Das hässliche Wort „Mauer“ war in der DDR verboten. Stattdessen forderte die SED-Regierung die Bürger ihres Landes auf, vom „antifaschistischen Schutzwall“ zu sprechen, und warb zynisch für die „Freiheiten“, die dessen Bau ermöglichen sollte. Wie reagierten die Schriftsteller, Theatermacher und Künstler des Arbeiter- und Bauernstaats? Ein Blick zurück
Günter de Bruyn
Er hat es nicht für möglich gehalten, dass der Albtraum Realität werden könnte. So ist er denn an jenem warmen Sonntag, dem Tag, als die Mauer hochgezogen wird, von früh bis spät durch Berlin gelaufen. „Ich wollte dabei sein, wenn man uns einsperrte“, schreibt Günter de Bruyn in seinem Lebensbericht „Vierzig Jahre“. Er will den Bewaffneten und den Arbeitern, die den Stacheldraht ausrollen, zeigen, dass sie nicht mit Jubel rechnen können. Doch auch in deren Gesichtern sieht der Schriftsteller Angst. Und er weiß, es ist die Angst, die Menschen regierbar macht. Deshalb empört es ihn, dass am nächsten Tag im Siegesgeheul des Neuen Deutschland behauptet wird: Nun endlich könnten die Bürger der DDR wieder frei atmen.
Für ihn beginnt nach dem 13. August die Zeit, in der ihn Träume quälen. Da überwindet de Bruyn nachts auf unerklärliche Weise die Mauer von Ost nach West. Warum? Weil er 17 Jahre im Westen gelebt hat. Und da steht er nun ohne Geld in der Fremde. Also will er wieder zurück. Doch die Grenzer lassen ihn nicht in den Ostsektor. Durchgang verboten! Mit aufgepflanztem Bajonett stehen die Hüter der Unfreiheit vor Stacheldraht und Beton. Erst gnädiges Erwachen, wie er schreibt, rettet ihn zurück in die Diktatur, wo die Sehnsucht nach Kopenhagen, Paris oder Rom wieder zum Traum mutiert.
De Bruyn lernt, mit der Mauer zu leben. Doch um den Schmerz über sie wachzuhalten, muss nicht erst ein Flüchtling erschossen werden. Es reichen kleine Anlässe, Sichtblenden, hinter denen Westberlin ein weißer Fleck ist, „als endete an der Grenze die Welt“.
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„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ Das sagt Walter Ulbricht, Staatsratsvorsitzender der DDR, noch am 15. Juni 1961 auf einer Pressekonferenz in Ostberlin auf die Frage einer westdeutschen Journalistin. Am 9. August aber werden ein paar wichtige Genossen auf Ulbrichts Landsitz in der Schorfheide in das Geheimprojekt eingeweiht: Der Mauerbau ist beschlossene Sache. Drei Minister waren in ihren schwarzen Limousinen vorgefahren: Erich Mielke von der Staatssicherheit, Hilde Benjamin, die sogenannte „blutige Hilde“ der Justiz, und Karl Maron, der Mann fürs Innere.
Ein paar Tage zuvor war Ulbricht aus Moskau zurückgekommen. Er hatte sich dort von Nikita Chruschtschow, dem Partei- und Staatschef der UdSSR, vorwerfen lassen müssen, dass er den gewaltigen Exodus aus der DDR nicht hat aufhalten können. Seit Gründung des Arbeiter- und Bauerstaats waren Jahr für Jahr mehr als 200 000 Bürger über die offene Sektorengrenze in die kapitalistische Bundesrepublik geflüchtet: Lehrer, Ärzte, Professoren, Apotheker, Werktätige und hoch qualifizierte Fachkräfte, die dem Kommunismus ganz offenbar misstrauten. Ulbricht konterte. Er vermisse beim großen Bruder im Kreml die Solidarität, und erklärte, dass es die „Menschenhändler und Kopfjäger“ im „Agenten- und Spionagenest Westberlin“ seien, die „labile Elemente aus der DDR abwerben“. Der Flüchtlingsstrom war ja inzwischen auf täglich weit mehr als 1000 DDR-Bürger angewachsen. Es musste also gehandelt werden, oder die DDR müsste sich ein anderes Volk suchen. So wurde denn dem kleinen Bruder Ulbricht – über den damals der Witz kursierte: Der Letzte macht das Licht aus – die Mauer verordnet. Und der Mann, den der sächselnde Ulbricht mit der Leitung der Operation „Antifaschistischer Schutzwall“ beauftragt, heißt Erich Honecker.
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