Am Anfang von Alice Sebolds Roman «In meinem Himmel» steht das Bild einer Schneekugel. Das Mädchen Susie, das dem kontrollierten Sturm im Wasserglas mit seinem Vater zuschaut, betrachtet den Zauber mit gemischten Gefühlen. Sie sorgt sich um die kleine Hauptfigur in dem kurzen Schauspiel, einen einsamen Pinguin. «Keine Angst», tröstet der Vater. «Er hat ein schönes Leben. Er ist in einer perfekten Welt eingeschlossen.» Hans Christian Andersens «chinesische Nachtigall» hätte sich mit dieser Antwort kaum zufriedengegeben. Anders Susie: Sie ist selbst in einer perfekten Welt eingeschlossen, aus der heraus sie sich an uns wendet – es ist das süße Jenseits. An einem Dezemberabend des Jahres 1973 wurde Susie, vierzehnjährig, von einem Vergewaltiger in ein Erdverlies gelockt und ermordet. Und blickt nun genauso geduldig vom Himmel herab, wie sich Waisenkinder früher ihre toten Mütter vorstellten. Die Erinnerung an die tödlichen Qualen hat Susies unsterbliche Seele nicht verletzen können. Das muss man erst einmal akzeptieren, aber wie plausibel kann eine Geschichte über das Himmelreich schon sein? Traumatisiert sind hier nicht die Opfer des Serientäters – Susie lernt sie im Jenseits alle kennen –, sondern die Überlebenden. Wenn diese sich in ihren Gedanken direkt an sie wenden, werden sie von dem toten Mädchen getröstet. Einen letzten eigenen Wunsch aber erfüllt sich Susie am Ende doch: Im Körper der späteren Freundin ihrer ersten Liebe erlebt sie eine erfüllte Liebesnacht. Auch Peter Jacksons Verfilmung beginnt mit dem Bild der Schneekugel, das im Kino freilich eine eigene Geschichte hat, seit es Orson Welles in «Citizen Kane» wie eine Postkarte aus dem Totenreich inszenierte. Wie Sebolds Roman trägt der Film im Original den Titel «The Lovely Bones». Liebliche Knochen: Wer die frühen Splatter-Filme des Neuseeländers kennt, bildgewaltige, schräge Ekel-Komödien wie «Bad Taste» oder «Braindead», der wird hier auf eine schwüle Morbidität schließen. Tatsächlich aber beschreibt Alice Sebolds Protagonistin mit dem Bild der «süßen Knochen» das Zusammenwachsen der Trümmer, die der Tod der Opfer des Serienmörders in der Welt der Sterblichen hinterlassen hat. Dabei geizt der Roman nicht mit blumigen Attributen für die Schönheiten der menschlichen Existenz: «Köstlich» nennt Susie das «Wippen der Brüste und Schenkel», als sie in den Körper von Ruth, der spirituell begabten Freundin ihres ehemaligen Geliebten, schlüpft. «Im Himmel verstreuten die Frauen Rosenblätter, als sie Ruth Conners sahen.» Dieser Ton wirkt, so wie Jackson ihn in Kinobilder überträgt, aber kaum zeitgemäß. Diese Verfilmung von Sebolds Roman ist bei ihrem amerikanischen Kinostart heftig verrissen worden. Kritikerpapst Roger Ebert stellte fest, dass man sich vor Millionen amerikanischer Leser doch sehr gruseln müsse, wenn das Buch so sei wie dieser Film. Dabei ist das Merkwürdige, dass sich Jackson, der auch bei der Umsetzung von Tolkiens «Der Herr der Ringe» schon für seine Detailgenauigkeit gerühmt wurde, sich relativ streng an die Vorlage gehalten hat. Was bekommt man aber, wenn man blumige Metaphern eins zu eins ins Bild setzt? Man bekommt Blumenbilder. Das rosige Jenseits, das Jackson mit allen Mitteln der Computer-Animation ausmalt, lässt an Glanzbilder fürs Poesiealbum denken. Für Verstorbene mit nur einem Quäntchen Geschmack wäre Jacksons Himmel die Hölle. In anderen Szenen aber entwickeln der Ästhetizismus des Regisseurs und seine malerischen Lichtwirkungen auch eine eigene Poesie: Die Vorort-Idyllen atmen eine melancholische Verklärung, und die Sequenz, in der Stanley Tucci, der Nachbar und Mörder, das Mädchen in sein Versteck lockt, hinterlässt eine Gänsehaut: Im Abendrot schimmert warmes Kerzenlicht aus einem unheimlichen Loch im Kornfeld. In seinen besten Momenten entwickelt der Film eine verstörende Sogkraft. Info
Alice Sebold In meinem Himmel
In meinem Himmel
Aus dem Amerikanischen von Almuth Carstens.
Goldmann, Zürich 2010.
384 Seiten, 8,95 Euro
(The Lovely Bones)
USA 2009. 135 Min.,
Regie: Peter Jackson
Kinostart: 18.02.2010
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> Dieser Himmel ist die Hölle
hören & sehen: Film
Dieser Himmel ist die Hölle
von 11. Februar 2010
Daniel Kothenschulte
Foto: imagenet
Dieser Himmel ist die Hölle
Peter Jackson verfilmt Alice Sebolds Roman «In meinem Himmel» und gleitet dabei in den Kitsch
Seite 1 von 2
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