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lesen: JournalDie Taube in der Suppe

Von Daniela Strigl12. November 2010
Schrift:
Melinda Nadj Abonji, Buchpreisträgerin des Jahres 2010, erzählt von Menschen, die nicht mehr eins sein können. Roman

Wann hat man das zum ersten Mal gehört: «Menschen mit Migrationshintergrund»? Wer hat dieses Wortungetüm erfunden, und warum haben sich alle damit abgefunden? Und wieso überhaupt «Hintergrund»? Ein Buch wie «Tauben fliegen auf» macht klar, dass die eigene Herkunft für den Einwanderer, ob er das will oder nicht, im Zentrum seiner Existenz steht. Vordergründig geht es dabei um die Sprache und um das Heimweh, in einer tieferen Schicht der Wahrheit um die Kluft zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung. Ohne Verbrämung durch den politisch-medialen Jargon klingt eine Unterhaltung zwischen den Stammgästen eines Schweizer Cafés und der Tochter des aus der Woiwodina zugewanderten Cafetiers so: «Ihre Muttersprache ist also Ungarisch und nicht Serbokroatisch, kombinierte Frau Berger, ja antwortete ich. Dann sind Sie gar nicht vom Balkan? Nicht eigentlich, antwortete ich, aber doch irgendwie, dachte ich. Herr Berger, der seine Stirn abrupt in Falten legte, seine Frau Annelis belehrte, siehst du, ich hab’s doch gesagt, die vom Balkan haben andere Hinterköpfe.»

Ildi, Melinda Nadj Abonjis Ich-Erzählerin, erträgt Anfang der Neunziger die ignorante Harmlosigkeit nicht mehr, mit der die meisten Einheimischen ihrer Familie begegnen, während «zu Hause» der Bürgerkrieg herrscht. Was die Eltern Kocsis, eisern aufstiegs- und anpassungs­willig, jahrelang hinuntergeschluckt haben, nämlich dass man die «Jugos» im Gastland eigentlich nicht haben will, kommt der Tochter hoch, spätestens als sie das mutwillig versaute Klo im Café putzen muss. In seinem Sarkasmus ist «Tauben fliegen auf» auch eine Abrechnung mit der Schweiz, eine peinlich genaue: Nicht nur die obszöne Selbstzufriedenheit vieler wird verbucht, sondern auch die Herzlichkeit einiger. Immerhin stimmt die Gemeindeversammlung für die Einbürgerung der braven Familie Kocsis. Ein Einwandererroman also, aber genauso gut ein Familien- und Pubertätsroman, ein Buch über den traurigen Rest des Vielvölkerstaats, über die ungarische Minderheit unter den Serben, zwischen K.u.k.-Erbe und Kommunismus, ein Buch voll dramatischer Dorfgeschich­ten, deren Mittelpunkt Mamika ist, die geliebte Großmutter, zu der Ildikò und ihre Schwester Nomi genauso «Sie» sagen wie der Vater, ein lustiger, trauriger, jähzorniger Mann, dessen echt ungarische Krisenbewältigunsmethode – Schweigen und Trinken – die Familie in Atem hält.


Das Deutsche in dreifacher Gestalt

Ja, es gibt sie auch hier, die opulente Balkanhochzeit, bei der die Angst vor dem Tod verkocht wird zu einer schier unendlichen Folge von köstlichen Speisen und stärkenden Schnäpsen. Aber am Ende weist der erbitterte Streit von Vater und Onkel schon auf den nicht mehr abzuwendenden Krieg. Die Tauben, die als dezentes Motiv durch den Roman flattern (oder auch nicht: Es gibt Taubensuppe), richten dagegen nichts aus, der Cousin, dessen Zucht weithin berühmt ist, wird am Schluss in die Volksarmee gepresst. Ihre querfeldein stürmenden, keineswegs zuverlässigen Erinnerungen hat die Erzählerin in einen mitreißenden musikalischen Redestrom gebettet, aus dem – mindestens – dreierlei Deutsch zu vernehmen ist: das doppelte der Schweiz (die die Orthografie bestimmt), das Bundesdeutsche und das Altösterreichische, vor allem als Leib- und Magensprache. Durch alle Schichten des Deutschen hindurch ist der Roman jedoch eine Hommage an das Ungarische, das man en famille spricht und das die Eltern auf wundersame Weise in glückliche Menschen zu verwandeln vermag. Dass jeder Mensch mehr als zwei Gesich­ter habe, hat Großmutter Mamika einmal gemeint – «Ich möchte nur ein Gesicht haben, sage ich.» Davon, dass diese Eindeutigkeit nicht zu haben ist, heute weniger denn je, handelt Nadj Abonjis herzerwärmender Roman.


Melinda Nadj Abonji Tauben fliegen auf
Jung und Jung, Salzburg/Wien 2010. 315 S., 22 €

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