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Florian Illies: „1913” - Die Ruhe vor dem Sturm

Florian Illies zeichnet das Panorama des Jahres 1913 – ein Jahr am Südhang der Geschichte

Autoreninfo

Peter, Stefanie

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Ständig ist jemand in Kur. Lovis Corinth erholt sich in Tirol von seinem Schlaganfall, Sigmund Freud versucht in Marienbad Rheuma und Depression loszuwerden, und Robert Musils Arzt verlangt für seinen Patienten „eine noch mindestens sechs Monate dauernde Sistierung der Berufstätigkeit“. Wir schreiben das Jahr 1913, und alle sind erschöpft. Es herrscht Schlafmangel: In ihren Tagebüchern rühmen sich Kafka, Joyce, Musil und Thomas Mann, wenn es ihnen gelungen ist, einmal vor Mitternacht ins Bett zu gehen. Übermüdete Nervenbündel waren sie, die Vorreiter der Moderne. Daher erschien ihnen Schlafen als mutiges Ankämpfen gegen Niedergeschlagenheit, Trinken, sinnlose Ablenkung und die voranstürmende Zeit.

Nicht von ungefähr beginnt Marcel Proust das größte Romanwerk der Epoche mit dem Satz „Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen“. Was vor hundert Jahren „Neurasthenie“ hieß, nennen wir heute „Burn-Out“. Und daran, dass die Neurasthenie in der Behördenwelt der k.u.k. Monarchie ein sofortiger Freistellungsgrund war (wie sonst hätte Robert Musil an seinem „Mann ohne Eigenschaften“ arbeiten sollen?),  erinnert uns jetzt noch einmal der Publizist Florian Illies.

Sein Buch „1913. Der Sommer des Jahrhunderts“ enthält eine Topografie berühmter Reiseziele und Kurorte des alten Europa. Und es ist ein Katalog der Leiden, Ängste, Marotten und Zipperlein berühmter Protagonisten, darunter Oswald Spengler, Arthur Schnitzler, Franz Kafka, Else Lasker-Schüler, Franz Marc und Oskar Kokoschka. Doch der Reihe nach.

Es liegt ein großer Reiz darin, gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen in der Erzählung eines einzigen Jahres zu verklammern. Karl Schlögel schuf mit „Moskau 1938. Terror und Traum“ ein beeindruckendes Monumentalgemälde der russischen Metropole im Stalinismus, und Hans Ulrich Gumbrecht ließ in „1926. Ein Jahr am Rand der Zeit“ die vermeintlichen Nebenschauplätze der Zwischenkriegszeit in Alltagsszenen lebendig werden.

Illies geht eher den umgekehrten Weg. Anstelle der Verdichtung wählt er die Zerstreuung. Er erzählt das Jahr 1913 in zwölf Kapiteln, die er in dutzende, sehr kurze Abschnitte zerlegt, als ließe sich „die ungeheure ungleichzeitige Gleichzeitigkeit, die das Jahr 1913 vor allem ausmacht“, überhaupt nur in Fragmenten angemessen schildern.

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Es beginnt mit dem damals zwölfjährigen Louis Armstrong, der in New Orleans das neue Jahr begrüßt, indem er zwei Schüsse aus einem gestohlenen Revolver in den Nachthimmel abfeuert, und endet mit einer Tagebuchnotiz Arthur Schnitzlers, der mit Freunden auf das Jahr 1914 anstößt. Dazwischen überschlagen sich die Ereignisse. 

Anders als in seinem Besteller „Generation Golf“ scheint es Illies nun weniger darum zu gehen, eine Zeit oder Generation auf einen Begriff bringen zu wollen. Er geht vielmehrvon einer Jahreszahl aus, die wir als Chiffre für den Vorabend des Ersten Weltkriegs kennen, und streut zunächst einmal wild Anekdoten, die man irgendwo schon einmal gelesen zu haben meint, und Kernsätze, die man ganz gewiss bereits gehört hat (natürlich darf auch Kafkas Tagebucheintrag vom 20. November 1913: „Im Kino gewesen. Geweint.“ nicht fehlen).

Florian Illies’ Gleichzeitigkeitspanorama fußt auf profundem kulturgeschichtlichen Wissen und zahlreichen einschlägigen Biografien. Der Autor folgt seinen Protagonisten aus Literatur, Wissenschaft, Musik und Kunst mit der Neugier und dem Vergnügen eines Gesellschaftsreporters. Die Assoziationsketten sind abenteuerlich, kreuz und quer geht es durch das alte Europa, insbesondere durch Wien, Berlin und Paris. Illies unternimmt einen Abstecher nach New York, zur ersten „Armory Show“, wo Marcel Duchamps „Akt, eine Treppe herabsteigend“ einen Skandal auslöst.  

Bei Albert Schweizer wiederum stand ein Eimer mit kaltem Wasser unter dem Schreibtisch, wo hinein er seine Füße stellt, um beim Lesen nicht einzuschlafen. Nasse Füße hatte auch Felice Bauer, als sie Kafka kennenlernte. Deren komplizierte Fernbeziehung fasziniert Illies ebenso wie die gescheiterte Liebe zwischen Gottfried Benn und Else Lasker-Schüler oder das erotische Ausgeliefertsein Oskar Kokoschkas an seine „Windsbraut“ Alma Mahler. Es wird viel korrespondiert im Jahr 1913. „Die Post“, schreibt Illies, „war 1913 schneller als 2013“.

Anders als Arnold Schönberg noch im Januar vermutete, wurde 1913 kein Unglücksjahr sondern eines, in dem alles möglich schien, „ein Jahr am Südhang der Geschichte“. Der große Bestseller war damals „Der Tunnel“ von Bernhard Kellermann, eine Ingenieursphantasie über einen Atlantiktunnel zwischen Amerika und Europa. 24 Jahre wird daran gebaut, aber als der Tunnel endlich vollendet ist, will ihn niemand mehr benutzen. Schließlich ist mittlerweile das noch viel schnellere Flugzeug erfunden worden. Irgendwann überholt die Wirklichkeit die Utopie.

Florian Illies: 1913. Der Sommer des Jahrhunderts. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2012. 320 S., 19,99 €

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