politische Modewelle um sich: Werke klassischer Autoren werden mit Warnhinweisen versehen. Es werden groteske Sprachregelungen durchgesetzt und Redeverbote erzwungen. Man erregt sich über Kostüme oder lapidare Scherze, fühlt sich verletzt, gekränkt oder traumatisiert.

Wenn Sie jetzt meinen, das Phänomen käme Ihnen bekannt vor, es handele sich um die gute alte Political Correctness, dann irren sie gewaltig. Political Correctness war einmal. Was nun auf uns zukommt, ist die „New Political Correctness“.

Fixierung auf Mikroaggressionen
 

Ausgemacht wurde das Phänomen etwa vor einem Jahr von Jonathan Chait im „New York Magazin“. Manche Auswüchse der neuen politischen Korrektheit, so Chait, seien altbekannt: So wurde der Comedian und Islamkritiker Bill Maher daran gehindert, einen Festvortrag an der Universität Berkeley zu halten, Demonstranten des Smith College versuchten eine Ansprache von Christine Lagarde zu verhindern.

Neu an der zweiten Welle politischer Korrektheit sei die Fixierung auf „Mikroaggressionen“. Darunter verstehen die Aktivisten der neuen politischen Korrektheit alle sprachlichen oder symbolischen Äußerungen, die als sozial, ethnisch, religiös oder sonst wie verletzend empfunden werden könnten.

So verkleideten sich etwa zwei Studentinnen des Claremont College zu Halloween mit Sombreros, Ponchos und Klebeschnauzer, was wütende Proteste auslöste. Hier mache sich die weiße Elite über eine Minderheit lustig. Ähnliches widerfuhr Studenten am Ithaca College, die sich im Stil schwarzer Gangster-Rapper verkleiden wollten und damit, so der Vorwurf, Rassenstereotypen Vorschub leisteten.

Doch für sensible Gemüter lauern Mikroaggressionen nicht nur auf Kostümfesten. Mikroaggressionen drohen überall, etwa in der Weltliteratur. Aus diesem Grund gehen Dozenten an immer mehr englischsprachigen Universitäten dazu über, Texte nicht mehr ohne „Trigger-Warnungen“ auszugeben.

Meinungsdiktatur als Folge
 

Dass in einem solchen Klima viele Diskussionen nicht mehr möglich sind, liegt auf der Hand. Themen wie Abtreibung, Islam, Religion, Klimawandel, Nahostpolitik oder Entwicklungshilfe werden tabuisiert – irgendjemand fühlt sich immer „offended“.

Im September schlug das Magazin „The Atlantic“ Alarm. Hier werde die freie Rede behindert und Einfluss auf den literarischen und philosophischen Kanon genommen. Vor allem aber werde die amerikanische Psyche verhätschelt.

Auch in Großbritannien ist die Welle der neuen politischen Korrektheit inzwischen angekommen. Anfang Dezember ging eine Gruppe von Professoren an die Öffentlichkeit und warnte im „Telegraph“ vor einer „zutiefst besorgniserregenden Entwicklung“.

In Oxford wurde eine Debatte über Abtreibung abgebrochen, weil sich Studentinnen darüber beschwerten, „dass eine Person ohne Gebärmutter“ (vulgo: ein Mann) mit diskutierte. In Cardiff versuchten Studenten einen Vortrag der Feministin Germaine Greer zu verhindern. Sie hatte vor Jahren geschrieben, auch ein kastrierter Mann sei keine Frau. Transsexuelle könnten sich „offended“ fühlen.

Das Anliegen der klassischen Political Correctness war volkspädagogisch. Mittels Sprachregelungen wollte man auf Diskriminierungen und tradierte Vorurteile aufmerksam machen. Das war im Ansatz sogar nachvollziehbar, mündete jedoch in einer Form von Meinungsdiktatur.

Angriff auf Pluralismus
 

Die neue politische Korrektheit geht allerdings noch weiter. Ihr geht es um den „Schutz“ angeblicher Befindlichkeiten. Ihre Aktivisten fordern einen „safe space“, einen geschützten Raum, der frei ist von gefühlten Zumutungen, von allem, was als Belästigung oder Angriff auf Minderheiten aller Art verstanden werden kann. Explizit wird ein „right to be comfortable“, ein Recht auf Behaglichkeit eingeklagt.

Diese Behaglichkeit kann durch alles gestört werden, was subjektiv als Herabsetzung und als Mikroaggression aufgefasst werden kann. Entsprechend finden sich Herabsetzungen prinzipiell überall: in den Dramen Shakespeares, in Romanen und Pop-Songs, in den Denkmälern unserer Städte, in ihrer Architektur. Wenn die Verfechter der neuen Political Correctness konsequent wären, würden sie den Abriss halb Europas fordern.

Doch das ist nicht einmal das Problem. Schlimmer ist, dass hinter der neuen Political Correctness ein lachhaft jämmerliches und larmoyantes Menschenbild steht. Hier stilisieren sich (privilegierte) Menschen zu hypernervösen Sensibelchen, die keine Kritik, keine andere Meinung, ja nicht einmal die Existenz des Anderen ertragen. Man kann das als Infantilität abtun oder Degeneriertheit. Das ist es sicherlich. Vor allem aber ist es ein absurder Angriff auf die Freiheit, den Pluralismus und die Zivilisation.

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